Master Class, OL

von Terrence McNally

Deutsch von Inge Greiffenhagen und Bettina von Leoprechting
mit Arien von Guiseppe Verdi, Giacomo Puccini und Vicenzo Bellini
Uraufführung am 5. 11. 1995 im John Golden Theatre, New York City

Staatstheater Oldenburg, 2022

Caroline Nagel als Maria Callas, Guiseppe Barile als Manny Ricci (der Pianist), Elena Harsányi /Bogna Bernagiewicz, Martyna Cymerman als Elena Lewandowska, Johannes Leander Maas als Anthony Candolino, Stefan Vitu als Ein Bühnenarbieter, Eli Fischer und Danylo Salo als Kind

Musikalische Leitung: Guiseppe Barile, Regie: Tobias Materna, Dramaturgie: Christina Schmidt und Saskia Kruse, Bühne: Jan-Hendrik Neidert, Licht: Arne Waldl

Maria Callas- Psychogramm einer großen Diva

Maria Callas lehrte ihre Schüler die Bedingungen des Erfolgs: gnadenlose Ehrlichkeit gegen sich selbst und  Respekt und Hingabe für die Musik: sie kritisierte schonungslos. Weder gab sie Ratschläge noch einen bestimmten Stil vor, schon gar nicht den eigenen.  Sie analysierte messerscharf, geißelte  Unwissenheit, mangelnden Ehrgeiz und halbherzige Vorbereitung. Ihre Leidenschaft zu den großen Opern des Belcanto, wie nur sie sie singen und spielen, fühlen und erleiden konnte, sollten der Wegweiser sein. Sechs Jahre nachdem sie sich freiwillig von der Bühnen der Welt zurückgezogen hatte, unterrichtete die Callas zwischen 1971 und 1972 zwei Meisterklassen wöchentlich, die öffentlich waren und stets ausverkauft.

Inspiriert von der legendären Primadonna di Assoluta, der La Divina, verfasste der amerikanische Dramatiker Terrence McNally 1995 mit HIlfe von Mitschnitten ihrer Meisterklassen dieses Theaterstück und ergänzte die Szenen mit erfundenen Einschüben, in denen sie ihr Leben reflektiert, analysiert und Erkenntnisse für den Preis ihres Erfolges offenbart. So wird sie in Erinnerung bleiben:  Die elegante Diva, skandalumwittert, eine extravagante Darstellerin ihrer Selbst, in ihrer Kunst unerreicht, in der Liebe gescheitert, im Leben letztendlich hilflos und verarmt.

Caroline Nagel, durch und durch Dame, als zwar exzentrische, aber durchaus sympathische und gewinnende Maria Callas in dieser Inszenierung geizt nicht mit Starallüren, Sarkasmus, an Zynismus reichendem Spott und gnadenloser Ehrlichkeit, die wohl auch nur die Starken überstehen. Aber auch Verbitterung und Trauer über ein Künstlerleben zwischen Himmel und Hölle, Jubel und Verriss lebt in ihr weiter und sucht nach einem Ventil. Jetzt unterrichtet sie begabte Schüler und Schülerinnen, die es einmal zu etwas bringen werden. Aber sie lässt sie nicht fühlen, dass sie gut sind, noch nicht; sie drangsaliert, quält sie, wie einst sich selbst in ihrer Erinnerung auf ihrem harten Weg zum Ruhm, selbst vorangetrieben bis zum letzten Atemzug von einer ehrgeizigen und lieblosen Mutter, gelästert von einer Öffentlichkeit als häßliches Entlein, dann umjubelt als sie nun auch nach einer harten Diät auch figürlich dem Ideal einer Sopranistin der Superlative entsprach, sie allerdings wegen ihrer Extravaganz und Launenhaftigkeit auch geißelte, sobald sie strauchelte.

Das alles und noch mehr aus ihrem doch überaus erfolgreichen und reichhaltigem Leben, ihren großen Bühnenauftritten, ihren unwiderstehlichen mitreißen Filmrollen (Medea), ihrer Tragik als misshandelte und verlassene Geliebte eines griechischen Reeders und Parvenüs, der unglücklicherweise ihre große Liebe und ihr Verderben sein wollte, lebt in dieser Inszenierung mit ihren hinreißenden Akteuren wieder auf..

In dem großen, holzgetäfelten Bühnenraum, der lediglich mit dem Piano bestückt ist  – sowie dem duldsamen Pianisten Manny (Guiseppe Barile), der gegen die Affronts der Callas schon immun zu sein scheint- und einem hohen Regiestuhl, auf dem diese regieführend thront, werden nun drei Schülere/innen vorgeführt. Und dann – nach deren Vorführung und dem Zurechtstutzen ihres Gesangs   erklingt die Version von Maria Callas in eben diesen Arien aus dem Off! Und das ist einer der tollen Regieeinfälle: sobald die geplagten und beinahe schon vernichteten Schüler/innen ihre Partie in hart erarbeiteter, glamoröser Weise gesungen haben, sollen sie diese sie noch einmal wiederholen, doch die Regie blendet jetzt die Realität aus und Marias` Stimme in eben diesen Partien erklingt aus einer vergangenen Zeit: eine großartige La Sonnambula, gewaltig, sehnsuchtsvoll, bezwingend. Wie ein Vulkan wird sie auch als Verdis und Shakespeares weltbeste Interpretin und als Puccinis großartige Tosca um Liebe und Leben singen. Für Elena Harsányi, die sich als Sophie de Palma von einer gequälten, zappeligen, nervösen Schülerin in einer tränenerfüllten Arie in eine entzückende Amina verwandelt, wird der weitere Weg deutlich sicht- und hörbar.

Denn das ist eine wunderbare Weisheit der großen Dame Maria Callas, die sie allen Liebhabern des Bel canto hier mitteilt: wie man Musik nicht nur hören, sondern fühlen muss, mit allen Sinnen, mit aller Hingabe und Konzentration. Auch Martyna Cymermann als zweite Schülerin Elena trotzt dieser Folter der einst als göttlich bezeichneten Diva in aller Verzweiflung letztendlich doch und beschert ihr eine Callas-akzeptable, immer wieder durch kritische Hinweise veränderte Darstellung der Lady Macbeth – für ein junges Mädchen, so lautet die Intention der Callas – eine beinahe unverantwortlich anspruchsvolle Wahl; denn die Jugend soll lernen und erfahren, was ihrer Begabung entspricht, was sie zunächst erleiden und erarbeiten muss, um sich allmählich an die großen historischen Rollen  heranzutasten.      .

Leichter hat es der letzte Kandidat, der smarte Tenor Anthony Candolini, von Johannes Leander Mass erfrischend souverän gespielt trotz der nicht mit suffisanten Bemerkungen über Tenöre im Allgemeinen geizenden Meisterin. Er tänzelt mit leichtfüßiger Nonchalance, jungenhaften Charme und scheinbar angstfrei tapfer in die Fänge der Löwin, um nach einem lebhaften Disput zwischen beiden eine kraftvolle Darbietung –  unangefochten trotz aller Unterbrechungen  – eines liebenden, lebendigen Cavaradossi zu zeigen. Und er beeindruckt die Diva, die dabei tief in ihre Vergangenheit taucht, außerordentlich.
Maria Callas hatte damalsbereits ihre Stimme verloren. Über diesen Verlust hinaus offenbarte sie ihre Lebenserfahrung, ihren Ehrgeiz, ihre große Liebe zur Musik und zu den Komponisten, die ihre Götter  waren, mit großer Ehrlichkeit und Ehrfurcht vor der Kunst.
Herzlicher Applaus für eine Reminiszenz an die Welt der großen Künstler. A.C.

 

 

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