Ein großer Aufbruch, OL

von Magnus Vattrodt

Oldenburgisches Staatstheater, 2018

Regie: Xhristoph Ros, Bühne/Kostüme: Gesine Kuhn, Dramturgie: Jonas Hennicke, Licht: Sofie Thyssen, Arne Waldl

mit: Matthias Kleinert, Holm; Caroline Nagel: Katharina; Thomas Birklein: Adrian; Rebecca Seidel: Charlotte; Franziska Werner: Marie; Eva Spott: Ella; Karl Miller: Carl

Lachen ist erlaubt und gesund
Magnus Vattrodt, Jahrgang 1972, ist ein deutscher Schriftsteller, der vor allem durch Drehbücher für ARD-Tatort-Krimis sowie den Grimme-Preis bekannt wurde. Das ist schon einmal äußerst verwunderlich. Denn dermaßen schwere Themen wie Tod und Gott können eigentlich nur angelsächsische oder amerikanische Autoren mit so leichter boulevardesker Hand verfassen, wie diese von Witz und Sarkasmus und sehr viel Empathie durchdrungene Geschichte von dem Pensionär Holm, der beschlossen hat, demnächst in der Schweiz Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen und nun seine unwissende Familie und Freunde zu einem letzten Mahl eingeladen hat. Und es gelingt  dem Regisseur Christoph Roos und seinem brillianten Schauspielerteam, den Charme dieses existenziellen Spiegelbildes so treffsicher zu verdeutlichen, allen Pointen und allen schwerblütigen Szenen gleichermaßen gerecht zu werden, wie man es bei bisherigen Verfilmungen dieses Stückes vermisste.
Das Lachen, der Witz – sie glimmen permanent unter der Oberfläche, und nur selten entlädt sich auch ein phonetisches Bekenntnis zum seltsam schwarzen Humor, wie sich auch die Betroffenheit, die sich erst nach nach durch das Entblättern der seelischen Zustande mit den einzelnen Personen verbindet, sich erst einstellt nachdem die Tragik der Schicksale transparent geworden ist. Zunächst ist da nur der robuste Holm, von Matthias Kleinert jovial, verschmitzt mit seinem Geheimnis jonglierend, gespielt, der mit seiner Unberechenbarkeit zunächst bei den alten Freunden Charlotte und Ella wieder einmal gekonnt kokettiert und sich dann auch gegenüber den nach und nach unwillig eintreffenden Familienmitgliedern als undurchsichtiger geheimnisvoller Gastgeber präsentieren möchte. Nervosität macht sich breit, Unwohlsein, Ängstlichkeit, auch erste Agressionen: womit hält uns Holm nun wieder einmal zum Narren?
Dass dieser Mann seine Eogzentrik ein Leben lang ausgelebt, sich selbst in allen Situationen  perfekt dargestellt und aus Konflikten herausmanövrierte, wird im Laufe des ziemlich verunglückten Abschiedsessen durch die Lebenserinnerungen, Muster und Enttäuschungen seiner Lieben klar. Mit Schlagfertigkeit und Chuzpe laviert das Stück an einem harten Thema entlang : sein unvermeindlcihes   Lebensende selbst zu bestimmen, indem man sich professionelle Sterbehilfe entscheidet.  Wobei die letztendliche Frage, der sich Holm erst am Ende der Geschichte stellt, lautet: wie souverän ist eine solche Entscheidung wirklich, und weiss man eigentlich genau, wie die Konsequenz aussieht?
Auf der Bühne im großzügigen nordischen Ambiente des eleganten Hauses entwickelt sich das Leben der in der Vergangenheit miteinander eng verbundenen Menschen in einer furiosen Rückwärtsschau und einer traurigen gegenwärtigen Bestandsaufnahme. Das ist genial gedacht, geschrieben, inszeniert und gespielt. Wortpfeile, deren Spitzen treffsicher und pointiert durch die von Lebensenttäuschungen geschwängerte Luft fliegen, herzkranke Geschütze mit scharfer Zunge werden nach Jahren des Schweigens plötzlich wie aus der Büchse der Pandora vernichtend in den Raum geschleudert, der Atem stockt, und doch ist alles so einzigartig grotesk wie weitgehend normal.
Da ist also Holm, der stets mittellose, verantwortungslose Bonvivant, der die Freunde schamlos benutzte und ausbeutete, um ein schönes Leben zu haben, da ist seine ehemalige Gattin Ella, eine Ärtzin, die mit der Familie nach Afrika ging, um Entwicklungshilfe zu leisten, dann aber, als die Ehe zerbrach, lange Zeit mit schwerer Drogensucht zu kämpfen hatte, nun aber lebenspraktisch und beneidenswert gefestigt, Holm in seiner letzten Lebensphase zur Seite steht.  Eva Spott ist eine warmherzige, liebeswerte Ella, die durch das Leben gelernt hat und bei ihren beiden Töchtern um spätes Verständnis für früheres Versagen bitten kann. Denn da ist die älteste Tochter Marie, erfolgreiche Juristin, schwer hysterisch, schwer vernachlässigt und tief enttäuscht vom Leben. Franszika Werner verfügt bekanntlich über ein breites Repertoire an darstellerischen Fertigkeiten, die sie zuweilen doch ein wenig überprononciert einsetzt. Ihr zur Seite überzeugt Karl MIller als ihr juristischer Freund, der zunehmend mit einer brillanten analytischen Fähigkeit und kluger Zrückhaltung überrascht. Beide, Eva Spott wie Karl Miller als Gäste in dieser Aufführung -man möchte sie gerne wiedersehen!
Die jüngere Schwester Charlotte wird von Rebecca Seidel nach Art der jüngeren Tochter leicht und lieb, anpassungsfähig, immer gutwillig, doch letztlich wie ein Schmetterling ziellos herumschwirrend im studentischen Künstlermillieu in ihrer Hilflosigkeit transparent gemacht.
Das Leben ist für alle ein Karussel gewesen, aus dem sie mal herausgeschleudert wurden, und an dessen Seile sie sich klammern, um nicht gänzlich den letzten Halt zu verlieren. Und doch findet gerade dies jetzt und diesem Augenblick des ziemlich ungenießbar gewordenen letzten Abendmahls statt. So rührend nämlich auch die hingebungsvolle Freundschaft von Adrian erscheint, der Holm nicht nur finanziell aufrecht stehen lässt, sondern ihn nun auch zum letzten Platz seines Lebens begleiten will, so transparent wird auch, was hinter dieser scheinbaren Selbstlosigkeit steckt: tiefe Verunsicherung der eigenen Persönlichkeit,  Angst vor dem Leben, Angst vor Mut und Hingabe, kompensiert durch die  Nibelungentreue an den scheinbar starken Freund. Thomas Birklein spiegelt diesen liebenswerten Charakter tollpatschig, verwundbar und liebenswert. Und seine Frau, Katharina, von Caroline Nagel wortwörtlich in Szene gesetzt, katapultiert ihre Attacken gegen den Ehemann und  Holms Exfrau nicht von ungefährt: steckt doch in ihr ein ähnlicher Frust, nicht so beduetend, so schön und erfolgreich wie diese Ella zu sein, nicht so einen tollen Mann wie Holm zu haben. Erst jetzt sieht sie hinter die Fassaden und – greift zur Waffe – ein Gag ,ein Symbol? Man kann darüber nachdenken.
Das Lachen ist erlaubt, so erklärt es der Dramaturg: denn wir sehen in einem Spiegel – und über sich selbst lachen zu können, ist gesund und hilflreich und erlösend. Hoffen wirs. A.C.

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