Die Clownsnummer (The Act)

von Richard Langridge

 1986 uraufgeführt in Manchester; deutsche Übersetzung von Paul Ingendaay und Katrin Schwenk
Theater im Palais
Regie: Peter Rauch, Bühnenbild: Alexander Martynow; Kostüm: Ute Rathmann; Musik: Ute Falkenau(Waterdrums,  Blasharmonika, Glockenspiel, Flöte, Kastagnetten, Bärenstimmer, Klavier)

Mit: Maximilian Claus, Stefan Kleinert, Peter Rauch, Carl Martin Spengler

 

 Die Macht der Kunst und die Freiheit des Künstlers

Sie sind politisch als subversiv verdächtig und haben bereits bittere Erfahrungen gesammelt, was es bedeutet, sich im Widerpart zu der herrschenden neuen Macht zu bewegen. Sie haben ihre Künstler- und Lehrerrolle abgelegt und sind in eine neue Haut geschlüpft. Hinter der weißen Maske des Clowns verkaufen sie sich nun mit amüsanten Tricks, unverdächtigen Sketches und kindlicher Komödie.

Und doch, eines Tages werden die beiden Clowns anonym eingeladen, von einem schweigsamen Fahrer abgeholt und in einem fremden Gebäude in einen komfortablen Raum gebracht. Ein greller Scheinwerfer empfängt sie – ein schlechter Scherz, ein Wegweiser, eine Warnung? Wo sind sie, wer hat sie eingeladen, was sollen sie machen, vorführen, aufführen, welche Rolle ist ihnen hier zugedacht? Die beiden rätseln herum, rätseln auch übereinander… Frink ist ungewöhnlich nervös, unkonzentriert und launisch wie selten, während sich sein Freund Hansen um Gelassenheit bemüht, schon hin und wieder ein kleines Spielchen wagt, eine Probe andeutet, um sich von der Ungewissheit abzulenken. Doch für was und für wen sollen sie sich vorbereiten? Die Männer ahnen irgendetwas, dass ihnen aber mehr Angst als Hoffnung macht. Und so ist ihr Gespräch von Vorsicht geprägt, ihr Spiel von seltener Unsicherheit; sie haben es seit langem gelernt, auf Ungewohntes zu lauschen, zu reagieren, Zeichen zu deuten. Ihre Sensibilität registriert jedes Geräusch mit schmerzhafter Wachsamkeit, denn dann und wann durchstreifen ungewohnte Töne das totenstille Zimmer, schrill und Nerven aufpeitschend, oder ist es nur ihre Einbildung, ihre Angst, die sie so hellhörig werden lässt?

Carl Martin Spengler und Stefan Kleinert sind zwei gestandene Mannsbilder, aber wie ihre Furcht ihnen die Blässe in die Gesichter treibt, die Hände zittern lässt, die Mienen verdüstert und den Nacken beugt, sie mit wagen Vermutungen peinigt, bis ein beinahe stummer, gebeugter Diener (Peter Rauch) im mausgrauen Kittel lautlos erscheint und den kleinen Tisch mit Essgeschirr bedeckt, ist sehenswert. Das einzige, was dieser Mann sagt oder sagen darf, ist, dass in einer halben Stunde serviert werden wird. Die beiden Männer bleiben ratlos zurück und füllen die unerträgliche Wartezeit mit einer lauernden Ungeduld, die beides nicht will: Länger im Ungewissen bleiben oder diese mit einer schrecklichen Gewissheit vertauschen.

Plötzlich wird Frink von dem grauen Diener herausgebeten: statt seiner betritt, unbemerkt von Hansen, ein smarter junger Mann im eleganten Smoking, glatt gescheitelt und geschniegelt, mit einem strahlenden Lächeln den Raum; Maximilian Claus ist ein perfekter Spieler; mit  lässiger Nonchalance verbreitet er eine Aura voll lauernder Gefahr, die das Blut in den Adern stocken lässt und den Raum mit Kälte füllt. Die beiden Männer kennen einander aus alten Zeiten, als Hansen noch Professor an der Kunstakademie und der Besucher sein Schüler war und sie einer gemeinsamen Idee anhingen. Mit fratzenhaft freundlicher Jovialität, hinter deren Habitus die Mächtigen gerne und gekonnt ihren Zynismus verbergen, bevor sie die Falle zuschnappen lassen, in die sie die Kaninchen gelockt haben, lauert der Mann auf seine Opfer. Nach einem kurzen Geplänkel, das sich wie ein Katze- und Mausspiel ansieht, deckt der alerte Besucher seine Karten auf: Er möchte, dass die beiden Clowns spielen, was er ihnen geschrieben hat, ein kleines Stück als Höhepunkt des heutigen Galaabends, um Mitternacht.

Was weiter geschieht, sollte hier nicht verraten werden, denn das Spiel ist derart kunstvoll aufgebaut und dramatisiert, dass sich die Spannung, unter der sich das Drama fortbewegt, in der nervösen Zwiesprache knapper Dialoge entwickelt, und die Ängste, die die Wartenden wie ein Seil umschlingen, auch den Zuschauer binden, unheilvoll, dicht und scheinbar ohne Entkommen. Dass die Kunst und der Künstler und der wahrhafte Mensch, der sich selbst treu bleibt, aber letztlich jede Furcht überwinden und jede Macht bezwingen können, das ist die Botschaft und die Aufgabe, der sich Hansen und Frings in ihrer Entscheidung stellen müssen.

Das ist nicht das übliche Unterhaltungsangebot, wie man es zumeist im “Palais” erlebt und gewohnt ist. Neben der emotional packenden, überaus starken Darstellung der vier Schauspieler ist es eine eindrucksvolle Erinnerung an und Ermutigung für all die Menschen, die noch immer unter brutalen Diktaturen Willkür, Folter und Zwang erleiden müssen, die ihr Leben opfern, um der Freiheit und der Würde ihrer Mitmenschen willen. A.C.

Unbedingt sehenswert!

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