Rigoletto, HB

Melodramma in drei Akten von Guiseppe Verdi
Text von Franceso Maria Piave
nach dem Schauspiel “Le roi s’amuse” von Victor Hugo

Theater am Goetheplatz, Bremen, 2015

Musikalische Leitung: Clemens Heil/Daniel Mayr, Regie Michael Talke, Bühne Barbara Standfuss, Chor: Daniel Mayr, Dramaturgie: Ingo Gerlach, Licht: Frédèric Dautier

mit: Hyojong Kim (Herzog von Mantua), Claudio Otelli (Rigoletto), Marysol Schalit/Nerita Pokvytyè (Gilda),  Patrick Zielke/Christoph Heinrich (Sparafucile), Natalie Mittelbach (Maddalena, Giovanna, Gerichtsdiener), Loren Lang (Graf von Monterone), Jörg Sandig (Marullo), Wolfgang von Borries (Borsa), Daniel Ratchev (Graf Ceprano), Pauline Jacob (Gräfin Ceprano, Ein Page)

Die dunkle Seite der Liebe

Die  dunkle Seite ist zuerst da, und sie bleibt fortwährend präsent: die Macht des Schicksals schleicht sich als schwarzer Schatten mit langen Spinnenfingern geisterhaft und wesenlos auf die Vorbühne, unheilverkündend, wie die dunklen Streicher unten im Orchestergraben. Und auf der anderen Seite der Bühne hockt das Alter Ego Rigolettos, ein zerzauster Mann, verwachsen, kleinwüchsig, eher ein Glöckner von Notre Dame – aber rachedurstend, mordbereit. Ein Messer, vom Schicksal dargeboten, blitzt auf, von düsternen Trauertakten begleitet in diesem psychologisch tiefgründigem Spiel um Liebe, Eigenliebe, Egoismus und Macht. Die Overtüre skizziert bereits die Stufen, die nach und nach durch ein höllisches Spektakel in den Abgrund führen, von schmerzenden Geigen ahnungsvoll beseelt.

Und dann tauchen sie im Rudel auf – der Chor der Höflinge, grell und bunt wie Clowns, seltsame Spaßmacher, die sich am Leid der anderen ergötzen, der geraubten und geschändeten Ehefrauen, der gehörnten und verspotteten Ehemänner. Denn des Herzogs Liebeshunger ist unersättlich, und sein Begehren bleibt ungestraft, denn er ist der Mächtigste in Mantua, und die anderen nur die Lakaien, die ihm die Hand küssen dürfen. Das ist so gruselig und absurd und so inszeniert, als ob man es sich eigens als Spektakulum für Halloween ausgedacht hat. Eine Inszenierung, die dem psychologischen Anspruch des Stückes turbulent folgt.

Denn Claudio Otelli ist ein zwar stattlicher, aber zutiefst verhärmter, seelisch und körperlich geschundener Rigoletto, dessen MInderwertigkeitskomplex ihn mit den Wölfen heulen lässt, und der im Schatten der mit dem Winde tanzenden Höflinge nur noch eine müde Rolle als Mitläufer spielt. Ein Hofnarr, der das Üble wohl belachen und bespotten kann, es aber nicht aufhalten will? Könnte er dies denn? Wäre es denn nicht seine Aufgabe, selbst unter Lebensgefahr, die Wahrheit – verblümt und gut verpackt – den Mächtigen und Mitläufern zu kredenzen, das Böse aufzuspießen und die Hofschranzen das Fürchten zu lehren? Aber dieser Rigoletto ist zutiefst geschunden und verletzt, er trägt das Leid, das Elend, die Bösartigkeit der ganzen Welt als Schwerlast auf seinen verunstalteten Schultern, und für leuchtet nach dem Tode seiner Frau nur noch ein einziges Licht in seinem Leben: die Tugend seiner sanften Tochter.

Verdi hat sich das anders gedacht, und es bleibt eigentlich ein Rätsel, warum er solche drastische Dramatik in so wundersame Noten eingehüllt hat, warum er ausgerechnet dem wüsten Herzog, der sich alles nimmt und vernichtet, so wie es ihm gefällt, den Gassenschlager per excellance auf den Leib – und hier auf den verführerisch-zärtlichen Tenor des Koreaners Hyjong Kim als Herzog geschrieben hat: “Frauen sind unstet wie Federn im Wind….” Spott und Hohn? Oder ist das die Tragik des Herzogs – echte Liebe nicht fühlen zu können im rasch verglühenden Feuer der unersättlichen Lust?

Es fällt schwer, diesem Lebenskampf um Liebe, Eigenliebe, Verzweiflung und Opfertod noch irgendwo Spott oder Spaß zu attestieren. Denn es entwickelt sich einfach alles vehement zum totalen emotionalen Chaos: ob Rigoletto die Tochter – vor lauter Liebe und Angst erdrückend – vor der Schlechtigkeit der Welt zu bewahren versucht und sie damit direkt in ihr Unglück stürzt, ob die gutmeinende Maddalena der reizenden Unschuld Gildas aus Mitleid den Weg ins Verderben bahnt, ob dieses engelhafte Wesen, das die beiden Primadonnen des Hauses mit solcher Verzückung und Hingabe bis in die zartesten Nuancen hinein mit spärenhafter Virtuosität ausformen, sich selbst opfernde Stärke beweist, ob die ebenfalls vom herzoglichen Charme geblendete Killer-Kumpanin Giovanna letztendlich ihrem Herzen folgt und nicht der Mordanweisung des von Rigoletto gekauften Bruders !

Es mag vielleicht zunächst verwirren, wenn nicht nur Rigolettos racheerfülltes zweites Ich bereits in die Tiefe seiner Gefühle verweist, denn auch Gilda ist zumindest zweigespalten, in ihrer absoluten Gehorsamspflicht dem Vater gegenüber doch innerlich zerrissen; Zwei oder drei Seelen wohnen in ihrer Brust, während sie dem Vater zärtlichsten Gleichklang schwört, sehnt sich die andere, die liebende Frau nach dem Mann, dessen Charme sie während des Kirchgangs erlag.  Später wird sie – auch dies nur als gedankliche Möglichkeit – ihren Fluchtkoffer wieder auspacken und ihr Handeln aus der Perspektive der Beobachterin wahrnehmen. In anderen Theaterhäusern bedient man sich, um mehrere Ebenen der realen und der gefühlten oder gewünschten Wirklichkeit zu demonstrieren, aufwändiger Videobegleitungen und anderer technischen Finessen. Die figürliche stumme Präsenz der ersehnten anderen Welt füllt hier nicht nur die leere Bühne, sondern läßt zugleich eindringlich deutlich werden, wie stark Rigoletto seine Tochter vom Leben und der eigenen Erfahrungsmöglichkeit abschneidet, wie unglücklich und naiv ihr häusliches Gefängnis sie macht und wie sehr ihr entflammter Körper die Liebe des Mannes sucht, den sie für einen mittellosen Studenten hält. In der Leidenschaftlichkeit beide Duette (Herzog und Gilda/Vater und Tochter) zeichnet die Regie hinter dem blinden Gehorsam und dem väterlichen Behütungswahn ein wahrhaftigeres Bild.

Der vor Überbesorgnis blinde Vater  – sehr schön ist hier das hintergründige Bühnenbild der Affenliebe, der die Puppe als Spielzeug dient – wird auf die nächtliche Eskapade der wilden Gesellen hereinfallen, die Rigolettos Heimlichtuerei als ein Versteckspiel seiner Geliebten aufzudecken versuchen und ihm nun jenen bösen Streich spielen wollen, den sie bereits anderen Edelleuten zufügten: nächtlicher Raub der Frauen, die dem hungrigen Herzog zum Frass vorgeworfen werden.  Aber diesmal ist es anders: es ist die Tochter, die sie entführen, und Rigoletto, nicht ahnend, dass es ihn bei diesem Streich nun selber treffen wird, händigt den Burschen sogar noch das Schlüsselbund zu seinem Hause aus. Inmitten aller Verzweiflung hätte es nach dem steinerweichenden Aufschrei für Rigolettos noch eine Möglichkeit für ihn gegeben, Gilda und sich zu retten; wenn er ihr diese Liebe gestattet hätte. Aber er entreißt sie den höhnischen Höflingen, und der Herzog glaubt sich betrogen. Das ist die große, die schlimme Tragik, die sich nicht nur hier oft hinter der Ignoranz elterlicher Selbstsucht, getarnt als Behütung, verbirgt!

Das alles ist ein musikalisches, erzählerisches und choreografisches Meisterstück. Und es ist hier in einer homogenen Gesamtleistung von Regie, Orchesterführung, Musikern, Choreografie und natürlich einer leidenschaftlichen gesanglichen Hingabe zu einem faszinierenden Saisonauftakt geworden. Begeisterter Applaus! A.C.

 

 

 

 

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