Decamerone, B

von Kirill Serebrennikov
nach Motiven von Giovanni Boccaccio in zehn Geschichten
Berliner Ensemble, 2022, Berlin
Regie u.Bühne: Kirill Serebrennikov, Dramaturgie: Birgit Lengers; Licht: Robert Grauel, Sergey Kucher;Choreographie: Evgeny Kulagin; Kostüme: Tatyana Dolmatovskaya; Kompoistion, musikalische Leitung: Daniel Reitag; Video: Ilya Shagalov, Ton: Svyatoslav Avilov 

mit: Philipp Avdeev, Georgette Dee, Yang Ge, Oleg Gushchin, Oleg Gushchin, Marcel Kohler, Georgiy Kudrenko, Victoria Miroshnichenko, Jeremy Mockridge, Irina Vybornova, Regine Zimmermann;
Musik: Daniel Freitag, Isabelle Klemt, Maria Schneider

Aller Rhythmus folgt dem Herzschlag

Liebe, Leid, Leidenschaft, Tod, Enttäuschung, Hingabe, Ekstase, höchstes Glück und tiefste Traurigkeit  werden in vielen einfallsreichen inszenatorischen Variationen lebendig – sowohl in der Bühnenbildgestalltung als auch im darstellerisches Wechselspiel; musikalisch aufregend, wild oder zärtlich, je nach Gefühlslage werden in diesen zehn Bildern mit Musik und Dichtung zwischen Rapp und Romantik vergegenwärtigt. Im zeitlosen Spiel drehen sich Paare in teilweise historisch erklärbaren, aber doch in stets wiederkehrenden Geschlechterrollen im Roulette der Gefühle. Alles findet sich in einer großen Sporthalle mit entsprechenden Geräten, Seilen, Bällen, Matten, auf denen sich junge Männer in Adonisposition gefallen, durchtrainiert bis auf den letzten Muskel, junge Frauen, schlank und biegsam wie Schlangen, die sich an Klettergerüsten winden, und inmitten präsentiert sich immer wieder kurz die Fitnessgruppe ausgesprochen gelenkiger Frauen 50 Plus, angetrieben von einer eher an der männnlichen Schönheit des Vorturners orientierten, rauchig schnarrenden Lehrerin, die auf Tempo setzt.

Und schon folgen die nächsten Bilderin diesem delikaten menschlichen Labyrinth von Trick und Betrug, List und Erbarmen: Da tauchen auf: ein maskierter Ritter mit einer albernen Lanze, mit der er die Frauen unterjochen möchte, ein russischer Militärpatriarch, der alle seelenlosen Kulturen in sich vereint und in blindem Egoismus die Tochter in den Tod treibt. Da gibt es aber auch die Femme Fatale, die den Ehemann geschickt mit dem Liebhaber täuscht, oder die scheinbar liebevolle Gattin, die den Heiligenwahn ihres Mannes sarkastisch unterstützt und sich, während dieser martialisch am Kreuz auf dem Dachboden baumelt, lustvoll mit dem nicht schuldlosen Priester vergnügt. Auch die junge Dame, die ihren Geliebten beinahe erfrieren läßt und grausam mit ihm spielt, wird sich eines Tages wundern; und der einfache Knecht, der seinen Herrn mit dessen liebestoller Frau hintergeht, weiß sich gut zu tarnen; Ein bißchen spiegelt sich auch hier und dort der gute alte Prindello: es   ist so wie es Ihnen scheint und – vielleicht aber auch ganz anders, sowie der scheinbar stumme Mann, der sich nur der Körperertüchtigung widmet, während er die Frau um ihn buhlen läßt, um dann den bequemsten Weg zu gehen – wer hätte das gedacht.
Jede neue Szene überrascht und ist begleitet vom Jugend-und Liebeswahn seiner Zeit. Männlichkeits -und Weiblichkeitsidol haben sich nur äußerlich geändert, doch Unterdrückung und Herrschaft, Aufbegehren und eine neue Kraft, die in den Unterdrückten wohnt und sich Bahn bricht, haben eine neue Form und werden mit Delikatesse und Pfiff serviert; manches ist erkennbar an die langen Geschichten im Decamerone (10 Erzählungen) angelehnt, vieles neu konzipiert, auch so manches erscheint aus russischer Sicht, denn der Star des Abends ist der Regisseur und Theatermacher Kirill Serebrennikov, wegen angeblicher Veruntreuung lange in Haft gesetzt und von Auslandsverpflichtungen ferngehalten, der nun endlich in Berlin sein Vorhaben verwirklichen konnte und uns eine Ahnung von seiner Kunst vermittelt, die so angrifflustig, so unvermittelt daherkommt und dabei die Schrecken des Lebens bewältigt! Großartig!  Wer nicht wagt, das Leben anzupacken, sich den Widerwärtigkeiten und Hindernissen entgegen zu stellen, der hat es schon verloren; er wird Gefühle nicht erleben, nichts erfahren, nichts genießen. Das ist die Lehre, die in diesem großen Spiel phantasievoll hinter Humor und Ernsthaftigkeit sichtbar und spürbar wird.

Es wird vieles auch in russicher Sprache gesprochen, doch auf den Tafeln und dem Laufband ins Deutsche und Englische übersetzt. Die dunkle fremde Tonalität bringt auch eine ganz andere Mentalität ans Licht, die Rauhheit findet in der Körpersprache ihren Ausdruck, und die Energie, die hier fließt, ist sonst nicht so intensiv zu erleben. Nach jeder Szene, nach jeder Paar- und Liebesgeschichte fasziniert Berlins berühmte Diseuse Georgette Dee mit ihrer tiefgründigen Dramatik, Gedichte und Chancons von Else Lasker Schüler und Thomas Brasch (Frühling), Hilde Domin und Rainer Maria Rilke zu interpretieren. Die Novelle “Wolf” von Serebrennikov offenbart beinahe unheimlich die freudianische dunkle Seite der Liebe (Herbst und Winter) und die zehnte, letzte Version “Shavasana” ist ein großes Gedicht von einer großen Liebe, ganz wunderbar erzählt!

Und immer wieder diese passend abgestimmte Musik, die alles begleitet und das ewige Wahre und Wirkliche verkündet, denn: Alles Leben, aller Rhythmus folgt unserem Herzschlag! A.C.

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