Next to Normal, OL

“Fast Normal” – Musical in 2 Akten
Musik von Tom Kitt, Buch und Gesangstexte von Brian Yorkey, deutsch von Titus HoffmannBühnenimpressionen »Next to Normal« Foto: Stephan Walzl
Original-Broadwayproduktion, Premiere  Februar 2008
Staatstheater Oldenburg, 2026 

Musikalische Leitung Jason Weever/Mathias Mönius, Regie:Konstanze Kappenstein, Dramaturgie Anna Neudert, Bühne Markus Meyer, Kostüme Heather Rampone-Gulder, Licht Philipp Sonnhoff, Ton Dierk von Domarus, Cord Henken, Live Videodesign Nadja Krüger, Kamera Richard Schlimper,Foto: Stephan Walzl
mit: Femke Soetenga als Diana, Gerd Achjilles als Dan, Michael Berres als Gabe, Anna Hirzberger/Lea Bublitz als Natalie, Eike Onyambu als Henry, KS Paul Brady als Dr. Fine/Dr. Madden;
Band: Geige/Keyboard II: Seo-Wan Choi/Birgit Rabbels; Cello: Fabian Boreck/Senja Konttori; Kontrabass/E-Bass: Michael Hagemeister/Boy Petersen; Gitarre/E-Gitarre: Matthias Maresch/Jan-Olaf Rodt; Schlagzeug: Andreas Heuwagen/Frank Schauer

Das Leben ist kein Rosengarten

Es ist eben Amerika, Themen kennen kein Tabu, und wenn ein Musical mit mitreißenden Rockrhythmen in allerhärtesten wie in allerfeinsten Tönen sich eines so schwerwiegenden Themas wie Wahn, Paranoia und Suizid annimmt, dann kann man sicher sein, dass niemand darin versinkt. Also keine Sorge: dies ist ein Musical voller Dramatik und Dynamik, von großer schauspielerischer wie sängerischer und darstellerischer Empathie und Qualität. Man ist und bleibt atemlos und verfolgt das Schicksal einer vom frühen Tod ihres kleinen Jungen geschlagenen Familie mit großem Mitgefühl, ohne dabei ins Kitschig-Sentimentale abzugleiten. Ein außergewöhnlich intensiver Abend.

Er beginnt mit einem ungewöhnlichen Bühnenbild. Weiße Rahmen zeichnen zunächst nur plastische Konturen. Dahinter wogt plötzlich ein sehr bewegtes Meer, das langsam verschwindet und eine  schuhkastenähnlichen, durchaus bewohnbare Einrichtung ins Bild rückt. Zwischen den Fächern und schmalen Türen und auf dem ebenen Dach der komplizierten Behausung – durchaus als Innenmleben der Menschen, die hier wohnen übertragbar –  agieren fünf Personen: Da ist Diana, eine zunächst lebhafte quirlige Frau und ihr Mann Dan, eher ruhig, abwartend, doch irgendwie verunsichert, ihre aufmüpfige Teenie-Tochter Natalie und deren Freund Gabe sowie Henry, ein durchaus für uns und Diana sichtbarer Schatten aus der Vergangenheit: Henry ist die schmeichelnde unheimliche Wahnvision des früh verstorbenen Babys, der sich in Dianas Gehirn als mittlerweile junger erwachsener Mann einblendet und sie stets von Neuem mit Schmerz und Sehnsucht konfrontiert. Paul Brady stellt die beiden Psychiater mit den begrenzten Möglichkeiten in der Psychiatrie sympathisch seriös vor und macht damit trotz aller Distanz die emotionale Bindung sowie die Schwierigkeiten und Probleme deutlich, die eine Behandlung von geistigen und nervlichen Verwirrungen und Störungen mit sich bringen kann.

Zur Handlung: Lange war es ruhig, und Dan und Nathalie wünschten sich sehnlichst, es möge so bleiben. Doch dann erwacht der Schatten wieder, und Diana verliert zunehmend den Bezug zur Realität. Femke Soettenga verströmt eine unglaubliche Vielfalt an Gefühlen, Ängsten und Stimmungen, zeichnet ihr Leid, ihre Hoffnung, ihre Zweifel und Wahnerlebnisse als drastische Bildnisse einer zerstörten Seele. Eine ebenso kraftvolle wie zarte und zerbrechliche Frau steht hier auf der Bühne im Mittelpunkt großer Verantwortung, die ihre Familie mit ihr zu tragen versucht. Wie erschütternd ist es, dass weder ihr Ehemann Dan, von Gerd Achilles mit der nicht seltenen Unfähigkeit gezeichnet, die schweren psychischen, verstandesmäßig nicht fassbaren Gemütserkrankungen nicht gewachsen ist –  noch ihre Tochter Nathalie, die, von Anna Hirzberger in der Premiere hinreißend gespielt wird, ihre Einsamkeit mit Trotz und kunterbunten Klamotten kaschiert, doch mit all ihrer Liebe der Mutter mit ihrer gefährlichen Fokussierung auf den verlorenen Sohn nicht helfen können.

Diana wird am Ende einer erfolgreichen Therapie trotz aller Schmerzen einsehen, dass der Weg, den sie nun vor sicht hat, ohne die Flucht in eine gefährliche Wahnwelt erneut zu wählen, nicht leicht sein wird. Es hat ihr keiner einen Rosengarten versprochen. Zwar finden Mutter und Tochter endlich zueinander, aber Dan bleibt zunächst allein zurück. Denn das Haus selbst lebt mit immer noch einem nicht gänzlich gebannten Schatten, dem es zu entrinnen gilt. Auch Eike Onyambu, der den nun erwachsenen Henry betörend singt und die Mutter nach Art der Geister nicht aus seiner Aura läßt, ist als Gast am Oldenburger Theater eine Bereicherung wie auch Michael Berres, der als einfühlender und zärtlicher Begleiter Nathalies deren Launen tapfer und bedingungslos standhält und ein ermutigendes Bild eines neuen hoffnungsvollen Anfangs der nächsten Generation malt.

Begeisterter Beifall für ein tolles Musical! A.C.

 

 

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