Die Gehaltserhöhung, B
von Georges Perec: Über die Kunst, seinen Chef anzusprechen und ihn um eine Gehaltserhöhung zu bitten. Aus dem Französischen von Tobias Schefffel
Deutsches Theater Berlin, 2024
Regie Anita Vulesica, Dramaturgie Lilly Busch, Bühne Henriike Engel, Kostüme Janina Brinkmann, Musik Ingo Günther, Choreografie Mirjam Klebel, Licht Kiristina Jedelsky
Das Angebot: Abak Safaei-Rad, Die Alternative: Evamaria Salcher, Die positive Hypothese: Frieder Langenberger, Die negative Hypothese: Moritz Grove, Die Wahl: Katrija Lehmann, Die Schlussfolgerung: Jonas Hien, Der Abteilungsleiter: Beatrice Frey, Frau Jolande: Live-Musik: Ingo Günther
Verlorene Seelen auf weiten Fluren
Das ist eigentlich ein uraltes Thema: seitdem es Arbeitgeber und Arbeitnehmer gibt, klafft zwischen diesen beiden eine riesige, zumeist nur schwer zu überbrückende Kluft – wenn es um den Lohn, um Geld geht.
Der französische Autor hat eine charmantes Dramulett daraus gemacht und es einem einzelnen Schauspieler ans Herz und auf die Zunge gelegt, die Leiden eines treuen, schüchternden Angestellten aufzuzeigen, der in verschieden Anläufen schweißtreibend, mal ermutigt, meistens aber entmutigt, sich letzendlich doch nicht mit schönen Phrasen und Plaketten vertrösten und abspeisen läßt und den sich allmächtig gebärdenen Abteilungsleiter, nachdem er ihn endlich erreicht hat und ihm seine Bitte mühsam stotternd angetragen hat, nicht aus der Verantwortung läßt. Immer wieder versucht er mit harten, enervierenden Anläufen, vorbei an der stupiden Sekretärin, die stoisch tippend am Vorzimmerpult ihr Dasein emotionslust fristet, zum unerreichbaren Abteilungsleitergott durchzukommen – aber der Weg ist weit und beschwerlich. Und wenn dieser Abteilungsleiter gar selbst einmal vor seinen Chef treten müßte, um diesen ebenfalls um eine Gehaltserhöhung zu bitten? Das stellt sich der kleine Angestellte trostbringend vor, um wieder einmal enttäuscht vor der verschlossenen Tür umzukehren.
Die Vorstellungskraft des Angestellten schlägt allerlei Kapriolen, die durch diese inszenierung von einem sechsköpfigen Team verkörpert werden, begleitet und choreografiert mit allerlei dröhnender wie dramatischer Musik in beinahe akrobatischen Tänzbewegungen und Verrenkungen, die den inneren verqueren Ängsten eines Bittstellers und Untergebenen äußerlich drastisch Ausdruck verleihen. Zuweilen eingezwängt in einen goldglitzernden Aufzug, wie die gesamte Bühnendekoration in modernen Design mit farblich aufwendigen Wänden und mit der geschickt im tollen Schreibtischrund verborgenen Tontechnik – purzeln die Seelenverwandten des Angestellten in die Manege. Verlorene Seelen eben in einem unübersichtlich weiten Betrieb, mit langen Fluren, in die sich der Angestellte flüchtet, nachdem er wieder einmal vergeblich auf das Wunder der sich öffnenden Tür eines ihn hereinbittenden Abteilungsleiters gewartet hat.
Die Inszenierung wird dadurch wohl zu einem großen grotesken, aber auch anstrengenden Spaß von skurrilen Verrenkungen und körperlicher Anstrengung der sehr ausdrucksfähigen Schauspilerinnen udn Schauspiler. Und wäre nicht dieser wunderbare, hochmütige, scheinfreundliche und verschlagende Anteilungsleiter in seinem fahrbaren Drehsessel in der Person der außerordentlich präsenten Beatrice Frey, deren unbewegliche Miene so aggressiv macht, dass man eigentlich um die Contenance des armen Wichtes, der hier so aussichtslos vor den Hürden der globalen kapitalischen Welt steht, bangen muß. Vielleicht schubst er diesen furchtbaren Vertreter der Bürokratie doch letzendlich aus dem Stuhl? Erschlägt ihn oder macht sonst irgendetwas? Nein, er wird sich zurückziehen und irgendwann erneut an diese Tür aus Eisen und Stein klopfen.
Für das überwiegend jugendliche Publikum bei dieser Aufführung war das Ganze denn auch ein Heidenspaß, und hinterließ wohl kaum nachhaltiges Innewerden bis es irgendeines schönen Tages in einem späteren Leben vielleicht vor eben einer solchen fest verschlossenen Tür stehen und sich an ein Theaterstück aus seiner Vergangenheit erinnern wird. A.C.