Wunschkinder,B

von Lutz Hübner und Sarah Nemitz
Renaissance Theater, Berlin, 2017
Regie: Torsten Fischer; Ausstattung: Herbert Schäfer, Vasilis Triantafillopoulos
mit: Simone Thomalla, Angelika Milster, Judith Rosmair, Klaus Christian Schreiber, Arne Gottschling, Emma Lotta Wegner

Was macht man nur mit solchen Eltern…

Da ist Marc, ein gerade dem Schulstress entronnener, sportlich gewandter und ebenso rebellischer junger Mann, der keine Chance hat, der Überbehütung und Bevormundung seiner Eltern zu entkommen und sich eigenständig zu entwickeln. Und so sucht er sich eine Freundin, die Emma Lotta Wegner ebenso reizend wie energisch spielt, ebenso bestimmend und vereinnahmend wie Marcs Mutter. Doch die unbeschwerte Liebe dauert nur solange bis das Mädchen schwanger wird. Großes Lamento bei allen Müttern, der Tante und dem Vater, der, eigentlich ganz cool, geschäfts- und welterfahren, dennoch mit absoluter Sicherheit stets genau die falschen Töne und noch mehr die falschen Worte findet, um seinen Sohn aus dem Haus zu treiben. Die Mutter, ganz aparte Hausfrau, ebenso chic wie frustiert, weil sie ihren Beruf der Familie wegen aufgeben mußte, verwöhnt den Bengel noch immer hinter dem Rücken ihres Mannes und hintertreibt dessen lautstarke Erziehungsbemühungen. Beide Elternteile liefern sich gewaltige Wortgefechte, zuweilen wortwitzig, dann zynisch, aufbrausend wie in einem echten Ehedrama. Doch schnell tritt auch wieder Ruhe ein, solange der Sprößling nicht zuhause ist. Aber dann macht man sich halt auch Sorgen. Es hört ja nie auf. Sätze, die den Zuschauern bekannt und lieb oder auch nicht, in jedem Fall aber stets einen Lacher wert sind, und der Konflikt, der sich anbahnt, ist eigentlich auch nicht so recht tragisch. Das mag an dem Autoren liegen, der aber nun einmal ein anerkannter Bühnen- Jugend- und Gripstheater-Fachmann ist, also muss es diesmal die ansonsten bewährte Regie von Torsten Fischer sein, die die Schauspieler gar zu grell ins Licht setzt und die Satire überstrapaziert, so dass die kritische Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Situation von ungewollten oder/und verwöhnten Kindern und die der alleinerziehenden Mütter und klammernden Eltern lediglich unter dem Aspekt der individuellen Belastbarkeit betrachtet wird.

Arne Gottschling liefert als Marc eine lebendige, naturalistische Studie, wobei er das “Hotel Mama” eigentlich recht gut und harmonisch finden würde, wäre da nicht ständig sein aufbrausender Vater, den Klaus Peter Schreiber charmant überakzentuiert als Choleriker und Managertyp einbringt. Er nervt, wie man so sagen würde. Sobald die Eltern Krach schlagen, verdrückt sich Marc, was nur allzu verständlich ist, denn selbst auf den entferntesten Plätzen ist das Geschrei an diesem Abend kaum auszuhalten. Simone Thomalla versteht sich als hysterische Nur-Ehefrau eines erfolgreichen Ehemannes, der die kleine Familie durch viele Auslandswohnorte homeless gemacht hat. Verständlich, dass sie nun auch um das angekündigte Enkelkind kämpft. Sie möchte es großziehen und dessen Eltern eine sorgenfreie   Berufsfindung ermöglichen. Das nun wiederum treibt die schwermütig, verhärmte und verlodderte alleinstehende Mutter von Marcs Freundin auf die Palme. Ohnehin vom Leben und den Männern betrogen, krank und vollkommen hilflos im täglichen Leben, kämpft sie gleichermaßen um ihre Tochter. Judith Rosmair belegt diese Rolle mit einer großartig differenzierten Ausformung; leise und dennoch mit intensiver Präsenz spielt sie zunächst eine verhuscht-überängstliche Frau bis sie endlich, spät, aber vielleicht nicht zu spät, sich ihrer Würde erinnert und mit leiser, treffsicherer Grausamkeit das großzügige Hilfsangebot der fremden Frau, die sich schon im Besitz des Babies währt, in seine egoistischen Einzelteile zerlegt. – Für Angelika Milster als hippe verständnisvolle Tante bleibt die letztlich undankbare Aufgabe, als Vermittlerin die ihr anvertrauten Probleme des Neffen zur Sprache und die ganze Anti-Familiengeschichte ins Rollen zu bringen.

A.C.

 

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