La Gioconda, B

Dramma lirico in vier Akten von Amilcare Ponchielli, (1834 bis 1886)
Libretto von Tobia Gorrio(Arrigo Boito)

nach Victor Hugo “Angélo, Tyran de Padoue”
Uraufführung: 8.4.1876 im Teatro alla Scala in Mailand

Deutsche Oper Berlin, 2024, letzte Aufführung im Bühnenbild aus der Entstehungszeit

Musikalische Leitung: John Fiore, Inszenierung u.Kostüme Filippo Sanjust,  Chöre Jeremy Bines, Chor, Opernballett und Orchester der  Deutschen Oper Berlin, Choreografie Gudrun Leben

mit: La Gioconda: Carmen Giannattasio / Dalibor Jenis, dram. Sopran; La Cieca, Mezzo Sopran: Marianne Cornetti; Alvise Badoero: Marko Mimica; Laura: Judith Kutasi; Enzo Grimaldo: Angeli Villari, Tenor; Barnaba, Bass: Noel Bouley sowie Byung Gil Kim, Andrew Dickinson, Hong-Kyun Oh, Philipp Jekal

Was Berlin noch immer bietet: die große Oper

Ein Opernspektakel aus dem Verismo par excellence: Viereinhalb Stunden prachtvolle Arien, Sängerinnen und Sänger von höchstem Format, in kostbaren historischen Kostümen vor ebensolchen Bühnenbildern, die das Venedig der alten Zeiten noch immer,  im nunmehr verblassten Ambiente zeigen. Jetzt vielleicht zum letzten Mal. Vor einem begeisterten, ja beinahe hingerissenem Publikum, das die Musiker, die Sänger, den großartigen Chor, die eleganten Tänzer des heimischen Corps de Ballet ehrenvoll feierte. Es ist dies die vielleicht typischte Version, die zwischen der Französischen Grand Opéra und der damalig gängig beliebten großen Volksoper angesiedelt ist. Lebendiges, buntes Lokalkolorit spiegelt sich in den musikalisch ausgefeilten Charakteren, den  ausgreifenden, an Verdi erinnernde Massenszenen, wie den leidenschaftlichen, mit Liebe, Hass und Verzweiflung durchwobenen groß angelegten Solopartien.

Gioconda ist Sängerin einer Wandertruppe, die mutig, zuweilen mitleidlos und dann in selbstloser Nächstenliebe in der großen Schlußszene, zugunsten des liebendes Paares Enzo und Laura, auf ihr Glück verzichtet. Denn der aus Venedig verbannte Fürst Enzo Grimaldi  – Angelo Villari mit poetischem Spieltenor – wird von Gioconda leidenschaftlich geliebt, doch gilt seine Liebe immer noch seiner Jugendliebe Laura, die zur Heirat mit einem Mann der Inquisition, Alvise Badoero, gezwungen wurde. Eigentlich ist Enzo sogar mit Gioconda verlobt, aber in den mehr als vier Versionen, die Ponchielli verfasste, bleibt diese eigentlich nicht unerhebliche Tatsche im Hintergrund der heutigen Aufführungen.
Das eigentliche Drama aber entwickelt sich durch die Intrigen Barnaba`s, dem bitterbösen Spion der Inquisition, der die Geschicke der Menschen dieser Stadt rüde und durch Verleumdungen erbarmungslos verfolgt. Noel Bouley, mit ausdrucksstarkem Bariton facettenreich ausgestattet, ist eine zu fürchtende Autorität, der nur Todesmutige sich zu widersetzen wagen. Er will Gioconda für sich gewinnen und scheut keine Bösartigkeit.
Der verbannte Genueser Enzo, will, als er Laura wiedersieht, sofort mit ihr fliehen, wird aber, von  Barnaba`s Spähern entdeckt. Dazu gibt es mehrere überbordende, opulente Szenen, wie die Nacht am fluchtbereiten Schiff, in der sich die beiden Rivalinnen kraftvoll bekämpfen bis die Häscher nahen und Enzo und Gioconda fliehen.  Alvise lädt zu einem Fest, einer fantastischen Kostümgala mit Tanz und Masken a la Venezia, ein, in der er Enzo zu fassen hofft. Und tatsächlich, hat dieser sich, kaum verkleidet, gezeigt, wird er verhaftet, während der Inquisitor seine Frau im dunklen Kabinett der Treulosigkeit bezichtigt und sie zwingt, Gift zu trinken und sich in ihr Todeszimmer zurückzuziehen. Judith Kutasi als Laura, kann Furcht und Liebesverlust bis zum Wahnsinn steigern, ihr Stimmvolumen in aller Fülle ausbreiten. Als sie endlich begreift, dass sie in der Rivalin Gioconda eine Retterin gefunden hat, die das Gift gegen ein Schlafmittel vertauschen will, entfalten sich ergreifende Soli der einander ebenbürtigen Damen, von dramatisch sich steigernden Orchesterklängen untermalt und begleitet.

Denn Carmen Giannattasio verströmt als Gioconda nicht nur sinnliche Kapazität, sondern auch menschliche Größe in ihrer Verzichtsarie, in der sie Barnaba mit großer Überwindung ihrer ganzen Abneigung verspricht, ihm zu gehören, wenn er Enzo frei läßt.
Leider wird jedoch nicht nur Alvise getäuscht, sondern auch Enzo, der vom Tod seiner Geliebten erfährt und erst ganz am Ende, als er, selbst im Wahn der Verzweiflung, Gioconda töten will bevor er von seinem Irrtum befreit wird – und vor allem befreit durch ihr Opfer –  seine Laura wieder im Arm halten kann. Zu spät kommen Dank und Vergebung, denn Gioconda hat bereits das Gift getrunken, das Laura zugedacht war, und der um seinen Preis betrogene Barnaba überfällt die Sterbende in seiner ohnmächtigen Wut noch mit der teuflischen Nachricht von seinem Mord an ihrer Mutter.

Alles in dieser Schlußszene verströmt Dynamik, Tragik, menschliche Verirrungen, Bösartigkeit, Glück – alle Emotionen, die eine Oper dieses Genres auszeichnen, und verlangt von den Sängern und Musikern Höchstleistungen, die ihnen ja auch mit frenetischem Applaus honoriert werden. Eine überschwängliche rührende Story? Und doch noch ein bißchen mehr: denn weil die Oper von der Kunst der Musik und der Sänger lebt und schwere Schicksale mit menschlicher Größe verbindet, ist auch der todbringende Entschluß Giocondas, auf ihre Liebe wie auf Rache zu verzichten, – wie bei vielen ihrer Opern-Schwestern – ein konturenreiches Spiegelbild des Lebens, dass die Menschen immer wieder stark berührt. Den Beweis erbrachte diese Auführung an diesem Abend im Februar 2024. A.C.

Die allegorische Balletteinlage im 3. Akt, der “Tanz der Stunden” wurde übrigens in vielen anderen Versionen adaptiert wie in Walt Disneys Musikfilm “Fantasia”, als musikalische Untermalung für Werbesports von Coppenrath&Wiese, als Meldodie zu dem Song “König der Alpen” von Crack Ignaz, in dem Lied “Eine Reise nach dem Süden” von Gus Backus sowie in dem Lied “Like I do” u.a. von Nancy Sinatra.

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