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Quartetto, B, 2006

Ein vergnügliches Kammerstück über die Möglichkeit – trotz aller Beschwerden – mit Würde und Witz (und Musik!) seinen dritten Lebensabschnitt zu gestalten und sich in sein unvermeidliches Schicksal zu fügen. Auch, wenn es sich dabei um vier leicht überspannte Künstlernaturen handelt, die aber alle ihre Eigenarten so liebenswert kultiviert haben, dass man diesem bezaubernden Verdi-Quartett noch ein langes Leben wünscht – und dem Theater viele erfolgreiche Aufführungen!

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Halpern und Johnson, B

Zwei Männer und eine Frau – ein alter Stoff, der immer wieder gut ist für eine Komödie, für ein Drama, für eine Geschichte, die jedermann erreicht. Und wer könnte so genial den schmalen Grad entlang wandern, der diese beiden Genre miteinander verbindet wie der jüdisch-amerikanische Autor Lionel Goldstein – und wer könnte diese traurig-schöne Liebesbeziehung zweier Männer zu einer Frau so emphatisch nachspielen wie die beiden Charakterdarsteller Gerd Wameling und Udo Samel! Ein dringender Appell: Es darf nicht bei nur diesem einen Gastspiel bleiben!
Denn was als Lesung angekündigt ist, erweist sich – trotz der Tisch-und Stuhl-Requisiten und der vorliegenden Textbücher – als temperamentvolles, feinnerviges, hintergründiges Spiel zweier Männer, die einander viel zu erzählen hätten – vorläufig aber wie zwei Kater um den heißen Brei herumschleichen. Da ist der eine, der Ehemann, der seine Frau tränenreich betrauert, und mit ihm, am Grab zur gleichen Zeit, ein anderer, ihm unbekannter Mann, der einen Strauß bunter Blumen auf das frische Grab legen möchte, was gegen die Regel einer jüdischen Bestattung ist. Sie wussten und wissen vorerst nichts von einander, ihr Erstaunen ist im gleichen Maße mit Misstrauen gepaart, und es wird vier aufregende Episoden lang dauern, bis sie die Wahrheit über ihre gemeinsame Liebe, über ihre Situation, die geliebte Frau und last not least über sich selbst gefunden haben.

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Untergang des Egoisten Johann Fatzer, B

Was immer man aus der Schlammschlacht dieser bühnen-unreifen Wortgefechte mitnehmen konnte, war in jedem Fall die überzeugende Intensität der Schauspieler, die sich schweißtreibend abrackerten, irgendwo Brecht nahezukommen. Ob als Lehrstück, als philosophischer Disput, ob als proletarische Version eines zum Scheitern verurteilten Humanismus – Denkangebote in bewährter eindeutig-zweideutiger Erkenntnis ganz nach Bert Brecht gab es reichlich. Ob man es besser in der Versenkung gelassen hätte, wäre zu diskutieren. Der Brecht-Verehrer Heiner Müller jedenfalls befand, dass dies Dilemma unauflösbar sei. „Brecht zu gebrauchen, ohne ihn zu kritisieren, sei Verrat“ – am Marxismus, Leninismus, an der Utopie einer proletarischen Weltordnung. Und die steckte an diesem Abend in silbernen Astronautenanzügen.

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Das Leben ein Traum, OL

Die Bühne ist kein Traum, sondern ein Alptraum: lichtdurchflutetet zwar, aber durch die schmalen hellen Längsstreifen, die sich über die dunklen Wände und den Boden bis zur Rampe hinziehen, dann doch eher Gefängnis als ein gemütlicher Lebensraum. Und in der Mitte ragt ein Zylinder in die Höhe, eingezäunt mit langen Seilen, die, einem schmalen Gitter gleich, das Verlies für den armen Sigismund darstellen. Der lebt dort seit Säuglingstagen nachdem die Mutter bei seiner Geburt starb, und der Vaterkönig dem Kind nicht nur die Schuld am Tode der Gattin gab, sondern sogleich den schrecklichen Visionen der Sternendeuter und anderen Wahrsagern vertraute, die dem Prinzen schlechtmöglichste Eigenschaften andichteten, mit denen er König und Polen einst in das Verderben stürzen würde. Und wie bei Vorhersagen üblich, bekannt aus der Antike, wird der bedrohliche Faktor erst einmal aus dem Weg geräumt. Was dann folgt, 20 Jahre später, ist eine vergnügliche, tiefgründige Satire.

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Die Hugenotten, B

Als sich Raoul, der Hugenottenführer, hoffnungsfroh und gleichsam naiv in die Höhle offensichtlich allein Weib und Gesang zugetanen adeligen Salonlöwen begibt, in der Illusion, von ihnen Verständnis für die Situation seiner Leute zu erhalten, wird er lediglich zum vergnüglichen Objekt ihrer degenerierten Frivolität. Und während er von ihnen aufgefordert wird, ein Liebesabenteuer aus seinem Leben zu erzählen, und nun zum ersten Mal an diesem Abend Juan Diego Flórez mit einer hingebungsvollen Liebeserklärung an eine schöne Unbekannte seinen Ruf als Startenor verteidigt, warnt ihn jäh sein alter und treuer Kriegs- und Kampfgefährte Marcel vor Papisten und trügerischen Frauenherzen. Keiner nimmt ihn ernst, doch Ante Jercunica läßt als großer asketischer, unheimlicher Gast keinen Zweifel an seinem abgrundtiefen Hass, der sich in einem voluminösen Bass in den wegweisenden Szenen warnend wiederspiegelt. Hier steht ein unversöhnlicher Feind der bigotten Gesellschaft. Aber diese wird erst hundert Jahre später untergehen. In dieser historischen Phase werden es die Hugenotten sein, deren Schicksal hier in einem epischen Drama in vielen Facetten auf die Bühne der Deutschen Oper bewegend nachempfunden wird.

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Hexenjagd, HB

Erschütternd wie alle Dramen von Arthur MIller ist und bleibt immer das unfassbare, niemals ganz zu fassende Thema psychischer Abgründe, die sich im Wahnsinn unreflektierter Ideologien und Glaubensdiktakte ihr Ventil suchen, und denen die einfachen Menschen hilflos ausgeliefert sind, wenn eine unzugängliche Obrigkeit ihre Macht ungebremst demonstrieren kann. In Bremen erfüllt Regisseur Klaus Schumacher die Aufgabe ganz im expressionischen Sinn und steigert die Selbstsucht und Engherzigkeit der sich gegenseitig an den Galgen liefernden Dörfler in einer atemberaubenden dramatischen Zuspitzung. Eine unheimliche Choreographie auf düsterem Bühnenboden umrahmt diesen Hexentanz der unbedacht ins Bösartige abgedrifteten Kinderbande bis zu einer sich verselbständigen Inquisition in mehrfachem Sinne. Was zunächst noch vielleicht als kitzliges Spiel mit dem Unheimlichen bei nächtlichem Tanz um das Feuer galt und die Phantasie und Sinne der jungen Mädchen benebelte und in taumelnde Exstase versetzte, wird durch die Wahnidee des hysterischen Dorfpfarrers zur lodernden Flamme, die fast alle ins Verderben stürzen wird. Eine Parabel, die wohl leider ewige Gültigkeit hat und aktuelle Parallelen besitzen wird – solange Menschen ihre Frustationen, ihre Leidenschaften und unterdrückten dunklen Seiten in Glaubensdogmen pressen können. Wie der Autor, so kennen auch hier die Darsteller keine Gnade mit den Charakteren, die sie gnadenlos an den Pranger stellen.

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