Simplicius Simplicissimus, HB

Der Krieg in Form – Foto: Theater am Goetheplatz
von Karl Amadeus Hartmann (1905-1963)

Text von Hermann Scherchen, Wolfgang Petzet und Karl Amadeus Hartmann
nach dem “Schelmenroman” “Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch” von Johann Jacob Christoffel von Grimmelshausen (1622-1676)
Theater am Goetheplatz, Bremen, 2017
Bremer Philharmoniker unter der Leitung von Clemens Heil, Regie: Tatjana Gürbaca, Dramaturgie: Caroline Scheidegger, Bühne und Licht: Klaus Grünberg, Kostüme: Silke Willrett, Chor: Alice Meregaglia
mit Marysol Schalit: Simplicius Simplicissimus; Einsiedel: Luis Olivares Sandoval; Gouverneur: Christian-Andreas Engelhardt, Landknecht: Birger Radde, Hauptmann: Patrick Zielke, Bauer: Loren Lang, Tänzerin, Akrobatin: Nora Ronge, kindlicher Sprecher: Max Geburek/Constantin Hussong

Spiel mir das Lied vom Tod

Die unvorstellbaren Grauen eines 30 Jahre währenden Krieges, der keinerlei moralische und kämpferische Ethik kannte, sondern in dem nur noch Gemetzel, Meuchelei, Chaos und Tod herrschte – wie beschreibt man diese, wie setzt man ein 600 Seiten starkes Buch der Schrecken in erkenntnisreiche Musik und Bilder um, wie ist es überhaupt möglich, diese scheinbar nicht mehr beherrschbaren Mechanismen von eskalierender Gewalt der Menschheit jederzeit wie einen Spiegel vorzuhalten und – damit einen Lichtstrahl der Einsicht und Hoffnung aufblitzen zu lassen?

Grimmelshausen hat in seiner Schilderung der 1636 geschlagenen Schlacht von Wittstock drastisch      die Unsäglichkeit menschlicher Teufeleien beschrieben, und Karl Amadeus Hartmann hat 1934/35   visionär und mit zunehmender Expressivität aus “dem Stegreif” ein gestrafftes Szenarium dieses Romans entwickelt, das allerdings erst 1949 mit zu seiner Berufung als Chefdramaturg an der Münchner Staatsoper uraufgeführt wurde. Und der Komponist befand, dass sich kein Mensch aus der “Verheerung und Verwilderung” einer Epoche herausretten könne, es sei denn, es schützt ihn die kindliche Fähigkeit, die Welt abseits allen Leids als “verbogener, unheroischer” Mensch zu sehen.

Das kleine Kind, das eltern- und heimatlos geworden ist, sucht eine Zuflucht in der bedingungslosen Hingabe an einen alten Eremiten, der es die notwendigsten Überlebenskünste lehrt, vor allem aber die bedingslose Hinwendung zu einem Gott in einer barbarischen Welt. Inmitten dieser Barbarei leuchtet die Unschuld des Jungen, der nur das benennt, was er sieht und der somit das Unfassbare ausspricht, als Narr geduldet wird und als Wahrsager in einer geträumten Parabel das Schicksal der Täter und Verantwortlichen dieses Krieges und aller Kriege bildgewaltig beschreibt.

Nun gibt es keine Bühne in dieser spannungsreichen Inszenierung, der Clemens Heil als Gastdirigent  Frische und Dynamik gibt. Die Musiker des kleinen Orchesters spielen vor einer halbrunden Holzwand, in der sich am unteren Teil ein schmaler Guckkastenschlitz befindet, der passend zum Ablauf der Erzählung in wechselnden Auszügen das brutale Antlitz des Todes zeigt: einen ekeligen Schlangenwurm, der sich unaufhaltsam durch die Welt zu fressen scheint, wackelnde, rauchende Totenköpfe, aber auch ein friedvolles beruhigendes Ambiente einer grasgrünen Hügellandschaft mit Schafen und kleinen Häuschen, auf denen später der Eremit seine letzte Ruhe finden wird.

Im oberen Teil der Wand öffnet sich ein runder Ausschnitt, hinter dem sich sehr eng und gedrängt in einem Lichtkegel die einzelnen Darsteller dem Ablauf der Geschichte stellen:  Armselig und hilflos erzählen die geschundenen Bauern von ihrem Elend. Abstoßend karikiert wie in den Bildern des Malers George Grosz protzen die hanswurstartigen plebejischen Herrscher mit brutaler Selbstzufriedenheit:  Patrick Zielke, der stets aus einer dramatisch zugespitzten Rolle eine bemitleidenswerte Figur machen kann wie hier als fieser Hauptmann, Christian Andreas Engelhardt als Gouverneur und Borger Radde als Landsknecht, die als lüsterne Mitbewerber um die schöne Verführerin Nora Ronge rangeln. Sie wollen dem kleinen Simplicius, der sich nach dem Tode seines Freundes tapfer und staunend auf den Weg in eine unfassbare, erschreckende Welt begeben hat, eigentlich sofort an den Kragen gehen. Doch Simplicius in Gestalt der zierlichen knabenhaften Marysol Schalitt singt sich so betörend und überzeugend mit einer glashellen leuchtenden Stimme in ihren Kopf, dass sie ihn freudig als scheinbar tumben Narren bei sich behalten.
Und jetzt befindet sich der Zuhörer erstaunt auf der dritten Ebene der musikalisch kontrastreichen Zeitreise. Im Wechsel mit martialischen Marsch und Militärklangfolgen (empfunden nach Versen von Andreas Gryphius “Tränen des Vaterlandes” aus dem Jahr 1636)  begleiten die verschiedenen Instrumente den Wandel der Handlung zwischen Choral- und Bänkelgesang bis hin zur symphonisch ausgreifenden Bilderwelt einer schmerzlicher Romantik. Am Ende kommentiert ein an Brecht/Weill anklingendes Intermezzo die epische Handlung. Die Parabel vom Baum, auf dessen Gipfel die Kriegsherren thronen und ihr Gewicht und ihre Last von Ast zu Ast nach unten bis in die Wurzeln verlagern, wo der einfache Mann nicht länger mehr imstande ist, die Bürde zu tragen, wird zum politischen Lehrstück für die Nachwelt. Der kleine Simplicius trägt das den Herren in solch selbstverständlicher Art vor, dass diese die Warnung hören und sich selbst im Spiegel erkennen könnten. Aber da ist es bereits zu spät. A.C.

Ein kleiner Junge im dunklen Anzug – das moderne Erzähler-Ich des Symplicius – bilanziert am Rande der Bühne auf einer Tafel in einem Satz die grausliche Vergangenheit: von 12 Millionen Menschen in deutschen Landen lebten am Ende des 30jährigen Krieges noch vier Millionen!

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