Category Archives: Regietheater

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Radzivill oder der Riss durch die Zeit, OL

Es ist nicht nur ein Riss durch die Zeit, sondern auch durch die Inszenierung und zudem ein Parcourritt durch ein verwirrendes, erfindungsreiches und grausames Jahrhundert, in dessen Mittelpunkt der Maler Franz Radziwill steht; Seine großformatigen, düsteren Bilder zeugen von angstvollen Zukunftsahnungen, die einen Mann seiner Generation nach zwei Weltkriegen, der Zeit des Nationalsozialismus, der Entbehrungen und des globalen Elends der Welt geprägt haben. So wie das Oldenburger Theater mit diesem norddeutschen Patrioten und Malergenie des Oldenburger Landes in einer bildverdichteten und poltiisch eindeutig positionierten Inszenierung verfährt, wird eine Durchdringung auf zwei Ebenen versucht: einer persönlich – künstlerischen und einer philosophisch-politischen.

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Michael Kohlhaas, B

Ferdinand Grimm soll unter anderem einmal gesagt haben, dass “Schauspieler ein besonderes Talent benötigten, um ein Stück von Heinrich von Kleist zu spielen”. Was mag er damit gemeint haben? Ernsthaftigkeit, Courage, Persönlichkeit, Einfühlungsvermögen? Diese Eigenschaften jedenfalls zeigten die vier Schauspielerinnen in ihrer Kleist-Adpation des bis zur blinddwütigen Raserei um sein Recht kämpfenden Rosshändlers Michael Kohlhaas. Zwar fehlt den Vagenten bekanntlich die großflächige Bühne, aber in dem möglichen Format des Kammertheaters zwischen einem teils erzählten und gespielten Handlungsablauf können sie nicht nur den vielen Schülern, die ihre Stücke anschauen, ein gutes Beispiel dafür geben, wie man eine kunstvolle alte Sprache handhabt, sondern auch, wie sich Kleist’s Charaktere im Sprachspiel lebendig ausformen lassen.

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Das achte Leben (für Brilka), HB

Die Biografie der Familie Jaschi beginnt nach der Zarenermordung mit der Begeisterung der Bolschewiken für Lenin, folgt der Schreckensherrschaft Stalins und seiner Mitläufer bis zu seinem Tode, dem gefährlichen Chaos um und mit Chruschtschow, gefolgt vom Hardliner Breschnew, umgarnt von deutschen Politikern, dann Gorbatschow, der nicht als Weltenretter, sondern den Georgiern als Wolf im Schafspelz in bitterer Erinnerung geblieben ist und dann, unberechenbar auch Jelzin. Und nach dem kurzen Aufatmen für die sowjetischen Länder, ihrer völligen Überforderung, von heute auf morgen in die Demokratie einzutreten, ohne im Besitz des Türöffners zu sein, wieder mit Aufständen, Krieg und Hunger und Existenznöten belastet, kämpfte sich dieses Georgien abwartend und verunsichert durch die Zeiten – bis zum heutigen Tage zwischen den Fronten stehend.
Der Sohn und Beschützer der Familie Jaschi, der Marineoffizier Kostja, sieht kurz vor seinem Tod und nach verlorenem ideologischen Vertrauen in die Politik der Sowjets, mit großer Klarheit und Traurigkeit, wie unentschlossen, bequem und gutgläubig sein Land allen Diktatoren gefolgt ist, aber auch, wie hilflos es als Anhängsel im Süden des großen Reiches seine Rolle akzeptieren musste: zu klein, um selbst in das Geschehen erfolgreich eingreifen zu können, zu groß, um übersehen zu werden. Ein dramatisches Familienepos über ein Jahrhundert. Nach sieben Generatonen Stagnation liegt nun alle Hoffnung einer neuen Zukunft bei der jungen Brilka, die voller Übermut, Verwegenheit, selbstgewiss und energisch zwischen den Welten lebt. A.C.

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Das Himmelszelt, B

Ein Gerichtsdrama von Lucie Kirchwood, erschienen 2020 Deutsch  von Corinna Brocher Deutsches Theater, 2022 Regie: Jette Steckel, Dramaturgie Anika Steinhoff, Bühne Florian Lösche, Kostüme Andrea Schraad, Musik Mark Baldur, Choreographie Dominika Knapik, Licht Matthias Vogel, Maske Andreas Müller, Chorleitung Benedikt Reidenbach Jury: mit Leilla Abdullah, Lena Brückner, Karin Neuhäuser, Franziska Machens/Kotbong Yang, Almut Zilcher, Birgit Unterweger, Linda Pöppel, Anja Schneider, Birte Schnöink, Dominika Knapik, Ursula Werner; Gerichtsdiener, Ehemann: Manuel Harder, Arzt: Enno Trebs, Tochter der Hebamme: Livia Mello Wagner/Ylvie Wolff

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Gelbes Gold,B

Es ist immer wieder das Thema der Zukurzgekommen, in der Literatur, im Film, Theater, in persönlichen Gesprächen. Und es stimmt traurig, wie sich in diesem Gold-Stück der alte Fritz noch immer an seinen Pommes Frites erwärmt, nach neuen pikanten Veränderungen sucht, um sie noch köstlicher zu bruzzeln; wie seine Lebensgefährtin und Geschäftspartnerin Mimi ihrer Verbitterung über alles und jeden – über die Stagnation, die falschen Versprechungen und irregeleiteten Hoffnungen, die Flucht der Dorfgemeinschaft nach dem Abriss der alten Platten – vehement Luft macht. Sie ist keine Nörglerin, sondern leidet wirklich, sowohl unter dem sturen Mann, der ihre Interessen ( und ihr fortschreitendes Alter!) irgnoriert wie auch unter der Vereinsamung in der ländlichen Beschaulichkeit in gelb glänzender Rapsfeldromantik.

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Der Sohn, B

Exemplarisch wird hier “der Sohn” in einer schnellen Szenenabfolge vorgestellt, intensiv gespielt von Darstellern, die das Anliegen des Autors zu ihrem eigenen, wie auch zum Anliegen der Zuschauer machen. Damit erfüllt das Theater eine verantwortungsbewußte Aufgabe: eine jugendliche Depression in ihren tiefverwurzelten emotionalen Facetten transparent werden zu lassen; den Umgang der mehr oder minder hilflosen Erwachsenen mit der “null Motivation” des Sohnes sensibler zu machen. Außerdem kommt für den aus der Welt gefallenen Nicolas das nicht verarbeitete Scheidungserlebnis seiner Eltern hinzu, das ein so in sich verirrter Mensch wie dieser sanfte, sich auch körperlich verbiegende Junge nicht begreifen kann. Ein Appelll an alle Erwachsenen, diesen oft als pubertären Ausfall beiseite geschobenen seelischen Zustand in einer tieferen Verunsicherung zu suchen.

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