Der Kirschgarten, HB

von Anton Tschechow

Theater am Goetheplatz, Premiere 28.2.2014

Regie: Alice Zandwijk, Ausstattung:Thomas Rupert; Musik: Maartjje Teussink, Dramaturgie: Benjamin von Blomberg; Licht: Christopher Moos
mit: Annemaaike Bakker, Martin Baum, Peter Fasching, Guido Gallmann, Nadine Geyersbach, Irene Kleinschmidt, Johannes Kühn, Siegfried W. Maschek, Susanne Schrader, Robin Sondermann, Maartje Teussink

Rettung aussichtslos

Nervös Nüsse knackend, versteift und mit einem Blumenstrauß bewehrt, händereibend, trippelnd und doch wie angewurzelt auf einem Fleck – so warten drei der Bediensteten des alten Gutes auf die Heimkehr ihrer Herrschaft, die während der vergangenen fünf Jahre das restliche geliehene Geld verpraßte und sich nun zuhause in Russland ein Leben wie in alten Zeiten erhofft. Der Bauernssohn Lopachin, der sich zum Kaufmann emporrechnete, das anhängliche Dienstmädchen Dunjascha und der glücklos-pessimistische Kontorist Jepichodow sind die Vertreter der alten und neuen Welt.
Auf der ärmlich kahlen Bühne mit weiß-fleckigen Wänden und einer deckenhohen Tür sowie einem riesigen Elchgeweih auf der gegenüberliegenden Seite wird sich nun mühsame zweieinhalb Stunden lang das oberflächlich fröhliche Party- und Plantschgeplänkel zwischen Herrschaft und Dienervolk im Schneckentempo abspielen. Und man weiß von Anbeginn, dass der Untergang droht; denn der strahlend freundliche Lopachim verliert keinen Begrüßungsaugenblick, um den Herrschaften mitzuteilen, dass der Konkurs bereits terminlich festgesetzt ist und, dass es nur einen Ausweg aus der drohenden Verarmung gibt: den Kirschgarten abzuholzen und das entstehende Bauland für die Vermietung von Wochenendhäusern zu nutzen.

Ein alter Lakai, ein wahres Relikt aus einer untergegangenen Welt, bemuttert die Ankömmlinge wie einst und bleibt seinen Kammerdienerhabitus treu bis in den Tod; er wird mit dem Gut zusammen als Altlast entsorgt werden. Für Guido Gallmann vor allem eine körperliche Herausforderung, denn er muß nicht nur auf den Stelzen trippeln, sondern sich auch bücken und beugen. Denn eine Guckbühne auf der rückwärtigen Wand läßt ein letztes lustiges Treiben ausschnittweise wie ein schon nicht mehr reales letztes Vergnügen nur noch halb sichtbar werden, Noch einmal wird jetzt – der in allen Tschechowdramen eingesetzte – arbeitslose und tatenlose Intellektuelle (Johannes Kühn als ewiger Student Trofimow) mit Weitblick verkünden, wie es um die tatenlose reiche und die arme arbeitende russische Bevölkerung und ihre Denker steht. Aber niemand nimmt ihn ernst und er selbst sich wahrscheinlich auch nicht; denn die 17jährige entzückende Gutsbesitzertochter Anja (Annemaaike Bakker steigt wie Venus aus dem Bade), die ihn schüchtern verherrlicht, wird er verschmähen, nicht, weil sie eventuell zu jung für ihn ist und er so etwas wie Verantwortung spürt – zum ersten Mal in seinem nutzlosen Dasein -, sondern “weil er über der Liebe steht”. Da hilft auch die personifizierte Unschuld im welkenden Gutsgarten nichts, der halb verdorrt schon dem Untergang prophezeit; Wie Adam und Eva stehen sie kurz vor ihrer Vertreibung aus dem Paradies im Adamskostüm, frierend und unbeholfen, im leeren Raum und wissen nicht, was sie tun sollen. Das ist – mit Abstand betrachtet – letztlich doch eine starke Szene, aber sie ist leider nicht stringent aufgebaut, und als Abschluß des allgemeinen Badevergnügens hat sie keinen Charme!

Das ist dann aber schon die einzige Überraschung dieser Inszenierung, in der sich Martin Baum als Bruder der Gutsherrin chaotisch oder auch pychotisch mit letzter Arroganz gegen den drohenden Abstieg wehrt und wie seine Schwester Andrejewna vor der Wirklichkeit fest Augen und Verstand verschließt. Irene Kleinschmidt gelingt es, die verzweifelte Wehr gegen das Unfassbare, Unvorstellbare mit einer zärtlichen Flucht in die Bilder der Vergangenheit glaubhaft zu machen; Der Wahrheit ist sie allerdings schon seit langem entrückt; denn so wie sie ihre letzten geborgten Kopeken nach Gutsherrenart zum Fenster hinaus und dem windigen Liebhaber vor die Füße wirft, ist von ihr keinerlei Realitätssinn mehr zu erwarten. Aber eine wirkl bot die vielseitige Musikerin und wunderbare Sängerin Maartjje Teussink, die in der Rolle einer Unterhaltungskünstlerin mit ihrer Szenenuntermalung zugleich eine psychologische Vertiefung schuf und zuweilen die Schauspieler in Marionetten verwandelte.

So wuseln und flirten und feiern sie alle miteinander, in letzter Hoffnung nach dem Motto: wer sich die Hand vor die Augen hält, wird nicht gesehen… Und als sie Lopachim in seiner freundlichen Art davon in Kenntnis setzen muß, dass er ihren Kirschgarten gekauft hat und das Wochenendhausprojekt verwirklichen wird, erwachen sie nicht zu neuem Bewußtsein, sondern verharren in Starrsinn und verletzter Standesehre. Dass dieser Lopachin mit Robin Sondermann die Sympathie der Regisseurin und auch die des Publikums gewinnt, ist ein Novum in der Interpretation dieses Stückes – wurde er doch bisher gern als Vorläufer des Raubtierkapitalismus gesehen, der die Tradition mit Brutalität ausrottet. Hier siegt seine unbekümmerte Zuversicht, alles und alle retten zu können, und seine Pläne scheitern nur an der Borniertheit der Gutsbesitzer. Dass er seine Beinahe-Verlobte, die Stieftochter des Hauses, dann doch nicht ehelicht, wird hier durch die Ruppigkeit und verletzte Eitelkeit von Warja (Nadine Geyersbach als verbittertes und agressives Aschenputtel) bewußt vereitelt. Also nicht durch die sehr viel hübschere Version, dass der Bewerber letztlich flüchtet, weil er sich fürchtet, fortan die ganze Sippe als schmarotzende Verwandtschaft  versorgen zu müssen. Aber dazu wäre dieser Lopachin viel zu liebenswert.

A.C.

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