All das Schöne, HB

von Duncan Macmillan mit Jonny Donahoe
Deutsch von Corinna Brocher
Theater am Goetheplatz, Bremen, 2020

Mit: Susanne Schrader
Regie, Raum: Klaus Schumacher, Kostüm: Gabrielle-Marie Servane Renard, Licht: Christian Kemetmüller, Dramaturgie: Marianne Seidler; weitere Aufführungen 6.10.u.20.9 sowie 4.10. und 18.10.

 

Thema charmant vertändelt

Man möchte den Zwängen und der verordneten Abstandsleere durch “Corona” trotzen und bemüht sich lebhaft, das Publikum fröhlich mit in das Spiel einzubeziehen. Zu Beginn verteilt die Darstellerin Susanne Schrader (mit Maskenschutz) im Publikum vielerlei Zettel mit Aufschriften wie “Liebe” oder “Kaugummipapier” und bindet dann auf der hell beleuchteten Bühne einige Herren und Damen aus dem Publikum ins Spiel ein: da ist der sanfte Vater, der dem kleinen, neunjährigen Mädchen im Auto während der Heimfahrt vom Krankenhaus, in dem sie gerade die vor dem Suizid gerettete Mutter besucht haben, erklärt, warum er auf die vielen “Warum-Fragen” seiner verzweifelten Tochter auch keine Antworten weiß. Denn da ist das Kind, das nicht begreifen kann, warum die Mutter nicht mehr leben wollte, und das sich nun hinsetzt, um all die vielen Dinge des täglichen Kinder-Lebens aufzuschreiben, um der Mutter zu erklären, warum es sich lohnt, zu leben: All das Schöne…zeichnet sie auf, angefangen mit leckerer Eiscreme, Lakritze, Baden im Meer, einem Gute-Nacht-Kuß…und all den kleinen selbstverständlichen Gegebenheiten des Alltags, so wie ein Kind sie sieht und liebt.

Aber die Mutter liest die wunderbaren herzergreifenden Ratschläge ihrer Tochter wohl gar nicht, weil – das Mädchen weiß es –  ihre Sätze unkorrigiert bleiben… Das ist sehr schnell erzählt und befremdet zusätzlich durch den munteren Austausch mit dem Publikum. Kinder sind zwar nicht lange traurig oder verzweifelt, weil sie sich sehr schnell wieder in das tägliche Leben einbringen können. Aber die Autoren (Text und Lieder) haben es wohl auch nicht auf schwermütige Tiefe abgesehen, dem Sujet zum Trotz. “Es ist ein Monolog über ein todernstes Thema, locker und leicht,  umwerfend komisch, hinreißend, gänzlich unsentimental” so ist die Kritik aus dem “Guardian” im Programmtext wiedergegeben, und man fragt sich: was soll das Stück dann eigentlich bewirken? Ein Aufbegehren gegen den Verlust der Lebensfreude, gegen die Verzweiflung des Alleinseins, gegen eine immer dunkler werdende Welt, gegen die absolute Gewissheit der Vergänglichkeit aller Dinge?  Diese steinschweren Argumente, oft nur vage empfunden, unreflektiert und unwidersprochen, könnten sich im Kampf gegen die Depression ein Duell gegen die scheinbare Leichtigkeit des Seins, aber auch für eben diese liefern!

Nun, das Mädchen wird älter, studiert, verliebt sich schüchtern und beginnt dann doch recht mutig eines Tages das Gespräch mit einen Kommilitonen, mit dem sie zusammen in der Bibliothek arbeitet. Das Paar tauscht nun Lektüre und Gedanken aus, und eines Tages entdeckt die junge Frau in einem ihrer zurückerhaltenen Bücher ihre Aufzeichnungen von einst: All das Schöne…

Und nun verändert Susanne Schrader die noch im Schattenreich schlummernde Tragik in eine überdrehte, tanzende, überschäumende Verliebtheit, die tausend und mehr Gründe kennt und nennt, warum es sich zu leben lohnt, worin die vielen Kostbarkeiten des Alltags, des bewußten Wahrnehmens des Anderen und der Welt zu finden sind. Bei so viel Lebenslust- und Liebesglück, der Heirat endlich (Antrag auf Knien, ohne Berühung, wirkt einfach absurd und kränkt das Wesen des Theaters), der gemeinsamen Wohnung, der Familienplanung erwartet man natürlich nun angespannt auf den Knall, auf die Pointe nach so ekstatischer Glückseligkeit. Aber das wirkliche Drama entwickelt sich eher nebenbei; erzählt wird, nunmehr in rhetorischer Gelassenheit, von einer langsam aufkeimenden Schwermut der jungen Frau, die sich zurückzieht von der Außenwelt und an nichts mehr teilnehmen möchte. Die Trauer sitzt so tief, dass sie lange Zeit perfekt vergessen schien. Dann erfährt man – eigentlich unverhofft und daher dramaturgisch unbefriedigend – dass der Ehemann  hat, aus ihrer beider Wohnung ausgezogen ist, seine Frau verlassen hat, während sie allein in der Trostlosigkeit der Erinnerung an den Tod der Mutter bei ihrem Vater zurückbleibt. Zu den mittlerweile 999.999  Gründen, warum es sich eigentlich lohnt, dieses Leben zu leben, kommt dann last not least noch ein einziger hinzu, vielleicht als Schlüssel zum Tor des Lebens.

Das  alles könnte sehr viel eindrücklicher und spannender inszeniert werden: nämlich wenn die Tragik der Menschen, die keine Kraft und keinen Mut mehr haben, es mit der Traurigkeit aufzunehmen, in ihrer scheinbaren Unabdingbarkeit  transparent und zugleich erschüttert würde, indem vor ihren Augen ein goldener Berg mit einer Million kleiner Wunderdinge sichtbar gemacht und dramaturgisch ausgefeilt würde. Solch eine Darstellung müßte gar nicht von permanent dramatischer Tristesse sein, sondern könnte und sollte durchaus einen heilenden Optimismus versprühen, aber so ließe vielleicht über eine nur oberflächliche Tändelei mit der Thematik hinausgekommen. Es steht dabei vielleicht der Gedanke an die durchaus auch humorvolle Erzählung “About a boy” von Nick Hornby und die beeindruckende Verfilmung von Paul und Chris Weitz vor Augen, in der ein Kind sich mit der Verantwortung eines Erwachsenen um die hilflose Mutter sorgt.

Viel Jubel für die Mit-Schauspieler aus dem Publikum, herzlicher Beifall für die intensive und charmante  Darstellung von Susanne Schrader, und eine entspannte Atmosphäre. Das sollte im HInblick auf eine Schülervorstellerung am 18. Oktober wohl die Erklärung sein. A.C.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


zwei + 3 =