Halpern und Johnson, B

Von Lionel Goldstein
Gastspiel: Halpern&Johnson
Eine szenische Lesung mit Udo Samel und Gerd Wameling
Eingerichtet von Gerhard Ahrens und Bernd Kaufmann; Deutsch von Ulrike Syha

Renaissance Theater, 2016

Der Tag, an dem sie endlich voneinander wussten

Zwei Männer und eine Frau – ein alter Stoff, der immer wieder gut ist für eine Komödie, für ein Drama, für eine Geschichte, die jedermann erreicht. Und wer könnte so genial den schmalen Grad entlang wandern, der diese beiden Genre miteinander verbindet wie der jüdisch-amerikanische Autor Lionel Goldstein – und wer könnte diese traurig-schöne Liebesbeziehung zweier Männer zu einer Frau so emphatisch nachspielen wie die beiden Charakterdarsteller Gerd Wameling und Udo Samel! Ein dringender Appell: Es darf nicht bei nur diesem einen Gastspiel bleiben!

Denn was als Lesung angekündigt ist, erweist sich – trotz der Tisch-und Stuhl-Requisiten und der vorliegenden Textbücher – als temperamentvolles, feinnerviges, hintergründiges Spiel zweier Männer, die einander viel zu erzählen hätten – vorläufig aber wie zwei Kater um den heißen Brei herumschleichen. Da ist der eine, der Ehemann, der seine Frau tränenreich betrauert, und mit ihm, am Grab zur gleichen Zeit, ein anderer, ihm unbekannter Mann, der einen Strauß bunter Blumen auf das frische Grab legen möchte, was gegen die Regel einer jüdischen Bestattung ist. Sie wussten und wissen vorerst nichts von einander, ihr Erstaunen ist im gleichen Maße mit Misstrauen gepaart, und  es wird vier aufregende Episoden lang dauern, bis sie die Wahrheit über ihre gemeinsame Liebe, über ihre Situation, die geliebte Frau und last not least über sich selbst gefunden haben.

Vom ersten Augenblick an, da sich die beiden Männer – Halpern, der Witwer und Johnson, der Unbekannte, beide sorgfältig gekleidet, ernsthaft, vom Alter gezeichnet  – dem Publikum vorgestellt haben, beginnt dieses Kammerspiel zu vibrieren, und jedes Wort, das fortan fällt, trifft den Ehemann der Verstorbenen, Halpern, wie ein Schlag, der ihn sichtbar verletzt und immer wütender macht, bis er endlich begriffen hat, worum es eigentlich geht.  Zunächst noch nichts wissend und doch alles ahnend, fährt Udo Samel als ein erstklassischer Choleriker dem sich vorsichtig an das heikle Thema herantastenden Johnson unaufhörlich in die Parade. Es gibt für zwei so hochkarätige Schauspieler keine Zufälligkeit; In ihrer ausgereizten und ausgespielten Polarität sind sie ein die Dynamik des Spiels vorantreibendes unschlagbares Duo: Gerd Wamelings Johnson ist ein feinsinniger, gebildeter, verständnisvoller ruhiger Mann, der warten und taktieren kann, der versucht, dem aufbrausenden einfachen Gemüt des Gegenüber die nun die nicht ganz so harmlose Tatsache zu erklären, was ihn mit des anderen Ehefrau über mehr als 50 Jahre so eng verband. Einst ineinander verliebt, dann nurmehr  befreundet, nachdem die Geliebte den anderen Mann, eben Halpern, geheiratet hatte. (vermutlich, und das wird in der Geschichte nirgends wirklich ausgesprochen, konnte die junge Frau nur einen Mann ihres Glaubens heiraten?!)

Nun ist jeder Satz, der verstanden und missverstanden wird, ein ausgefeitles Konstrukt an Witz und Tiefgründigkeit, an Chuzpe, wie man es nur im Jüdischen versteht, der zunächst nur bei dem Ehemann  zu Wutausbrüchen und Hustenanfällen, hochrotem Kopf und unkontrollierten Beleidigungen führt. Doch langsam arbeitet sich Halpern von der Verteidigerposition in die des Angreifers und drängt den anderen in die Defensive. Im gegenseitigen emotionalen Schlagabtausch öffnet sich nach und nach die Geschichte zweier Menschenleben: die einer Ehe in all ihren Abschnitten, im Auf und Ab eines normalen Alltags, einer lebendigen, aber auch intellektuell mangelhaften Beziehung, die verschiedene Phasen durchlebt und die eines einsamen Mannes, der, um seine Liebe betrogen, sein Leben fortan mit dem Wenigen begnügt, was ihm geblieben ist.

Wer je Udo Samel auf der Bühne erlebt hat , gleich in welcher Rolle, weiß um sein mitreißendes Mienenspiel, seine Gestaltungsbrillanz, die ihm erlaubt, jedes Wort genüsslich zu zeichnen, indem er die Kunstgriffe der Sprachvariationen voller Genuss ausreizt. Und so wird aus einem Wort eine Geschichte, ein Geständnis, zeigen sich Betroffenheit, Trauer, Einsicht, Angst und Unsicherheit gegenüber dem scheinbar überlegenen Johnson, sobald er begriffen hat, dass er seine Frau niemals ganz an Leib und Seele verstanden hat, die bei ihrer Jugendliebe ein Leben lang  erhielt, was er ihr    nicht geben konnte. Dass die beiden Alten am Ende natürlich irgendwie zusammenfinden und nun gemeinsam um ihre große Liebe trauern, ist nur folgerichtig. Denn die Kranke hatte es so gewollt, indem sie die Begegnung der beiden Männer, die ihr Leben bestimmt hatten, vorbereitet hatte.

Auf diesem wankenden emotionalen Lebensschiff balancierten auch zwei andere, berühmte Schauspieler 1983 in einem TV Film: Laurence Olivier und Jackie Gleason eroberten sich mit diesem erbitterten Wortduell ein breites Publikum. Viele Bühnen spielten es seither mit großem Erfolg. Das Geheimnis ist nicht die Geschichte an sich, sondern die exzellente Dialogführung in einem  spannungsreichen dramatischen Disput zur Selbstfindung: Halpern & Johnson. A.C.

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