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Satyagraha, OL

Eine einfallsreich gestaltete Bühnenausstattung (angedeutete Wälder, Wände, Barrieren aus Bambusstangen) und eine kongruente Handlungschoreografie lassen die Inszenierung mit ihren philosophischen und religiösen Texten, die leider nicht immer glücklich übersetzt sind, nach und nach in die tieferen Dimensionen gleiten und das zuweilen alle Religionen verbindende Wertesystem der Bhagavad Gita transparent werden. Die nachhaltig wirkende “Minimal-Musik” des amerikanischen Komponisten, der dieses Werk erstmalig 1980 an der Oper Stuttgart aufführte, unterstreicht in tiefen, weiten dunklen Wellen mit an-und abschwellendem, nur scheinbar gleichtönig wirkendem Klang die Worte und Werte des golden glänzenden Prinzen Arjuna und des blauhäutigen Gottes Krishna, die als Maßstab für das richtige ethische Handeln eines vorbildlichen Herrschers gelten. Der hier spielerisch und musikalisch eindruckvoll in den Vordergrund gestellte Chor erscheint in den folgenden Bildern als graue Anzug- und Kostümgesellschaft, eben farb- und phantasielos, gnadenlos herrschend und hemmungslos konsumorientiert. Der Gewaltlosigkeit predigende und als Menschen-und Weltverbesserer ebenso verehrte wie gescheiterte Mahatma Gandhi steht hier noch als junger Anwalt fassungslos allen Ungerechtigkeiten der südafrikanischen Gesellschaft gegenüber.

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Supergute Tage, OL

Literatur als Darstellendes Spiel auf die Bühne gehoben – erhoben? In diesem superglücklichen Fall übertrifft die konturenreiche Inszenierung die literarische Vorlage nicht nur in der absoluten stimmigen Ausformung der Charaktere des Stückes, sondern auch in der Sichtbarmachung der schwierigen Beziehung der Menschen in der unmittelbaren Umgebung eines Jungen, der sich nicht in normale Verhaltensmuster einfügen kann und daher eine hohe Anforderung an ihr pädagogisches und psychologisches Einfühlungsvermögen stellt. In der Rolle des 15jährigen autistischen Christopher changiert in beeindruckender Intensität und mimischer wie körperlicher Ausdrucksvielfalt eine junge Schauspielerin: Franziska Werner. Unbedingt anschauen!

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Maria de Buenos Aires, HB

Diese Inszenierung zieht alle in ihren suggestiven Bann; ein berührendes Drama der Seelentiefe, verpackt in surrealistische Poesie und eingehüllt in zärtlich weiche Tangorhythmen, die sich abwechseln mit der Härte und Brutalität der ewig Ausgestoßenen, der abseits Lebenden und Hoffenden im Dunkeln der Großstädte. Zu ihnen gehört diese wunderbare, liebliche, und sich der Liebe hingebende Mariá, die als ahnungsloses Mädchen in den Dschungel der Unterwelt gerät und trotz des sie liebenden väterlichen Freundes zuletzt ein Opfer der Süchte und unerfüllten Träume wird. Als Schatten ersteht sie wieder auf, als Unbesiegbare, ewig Geliebte, nie Erreichbare und doch von allen Geächtete. Sie wird wiedergeboren als sie selbst, als Frau, als Gebärende, Lebenerhaltende. Jesus ist ein Mädchen, eine Frau, die ewige mater dolorosa.
Ein vielschichtiges, phantasievoll choregraphiertes und stark rhythmisiertes Spiel um die niemals endende Sehnsucht des Menschen nach dem verlorenen Paradies mit der wunderbar wandlungsfähigen Annemaaike Bakker und dem stimmgewaltigen Patrick Zielcke sowie dem Sprachkünstler Benno Ifland .

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Rigoletto, B

Es ist eine Aufführung, ein Abend, den man so schnell nicht zu den Akten legt. Patrick Lange verleiht der vitalen, weithin sich verströmenden und in vielen Nuancen hauchzarten, erregenden und bewegenden Oper Verdis eine Präsenz, die sich unmittelbar und unzweifelhaft der menschlichen Finsternis zuwendet. Das Spiel in der Gasse kannte kein Pardon weder mit den Herrschenden und Mächtigen, noch mit ihren Vasallen und den Krüppeln des Lebens – als Spott und Spielball des Volkes eroberten sich diese Inhalte zunächst als pantomimische Darstellungen die Bühne, wo Rührseligkeit und Realität beißend auf die Spitze getrieben wurden. Der Schock feierte fröhliche Urständ. Für Franzosen und Italiener ein Spiel, mit dem sie umzugehen wussten. Für die deutsche Mentalität gerät die Wirkung zu sehr ins Wahrhaftige. A.C.

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Maria de Buenos Aires, B

Von Erotik, von fiebernden Leidenschaften, vom Liebeskampf der Geschlechter ist diese Inszenierung weit entfernt. Sie ist stellenweise langatmig, zuweilen grausam, dann wieder banal. Wären da nicht die wunderbaren Bandoneons, mit denen die Paare ausgestattet sind, und die sie mal als Instrumente, mal als Sitzmöbel, dann wie eine Geliebte in den Armen halten – oder, lang ausgedehnt, als gemeinsame rote Schutzwand im Daseinskampf in den Armenvierteln von Buenos Aires benutzen, dann wäre die Performance nicht weiter aufregend — im Kontrast zum einfühlsam spielenden Orchester, dessen Intonation so gar nicht dem hoffnungslosen Text und Ambiente entspricht, sondern zärtlich aufhorchend dem Leben die schönen Saiten abgewinnt. A.C.

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Nostalgie 2175, HB

Das Szenario ist nicht neu: apokalyptische Visionen nach der totalen Klimakatastrophe flammen zu aktuellen Anlässen wie der jetzigen Klimakonferenz in Paris auf. Aber sie verdrängen unsere Ängste nur bis neue Kriege aufflammen, islamische Fundamentalisten ihre Terrorherrschaft erweitern oder verarmte Länder um Hilfe nachsuchen. Für Wissenschaftler und Schriftsteller aber ist die Zukunft längst Gegenwart geworden, das Orwellsche Bild “1984”, das den gläsernen Menschen vor Unfreiheit und permanenter Überwachung warnt, ist längst Realität, ohne dass wir uns sonderlich aufregten. (In einer Bühnenversion am Berliner Gripstheater amüsierten sich die Schüler bestens.)
Das Theaterstück von Anja HIlling ist in dieser HInsicht nichts Neues, nichts wirklich Bewegendes, es zeigt nurmehr eine kleine neue Variante, nachdem die Erde Feuer gefangen hat und die tödlichen Strahlen die letzten Menschen in luftdichte Wohngehäuse verbannt haben. Jegliche Berührung kann gefährlich sein, Emotionen sind in Reagenzgläser verbannt. Drei Schauspieler versuchen, diese aseptische Welt irgendwie darzustellen, aber über eine dramatische Sprachführung kommt es nicht zum Spiel. Was nicht darzustellen ist: ein durch ein Attentat für immer verstrahlter Mann darf eine Frau nicht berühren, ihrer beider Liebe körperlich nicht erfüllen. Die Verzweifelte vereint sich mit einem anderen Mann, der den Geliebten gewissermaßen stellvertretend zum Vater werden läßt. Aber eine natürliche Geburt ist tödlich in diesem von nunmehr weißhäutigen und rothaarigen albinotischen Menschen bewohnten Enklave. Es gibt kein Entrinnen aus dieser Situation, in der mit Hilfe von 4oo bewahrten Filmkassetten eine nicht mehr vorhandene Welt rekonstruiert werden soll. Das schöne, farbenreiche, glitzernde Leben einer fernen Vergangenheit soll auf Tapeten übertragen werden. Gruseligerweise werden die Farben auf die rückseitige, nicht geschädigte Haut verstrahlter Menschen eingestochen werden. Schlimmer geht es wohl nicht. Dennoch herzlicher Beifall für das teilweise doch gelungene Bemühen der Schauspieler, Endzeitstimmung zu vemitteln. A.C.

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