La Damnation de Faust, HB

Musiktheater – Dramatische Legende in vier Teilen von Hector Berlioz
Text vom Komponisten, Almire Gandonnière und Gerard de Nérval nach Johann Wolfgang von Goethe
Uraufführung Paris, 1846 konzertant, 1893 Monte Carlo szenisch
Theater am Goetheplatz, Bremen, 2017
Musikalische Leitung: Markus Poschner, Regie: Paul-Georg Dittrich, Bühne undKostüme: Pia Dederischs und Lena Schmid, Dramaturgie: Ingo Gerlach, Chor: Alice Meregaglia, Video Jana Findeklee, Licht: Joachim Grindel
mit: Theresa Kronthaler als Marguerite, Chris Lysack als Faust, Claudio Otelli als Méphistopheles, Christoph Heinrich als Brander

Faust entstaubt

…und was haben Sahra Wagenknecht und Bruno Ganz gemeinsam? Sie können unter anderem 24 Stunden lang Goethes Faust I und II auswendig rezitieren. In Bremen brauchen Paul-Georg Dietrich und sein Opernensemble lediglich drei Stunden, um die existenzielle Seelenpein eines an der Welt verzweifelten Menschen wie Faust sicht- und hörbar zu machen und das Publikum in einen unvergleichlichen musiktheatralischen Bann zu ziehen. Und was ist hier der Faust? Kein in die Jahre gekommener suchender Wissenschaftler in verstaubter Studierbude, sondern ein armseliges Menschlein, dem die Empathie für alles Wunderbare der Schöpfung abhanden gekommen ist, der sein kleines zurechtgestutztes Bonsaibäumchen im gläsernen Kasten an sich drückt, gleichsam seiner eigenen zusammengeschrumpften Persönlichkeit, gemartet von der Kälte einer sinnentleerten Gegenwart. Und da steht er mitten im Publikum auf einer Bühne im Parkett, gefilmt von zwei Kameraleuten, die seine grotesk ins Gesicht geschminkte Angst auf die Bühnenwand in Großformat projeziieren, wie im Laufe der fortschreitenden Handlung sich auch Mephisto und Marguerite seelisch auf dem Podest entblößen müssen. Das mag man gut finden oder nicht, eindrucksvoll ist es in jedem Fall, Theresa Kronthaler als schmerzzerrissene, um ihre Liebe zu Faust betrogene, nun der Wut des Pöbels ausgesetzte junge Frau so nah zu spüren und zu fühlen. Oder: neben sich jäh dem wuchtigen Bassbariton von Claudio Otelli wie einem Orkan rettungslos ausgeliefert zu sein. Man versteht urplötzlich den armen Wicht Faust, begreift dessen müde Abwehr des Bösen, wenn er wie Chris Lysack als Versuchsopfer so einem Höllenhund hilfslos ausgeliefert ist. Keine Chance für einen nach irdischem Verständnis suchenden Schöngeist, einen schwärmerisch verunsicherten Erdenbürger, einen Melancholiker, sich den Versuchungen und der schlangenhaften Schönheit Marguerites als stählern gestylte Aphrodite zu entziehen.

Und doch gibt es neben der bösen Brutalität des infernalischen Versuchers auch noch etwas anderes:  in den Sphären verklingende romantische Schönheit der Musik, die Poesie der göttlichen Natur, des aufbrechenden Frühlings, der sich – in der Realität – draußen vor den Türen des Theaters so intensiv gerade offenbart! Auf der Bühne erlebt Faust nur distanziert die wolkenziehenden Trugbilder per Video  das für ihn schmerzlich so fernstehende Volksgetümmel der Dörfler, die sich unbeschwert dem Frühlingserwachen hingeben können. Faust kann das alles nicht, er ist allein, im eigenen Käfig, in der verzweifelten Situation des nach Glück, Sinn und Erfüllung Suchenden. Mephisto, nun wahrlich kein Naturfreund und Romantiker, führt ihn in Auerbachskeller, wo die zechende Meute den als Narren verkleideten Saufkumpan verhöhnt, ein leider nur kurzer Gesangspart für den stimmgewaltigen Christoph Heinrich als Brander. Faust empfindet nur Abscheu in diesem widerwärtigen Millieu, und wir wissen, dass Mephisto jetzt die fatale Alternative vorbereitet: Die Verführung einer Jungfrau, die hier als Lara Crofts sexistische Version, allerdings ohne deren Schlagkraft erscheint, sondern lediglich natürlich als teuflisch verhexte Männerphantasie. Und noch einmal wird Faust die Erlösung durch die Reinheit der Natur sehen, nachdem er Marguerites Seele durch seine Verschreibung an den Teufel gerettet hat.

Seltsam, das niemand wirklich Mitleid mit diesem armen Menschen Heinrich Faust verspürt. Zu stark ist die Aura dieses Mephistopheles, die unglaubliche Faszination, die von Claudio Otellos abgrundtiefer Stimmstärke und seiner starken Präsenz ausgeht. Widerstand ist zwecklos. Aber applaudieren können wir. Kräftig und heftig auch und besonders für Theresa Kronthaler, die das Leid aller betrogenen und verlassenen Frauen kraftvoll und raumerschütternd in die Welt schickt, für die bizarre Wandlungsfähigkeit der Chöre – und für das Dirigat von Markus Poschner, der Bremen als Abschiedsgeschenk noch einmal vor Augen führt, was er dem Philharmonischen Orchester abzuzufordern versteht: Eine allen kompositorischen Anforderungen gerecht werdende Interpretation mit unaufdringlichem und doch führendem Spiel zu entwickeln, dass alle Elemente des Schicksals und der in ihren Emotionen gefangenen Menschen zu einem homogenen, ganzheitlichen Kunstwerk vereint. A.C.

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