Ulysses, B

Ein Parforceritt durch das Universum
Keine Grenzen der Gedanken – Schritte ins Uferlose – Bilanz des Menschseins
Seinen Reflexionen und Analysen über das Wesen des Menschen und der Menschheit waren zu seiner Zeit unerhört, weil er sie wie im Wahn, auf höchster und niedrigster sprachlicher Ebene, ebenso brillant wie vulgär, ebenso wissenschaftlich im Höhenflug wie einfach im menschlichen Verhalten niederschrieb. Sie kulminierten zum Weltenbesserer, Weltenvermesser, Weltenverzweiflungsbestseller schlechthin. Und nur wenige Literaturbesessene bewältigten dieses fulminante Werk, dessen Held Leopold Bloom auf den Spuren des Homerschen Odysseus in einem gedachten Zeitraum von 24 Stunden eine Stadt durchpflügt, in Höhen und Tiefe, hellaufjauchzend und zu Tode betrübt auf der Jagd nach einer Antwort auf die ewige Frage nach dem Sinn des Lebens, des Daseins, des eigenen und das der anderen. Seine sinnliche, emotionale und physischen Beobachtungen und Reflexionen auf diesem Selbsterfahrungsparfour  durch Dublin macht aus einem Individuum eine globale, weltumfassende, gleichsam transzendal sich verstehende Figur – aus der Inszenierung macht Regisseur Hartmann einen Teufelsritt durch alle möglichen und unmöglichen Welten, die zugrunde gehen und sich wieder neu erfinden.Joyce, Sprachkundler, Mediziner und Schriftsteller, ist rastlos, wird heimatlos, denn Dublin, die über alles geliebte Stadt und Irland, seine gefesselte Heimat, brennt – die Geschichte des Landes ist niederschmetternd. Joyce flieht und flüchtet mit der Familie ins Ausland, nach Zürich, nach Triest, nach Paris – er lebt exzessiv und schreibt genauso, als Mediziner versteht er sich aufs Sezieren,  als Schriftsteller auf sprachliche Gewandtheit und die Macht, mit Gefühlen und Assoziationen zu spielen, mal sachlich-nüchtern, dann wieder überhöht poetisch oder in intellektueller Überdosierung.  Er reiht Gedankensplitter in kleinen Geschichten und beiläufigen Vergleichen zusammenhanglos aneinander, mal ausschweifend und banal mit täglichen Widrigkeiten provozierend, dann wieder mit ungezähmter Lust wortgewandt und anspruchsvoll  seinen Ehrgeiz und seine Zugehörigkeit zur hohen literarischen Zunft zu demonstrierend.So rastlos und irrend, so suchend und versessen wie er lebt, so schreibt und beschreibt er. Es ist kaum zu bewältigen, was er an Fülle, an Lebensbeobachtungen, an Geist und zuweilen auch mit hintergründigem Witz wie einen Berg auftürmt, den andere, seine Leser, zu besteigen haben. Er macht es keinem leicht, sich selbst nicht, dem Leser nicht, seinen Frauen nicht, weder seinen Kindern, Kritikern und Verlegern. Er zeigt der Literatur und den Literaten seiner Zeit, woran sie ignorant vorbeidefilierten, was sie beschönigen, verschweigen, kaschieren, was sie verherrlichen – vor allem aber, woran die Menschheit krankt, und er sagt es nun, offenherzig, brutal, unbeschönigt und doch oft auch voller Zärtlichkeit und Wehmut.

Woher kommt der Mensch, was hat er mit seinen göttlichen Gaben gemacht? Wohin wird er gehen, wohin führt ihn die Wissenschaft, die Erkenntnis, die Evolution? Bleibt er emotional und moralisch in Wahrheit ein Wilder, ein unzivilisiertes- einzig und allein auf  Vermehrung seiner Art ausgerichtetes Wesen oder hat er nach einer langen blutigen Geschichte der Kriege,  Vernichtung  doch noch eine Zukunft, die seiner intellektuellen Verantwortung entsprechen könnte?

Ulysses als Odysseus, als Joyce  – er spielt mit allem, was ihm einfällt; es gibt kein Thema der Menschheit, der Allgemeinheit, des Individums, das er nicht angreift, seziert, beiseite wirft, um es irgendwann wieder hervorzuholen. Er ist unersättlich, brutal unromantisch, wissenschaftlich ernst und kindlich naiv, morbide und vital.

Und nun versucht das Deutsche Theater in einer überwältigenden, rasanten Inszenierung, eben alle wichtigen Weltbetrachtungen und Reflexionen von Joyce aufzugreifen mit kaum mehr als 1o Schauspielern und einem, man möchte meinen, ebenso rasenden Regisseur, der seine Leute durch vier Stunden Ekstase treibt. Doch nicht wieder deren Willen und Wunsch. Gemeinsam hat Sebastian Hartmann, der Regisseur, versucht, mit seinem Ensemble das Feld zu beackern, das vor ihnen in einem Jahrhundertwerk vorliegt. Und es ist, wenn auch zu lang, als ein wichtiger Versuch zur Bewältigung einer schier unendlichen Geschichte eine Bühnenadaption entstanden, die zu durchleben, zu ertragen, auszuhalten sich lohnt für jeden, der sich mit den bedrückenden und bedrängenden Fragen nach den Grenzen, nach dem Sinn, nach der Zukunft des Menschseins konfrontiert sieht.

Ulrich Matthes als Ulysses sticht zwar sprachlich und mimisch als gute Inkarnation des berühmten, verirrten, erst nach 10 Jahren ruheloser Suche vom Trojanischen Krieg zurück in die Heimat gekehrten Odysseus zuweilen als feingeistig reflektierende Bube im Spiel – aber ebenbürtig an Kraft und Ausdauer, an gewaltigem physischen wie psychischem Einsatz sind ihm neben Judith Hofmann und Bernd Moss alle Mitglieder seiner Mannschaft mit scheinbar nie ermüdender Hingabe. Ein Spiel, das in Schwarz und Weiß und Rot, im brennenden Dublin, im weißen Leerraum der Hades, in der Liebesglut und im Dunkel der Einsamkeit die Weiten und Welten der Gedanken durchpflügt, über sich die riesigen dunklen Kugeln anderer möglicher Welten, als eine ungewisse Bedrückung und Bedrohung, die zuweilen mit schmerzenden Tönen den Untergang unserer Welt anzukündigen scheint und alle Menschen zu Boden schmettert. Sanfte Spärenklänge richten sie wieder auf, versuchen Angst und Verzweiflung zu sänftigen, die Yoyce als ewig zweiflender Christ und Katholik an der Kirche, an den Glaubensdogmen, an den großen Fragen nach einer Welt jenseits unserer Vorstellung außerhalb religiöser Dimensionen wütend aufreißt. Und ein Kreuz, mit schwarzer Farbe auf weißes Tuch von einer sich mit Schlamm überspritzten androgynen Figur gemalt, agiert, von drei Fäden wie eine Marionette bewegt, in verschiedenen Formationen mit warnenden Zeichen im Hintergrund das Auf und Ab des Zweifelns.

Der Tod als eines der zentralen Themen nimmt dementsprechend großen Raum ein, wird in die großen Epen der griechischen Mythologie gebettet, Frag e und Antwort mit der toten Mutter wird Odysseus-Ulysses nicht zufriedenstellen, er wird weiter suchen und sich dem Drangsal des Zweifelns  beugen müssen. Heimaterde – der mögliche, banale Schluss? Und so kugelt ein Wesen, zuerst Nymphe, dann schlammgetönter Kobold über die Bühne, bleibt hocken unter dem Kreuz, vielleicht eine andere frühe, menschheitsgeschichtliche Inkarnation der Mutter Erde; später wird sie einen der vielen Ulysses-Wiedergeburtenmitnehmen in ihre dunkle geheimnisvolle Welt, in der auch die Möglichkeit der Wiedergeburt in anderer, neuer Form verborgen ist.

So wie Liebe und Tod, die zentralen Themen in Wirklichkeit und auf der Bühne, in aller Literatur und Poesie, in allen erbärmlichster und höchsten Daseinsformen die Hauptrolle spielen, so sind sie gleichermaßen begleitet von Geburt und langsam zunehmendem Verlust aller Kräfte. Was bleibt von den Menschen, die eben noch so  vital und streitlustig, so liebend und wütend, so hungrig nach einem erfüllten Leben sich gerierend in  den Armen liegen, sich trennen, erneut den Anfang proben, ein Leben auf Abruf, in glitzernden Kostümen zwischen Schein und Wirklichkeit, zwischen dem Schattenspiel, das an den  hellen Bühnenwänden das Agieren auf der Bühne verdoppelt, vergrößert, als Schattenriss körperlos macht, den ersten Philosophen in der Geschichte  zu der Einsicht brachte, dass Wahrheit und Fiktion einander umkreisen…

Immer wieder sind es die Gezeiten, die Meeresfluten, die Stürme, die Gewalten, sind es die zum feinen Sand zermahlenden Urgesteine ewigen Werdens und Vergehens, sind es Knochen von Menschen und Tieren, die sich unter den Füßen knirschend  tiefer graben, oder es sind kurze prägnante Kindheitserinnerungen, die in seltsamen Situationen jäh unerwartet aufblitzen und uns nicht mehr loslassen…und die „kühle Silberstillle des Abends wird gehüllt ins Jammergewand der  Vergangenheit“. Um solcher Sätze willen lohnt es sich, einen Streifzug durch dieses Buch zu unternehmen!

Wie ein Kängeruh hüpfen diese Assoziationen, springen von Thema zu Thema, stellen Fragen wie „Welches Alter hat die Seele“, versuchen in bildhaften Vergleichen Antworten zu finden, um sogleich wieder in wilde Theorien  über den Kosmos oder die Bewegungsmechanismen des Körpers wie des Geistes nachzusinnen. Dargestellt von einem Tänzer, der nicht aufhören kann, zu tanzen, der um Ruhe, um Einhalt bittet, doch sein Körper lässt sich nicht besänftigen. Zuweilen, wie in dieser Szene, setzt die Dramaturgie den Text ins  Englische, allerdings sind die Passagen leicht verständlich und mimisch eindringlich vermittelt, so wie der Heimkehrer Odysseus, gezeichnet von langer Irrfahrt, wie ein hilflos Suchender sich in seiner Heimatstadt zu orientieren versucht, und der Fluss und die Gebäude wie lebendig ihn an ihre Aufgabe erinnern: Beglückt, ekstatisch eilt der Heimkehrer von Ort zu Ort seiner Jugend, der Schule, Kirche, Gebäude, Häuser, die ihm etwas bedeuteten, Plätze, die ihn wieder einfangen, und immer wieder spricht der Fluss, das Wasser, die Lethe, der Hades, lebensspendend gleichermaßen wie Brücke zum Tode, zum Jenseits, zum neuen Leben im Kreislauf…

Nach zwei Stunden eine kleine Pause, und wieder  beginnt der Reigen, der immer größere Schleifen zieht, sich ins Unermessliche, ins Unerreichbare steigert – die Wissenschaft wird bemüht, Quantentheorie, die Elementarteilchen, Einstein und Nachfolger; Das Atom, das Elektron; die schwindelerregenden noch nicht erforschten Wahrheiten, die sich    jenseits unserer Vorstellungskraft befinden. Damit hätte wohl Schluss sein dürfen, war doch es unmöglich, diesen Gedankenbergenberg in nur vier Stunden wirklich abzutragen. Aber noch einmal brachte die Aufführung alle in Spannung, lies Gefühle und Gedanken purzeln, eskalieren, ausufern; Odysseus erzählte, Ulysses reflektierte, provozierte, analysierte, faszinierte…

Und dann bekam die Aufführung Eigengewicht, löste sich von zuvor noch erkennbaren Gerüsthilfen der Dramaturgie und schwelgte ab ins Uferlose, versuchte  jene sichtbaren weltlichen Grenzen und die unsichtbaren des Geistes zu sprengen, begleitet von ekstatischen Tänzen, Todestänzen, Wortkaskaden, kaum mehr verständlich im Dröhnen der sich langsam senkenden Himmelsgestirne, zuckende, bebende, krampfende Körper, ungezähmte, sich nach jedem Vernichtungsschlag neu erfindende Menschheit?

Herzlicher kräftiger Beifall eines erschöpften Publikums. Und die Schauspieler? Waren auch sie über ihre Kräfte gegangen? Es war der zweite Abend nacheinander, der einen Einsatz erforderte, wie man ihn  bislang kaum auf  Bühnen sah. Abgesehen vielleicht von einem Frustmarathon mit Bruno Ganz , – der Faust I und II in einem 24 Stunden-Durchlauf absolvierte und sich auch weiterhin bemüht, Texte ohne den Ansatz von Erschöpfung stundenlang zu deklamieren. Aber Freude macht das nicht.

Angelika Cromme

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