Maria de Buenos Aires, B

von Astor Piazollo
Operita in zwei Teilen ; Dichtung: Horacio Ferrer “Maria de Buenos Aires”
Komische Oper.Berlin, 2006
Neue Werke – neue Formen in der Reihe “Komische Oper ‘Akut”
Musikalische Leitung: Per Arne Glovigen; Inszenierung: Katja Czellnik
Bühnenbild u. Kostüme: Bernd Damovsky; Dramaturgie: Antje Kaiser; Licht: Frank Evin
mit: Julia Zenko als Maria; Matthias Klein als El Cantor; Daniel Bonilla Torres als El Duende; Cesar Nigro, Gitarre; Per Arne Glorvigen, Bandoneon; Sverre Indris Joner, Klavier; Stravaganza: Ulrike Schladebach und Stephan Wiesner sowie Musiker des Orchesters der Komischen Oper Berlin

Ein Tango zwischen den Schatten der Toten

Maria de Buenos Aires ist weder Oper, Oratorium noch Ballett, sondern surrealistisch-poetisches Musiktheater, bestimmt allerdings vom Tanz. In einer Reihe von Tänzen und Balladen über das Leben, ohne dass eine herkömmliche Handlung die Abläufe miteinander verknüpft, wechseln Mann und Frau, Chor und Einzelperson, Sprache und Gesang einander ab. Maria ist in diesem Stück die Symbolfigur, Heilige und Hure, Erhabene und Trostspendende, aber auch Leidende und Unbelehrbare. Sterben und Wiederauferstehen sind das Thema dieses sehr leidvollen, symbolbeladenen Poems. Es wird zwar in deutscher Übersetzung an die beide Seitenlogen projeziiert, bleibt jedoch in seiner mystischen Aussage weitestgehend unverständlich. Maria und ihre Gefährtinnen, so viel wird deutlich, leiden und werden von den Macho-Männern stets ausgenutzt und misshandelt werden, auch wenn sich diese nach den Frauen sehnen.
Tango und Bandoneon, immerwährende Symbole der Sehnsucht, der Liebe und der traurigen Gewissheit, das diese Wünsche unerfüllbar bleiben, begleiten die sehr ruhigen Bewegungsabläufe des Tänzer-Chor-Ensembles, während Maria ihre Gefühle meistens nur mit ihren vollen warmen Stimme -allerdings ohne Worte – ausdrücken darf; Der Macho, Mann, Zuhälter, steht für die gesprochenen Verse, während der liebevolle El Duende von Daniel Bonilla Torres mit zärtlich-festem, warmen Timbre “Lebensatem und Motor” ist – mit einer Stimme, die dem Tango nicht folgt, sondern ihn in sich trägt: Die Musik als Befreiung. Der Tango aber wird nur ein einziges Mal getanzt, als ein unauffälliges Paar über die am Boden liegenden Schatten gleitet, unaufgeregt, selbstverständlich, in grauer Alltagskleidung, wie überhaupt die Kostüme der Tristesse der Armen angepasst sein sollen, eine Spezialität, die man sich bisher für Volksbühne und Schaubühne vorbehielt. Nun herrscht also auch in der Kammeroper Trivialität.
Von Erotik, von fiebernden Leidenschaften, vom Liebeskampf der Geschlechter ist diese Inszenierung allerdings weit entfernt. Sie ist stellenweise langatmig, zuweilen grausam, dann wieder banal. Wären da nicht die wunderbaren Bandoneons, mit denen die Paare ausgestattet sind und die sie mal als Instrumente, mal als Sitzmöbel, dann wie eine Geliebte in den Armen halten – oder, lang ausgedehnt, als gemeinsame rote Schutzwand im Daseinskampf in den Armenvierteln von Buenos Aires benutzen, dann wäre die Performance nicht weiter aufregend — im Kontrast zum einfühlsam spielenden Orchester, dessen Intonation so gar nicht dem hoffnungslosen Text und Ambiente entspricht, sondern zärtlich aufhorchend dem Leben die schönen Saiten abgewinnt. A.C.

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