Tartuffe, B

von Molière (Jean Baptiste Poquelin)
deutsch von Wolfgang Wiens
Schaubühne am Lehniner Platz, 2013 Berlin
Regie: Michael Thalheimer; Bühne: Olaf Altmann, Kostüme: Nehle Balkhausen, Musik: Bert Wrede, Dramaturgie: Bernd Stegemann, Licht: Erich Schneider
mit: Lars Eidinger, Judith Engel, Franz Hartwig, Ingo Hülsmann, Urs Jucker, Felix Römer, Kay Bartholomäus Schulze, Tilman Strauß, Luise Wolfram, Regine Zimmermann.

Am Ende steht alles Kopf

Das ist feinste Comedia Dell’Arte im 21. Jahrhundert, gemixt mit Comedy und Gespür für die Absurdität des Lebens. In der Guckkastenbühne, die sich später, wenn alles, was die Familie einst zusammenhielt, den Bach runterfließt, schwindelerregend wie eine Jahrmarktsrotunde dreht und alle – dem Gefühl nach auch die Zuschauer – kopfstehen läßt, kämpfen vergeblich alle Familienmitglieder um die Einsicht ihres Oberhauptes, das sich im Lehnsessel nach Patriarchenart rekelt und herrscht. Und wer könnte einen solchen Typus genüßlicher darstellen als Ingo Hülsmann! Doch bevor sein hysterischer Orgon, von Blindheit und Taubheit geschlagen, seiner Familie die Hölle heißmacht und sie der Gottlosigkeit und der Sündhaftigkeit bezichtigt, den neuen Freund des Hauses,Tartuffe, aber als Inkarnation der leuchtenden, vorbildlichen reinen Selbstlosigkeit darstellt, bricht eine Figur im schwarzen Kleid und gefaltetem weißen Spitzenkragen mit wütenden Tiraden über eine sündige Menschheit herein. Ein Savanarola könnte nicht effektvoller mit Bibelzitaten wie mit einem flammenden Schwert auf die Menschheit einschlagen. Erst am Ende wird man erfahren, wer diese Gestalt sein soll, nämlich seine Mutter, die – nach modernen psychologischen Erkenntnissen –  auch nach ihrem Tode auf ihren Sohn Orgon weiterhin so starken Einfluss ausüben konnte, dass dieser von einem Scharlatan in der härenen Hülle eines bigotten Mönches so fest in die moralische Zange gepresst und zerdrückt werden konnte. Felix Römer grotesk und furchterregend!

Lars Eidinger hat hier eine Glanzrolle für sich gefunden, die er genüßlich und nunancenreich auskostet: als Büßer und Sünder gebeugt und gebeutelt, mit monotoner gebrochener Stimme verkündend, wie die Heilige Schrift über die Armen und Frommen richtet, vor allem aber wie sie allen anderen ein nicht enden wollendes Fegefeuer verspricht. Molière, der, wie man weiß, ein Leben lang mit der Geistlichkeit seiner Zeit im zornigen Streit lag, der ihre Heuchelei und ihre Scheinheiligkeit mit beißendem Spott in ihrem blankem Spiegelbild bloßstellte, hat hier ein Mahnmal par excellance geschaffen: Ein durchtriebener Scharlatan nistet sich im Hause einer wohlhabenden Familie ein und vereinnahmt den  , ihm völlig hörigen Hausherrn, so dass dieser seinen Sohn enterbt und nur noch der Heuchelei des teuflischen Mönchs Gehör schenkt.

Da ist die treue Seele des Hauses Dorine, Judith Engel, beinahe blutleer vor lauter Kummer, hat sie doch das miese Spiel des fressenden und frömmelnden Schmarotzers längst durchschaut, wenngleich sie nicht damit gerechnet hat, dass dieser über weit mehr als rhetorische Raffinnesse verfügt, sondern auch über  Mittel und Möglichkeiten, das von ihm glühend gebrandmarkte erotische Verlangen zu seinem Vorteil zu benutzen…  Und die arme, grotesk wie alle anderen Darsteller nach Robert Wilsons Vorbild bemalte Tochter ist mit Luise Wolfram geradezu der Prototyp der hilflosen Comedia-Bräute, die stets von geizigen, kranken oder blindgläubigen Vätern ins Eheunglück gestürzt werden sollen.
Regine ZImmermann ist eine starke Ehefrau, die ihre lasziv wirkende Persönlichkeit geschickt einzusetzen weiß, indem sie Tartuffe mit seinen eigenen Waffen zu schlagen versucht. Doch dieser Halunke ist schlimmer und schneller, und nun ist es bereits zu spät, dem endlich sprachlosen Gatten die Augen zu öffnen; das Hab und Gut befindet sich bereits in der Hand des  Gastes. Und da sitzt dieser Tartuffe wie ein Unschuldslamm am Rand des Mausoleums, während sich in einer Ecke klein und schmächtig das zusammengerückte Familienbündel verkrochen hat. Sanft und deutlich verweist er die Sippe in ein ungewisses Schicksal, läßt den wild tätowierten Oberkörper – tatsächlich mit Bibelsprüchen beschrieben? – wie ein Mann, der das letzte Hemd von sich hergibt, in der Bühnensonne leuchten, genauso wie seine unschuldigen blauen Augen. Ein Fundamentalist hat gesiegt, sogar im guten Glauben, als Rächer Recht zu tun. Der italienische Starregisseur Pier Paolo Pasolini schließlich hatte seinen Jesus von ebenso gnadenloser Härte gezeigt (Das 1. Evangelium Matthäus). Thalheimer und Eidinger könnten sich daran orientiert haben.
Damit ein Gerichtsvollzieher noch seinen wahnwitzigen Auftrag erfüllen kann, nutzt Urs Jucker mit seinem Auftritt die Möglichkeit einer großartigen Juxdarstellung, was dem ganzen überdrehten Schabernack die Krone aufsetzt. A.C.

 

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