Carmen, HB

von George Bizet
Opera comique in vier Akten, Text von Henri Meihac und Ludovic Halévy, Uraufführung 1875 in Paris
Theater am Goetheplatz, Bremen, 2015

Die Bremer Philharmoniker, Leitung: Clemens Heil, Regie: Anna-Sophie Mahler, Bühne: Duri Bischoff, Kostüme: Geraldine Arnold, Chor: Daniel Mayr, Kinderchor: Jinie Ka, Choreographie: Jacqueline Davenport, Dramaturgie: Ingo Gerlach, Licht: Christian Kemmetmüller.
mit: Theresa Kronthaler/Ulrike Mayer (Carmen), Luis Olivares Sandoval (Don José), Patricia Andress/Erika Roos (Micaela), Loren Lang (Escamillo), Nerita Pokvytyè (Frasquita), Nathalie Mittelbach (Mercédès), Christian-Andreas Engelhardt (Dancairo), Hyojong KIm (Remendado), Christoph Heinrich (Zuniga), Jörg Sändig/Wolfgang von Borries (Moralès), Max Geburek/Lukas Schade (der junge José)

Auf in den Kampf!

In vielen Inszenierungen wird Carmen als  ein widerspenstiges, freiheitsliebendes, männermordendes Vollblutweib gesehen, deren Blick und Bewegung jedes Mannes Eroberungsinstinkt weckt und eine glühende Leidenschaft in ihm entflammt. José, der einfache, junge, unverdorbene Soldat verfällt ihr sogleich mit Haut und Haar, lässt sich von der ihm zur Bewachung übergebenen raffinierten Messerstecherin in ihr festmaschiges Netz einwickeln und folgt ihr fortan wie ein verhexter Hund, ungeachtet des Verlustes von Ehre und Beruf, blind für das aufrichtige Liebeswerden der einstigen Jugendfreundin Michaela, taub für das Flehen der Mutter, auf den Pfad der Tugend zurückzukehren.

Die Fabrikarbiterin Carmen gehört zu einem Zigeunerclan, der, nicht zimperlich, seinen Lebensunterhalt nicht nur durch Singen und Tanzen bestreitet, sondern sich mit Schmuggel seinen Unterhalt zu beschaffen versteht –  alles unter dem Motto des freien Menschen, der Libertá! Und als José nun, um Carmens Liebe zu gewinnen, einer der Ihren geworden ist, muß er erleben, dass sich die Geliebte einem anderen zuwendet, dem Bild aller Mannsbilder und unbesiegbaren Helden der spanischen Nation: dem Torrero, hier heißt er Don Escamillo. José erwacht schmerzvoll aus seinem erotischen Dämmerzustand und, als er Carmen nicht überzeugen kann, bei ihm zu bleiben, rächt er sich im Wahn seiner todbringenden Eifersucht. Der Jubel des stierkampfbessenenen Volkes erklingt fernab des blutigen Kampfes, der sich vor der Arena abspielt, wo sich ein tragisches Liebespaar der Opernliteratur aus seinem Leben verabschiedet.

So weit klassisch und Tradition. Dazu ein umwerfend farbenfrohes, an unsterblichen Melodien reiches Liedgut, mit kontrastreichen und gefühlvoll ausgeleuchteten Gesangspartien, Leidens- und Liebes- und Hasskaskaden in markanten Intervallen, herz- und schmerzverzuckerten Arien und Duetten. Watteweich und samtig das Liebesversprechen der schönen Carmen, erotisch aufgeladen und verzweifelnd das glühende Werben des José, machofest die Selbstgefälligkeit des schneidigen Stierkämpfers und leidenschaftlich hingebungsvoll die sich verströmende Liebe der Michaela. Es gibt natürlich noch allerlei Nebenfiguren, die Freundinnen Carmens, ihre brüderliche Leibgarde, einen feschen Offizier, der als Ranghöherer Josés Liebste weiterhin für sich beansprucht und insgesamt eben allerlei bunte Gestalten, die bei Bizet die Lust am Leben lieben.  Es ist zwar ein Liebes-, ein Tanz-, ein Saufstück, eine Groteske, ein Ewigkeitsdrama – aber eigentlich geht es nur um Liebe und Tod.

Allen Seh- und Hörgewohnheiten zum Trotz hat Regisseurin Anna-Sophie Mahler nun eine etwas andere Version auf die Bühne gebracht. Kampf heißt die Devise auf allen Ebenen. Statt in einer Zigarrenfabrik in Sevilla, wo sich die Arbeiterinnen Freud und Leid teilen und gelegentlich auch gewalttätig werden, findet der Auftakt hier im verblühten Charme eines herrschaftlichen Clubhauses statt, in dem sich die zigarrenrauchenden Mitglieder in Festkleidung lässig in alten Sessel räkeln und sich mit eleganten Damen vergnügen. Da hinein gerät der neue Sergeant, José, von kräftiger Statur, ländlich gekleidet, stumm und starr – ein Außenseiter. Die Arbeiterinnen sind hier als Serviermädchen kostümiert und spazieren keck, jung und schön von Tisch zu Tisch, verabreichen Cocktails und vielversprechende Blicke. Der züchtigen Kleidung widersprechen ihre aufreizenden Bewegungen und Gesten. Klar, die Aufregendste unter ihnen, die sogleich dem Neuling vom Lande den Rauch lockend ins Gesicht pustet, ist Carmen. Und José, stumm und fassungslos, staunt offensichtlich über seine jäh aufgebrochenen Gefühlsstürme inmitten einer ihm fremden Gesellschaft. Das ist gut und begreiflich. Da verliebt sich – in dieser Inszenierung – ein reifer Mann in eine junge Schöne (aufreizend lasziv, doch unerbittlich hart präsentiert Theresa Kronthaler eine Carmen, deren watteweicher, warm werbender Alt sich jäh in die stählernde Härte eines Mezzo verwandeln kann). Da weiß dieser Josè eigentlich nicht so recht, was er von all dem halten soll, zumal er längst Kopf und Herz verloren hat und nun hilflos zwischen allen Fronten stumm und starr verharrt. Das wird er auch weiterhin tun – bis ans Ende seiner und Carmens Lebenszeit.

Was mir von Beginn an fehlte, war das Knistern jeder erotischen Aufladung zwischen diesem ungleichen Paar. Es tut sich auch eigentlich lange Zeit nichts weiter – bis endlich der erlösende schreckliche Schrei aus der rückwandig gelegenen Küche ertönt. Hinter den Scheiben des Esszimmers, in dem mittlerweile die Gäste tafeln, scheint sich offensichtlich in der nicht sichtbaren Küche das Drama abgespielt zu haben, das sie Handlung endlich in Gang setzt. Carmen hat, so wird berichtet, einer anderen Küchenmamsell das Gesicht unschön mit dem Messer verletzt. Ein Streit, eine Bagatelle, ein doch immerhin ziemlich übles Vergehen. Wohl wegen Personal- oder Platzmangel auf dem Revier hütet jetzt Josè die mit losem Strick gefesselte Carmen praktischerweise gleich im Clubsalon. Und erwartungsgemäß umgarnt das Mächen den steifen und unsicheren Wachhabenden mit einer solch schmeichelnd  sanften Tonflut, dass er sie nur allzubald vom Fessel und Haft befreit. Irgendwann erfährt man, dass er diesem Mädchen gefolgt ist, was zunächst einige Phantasie und Erinnerung an traditionelle Aufführungen erfordert, weil sich alle Akte im selben Raum abspielen. Carmen, nun von allen Fesseln befreit, lockt und verstößt den armen José in ständiger Betonung ihrer Freiheit, die sie zeitweilig zur Bewilligung ihrer Gunst dem Mann zu opfern bereit ist, der sie wohl mehr seiner sanften, unaufdringlichen Schüchternheit wegen reizt als etwa seiner jugendlichen Leidenschaftlichkeit wegen. Die bleibt nämlich in tiefstem Innersten des zwischen Sohnes- und Freundespflicht in dem um seine Liebesverstörung ringenden Mann bis auf wenige, erstaunlicherweise zeitweilig recht energische Ausbrüche in seinem Inneren verborgen. Der Opernkundige weiß darum, andere sollten sich im Programmheft informieren. Dort ist allerdings viel von Sigmund Freud und Vergangenheitsbewältigung, von Entsagung statt Genuss, allerdings nicht von der Anziehung väterlicher Männer auf die treulose Carmen die Rede, denn auch der dominante Torrero überzeugt das Mädchen sehr rasch mit männlicher Pose und selbstsicherem Habitus.

Beeindruckend ist immer wieder an diesem Theater die sichere Ausgestaltung der Gesangspartien, also die ausgezeichnete Qualität der Künstler; Luis Olivares Sandoval ist ein sanfter, ausgewogener tenoraler Antiheld; Loren Lang hat leider nicht so viele Partien, um außer Carmens Herz auch das der Zuschauer endgültig zu gewinnen; die Brüder und männlichen Wachhunde der schönen Hexe sind aus unerfindlichem Gründen als Tunten aufgestöckelt, und der noch als Figaro so blendend überzeugende Christoph Heinrich muss sich mit wenigen Auftritten als elegant-hochmütiger Hauptmann begnügen. Die Zigeunermädchen, also die Dienstmädchen, dürfen heiter und beschwingt das ungebundene Zigeunerleben besingen und den armen Josè verhöhnen, während Erika Roos als Michaela mit dramatischer Schwerblütigkeit den Verlust ihres Liebsten beklagt. Natürlich umrahmt und begleitet von dem vortrefflichen Chor, der seine differenzierten Qualitäten stets rettend einzubringen und mit viel Spielfreude die versteifte Atmosphäre dieser Inszenierung gemeinsam mit dem reizenden Kinderchor aufzulockern vermag.
Unsere Carmen an diesem Abend ist längst keine harmlos kokette und liebenshungrige Zigeuerin mehr, sondern strippt als versierte Animateurin, die sich lockend darbietet. Eine Spinne, die vernichtet, was sie in ihren Fängen hält. Aus Angst vor endgültiger Bindung und echter Hingabe balanciert sie ihre faszinierenden Soli und Duette zwischen schrill scharfer Zuspitzung der Selbstbestimmung und werbend weichen zarten Schattierungen. Die Regie hält sie in einem archaischen Zustand (ähnlich der psychoanalytischen Assoziation des unbewußten Kampfes zwischen den Geschlechtern) gefangen, der sie am Ende zugrunde richten wird. Zuletzt zelebriert sie die seelische Vernichtung Josés und ihren eigenen Untergang nun im engen, steifen Kavalierskostüm des Torreros, mit dem Messer in der Hand, dessen Stich dem Stier gilt, den es zu besiegen gilt, und der doch ihr weißes Korsettgewand wie eine Zwangsjacke der Leidenschaft tragen muss..

Das Orchester läßt unter Clemens Weil wie immer den Instrumenten die festlich ausgemalte Bandbreite ihrer individuellen klangschönen Begleitung, die sie mit ebenso inniger wie kraftvoller Dramatik übertragen, wenn es gilt, die Unbedingtheit und Vitalität der Außenseiter aufzuzeigen, das Gesetz der Liebe zu zerbrechen, Menschlichkeit in den Abgrund des Leidens zu führen. Die militärischen Stakkato der strengen Rhythmisierung sind immer wieder kongruent mit der Härte der spanischen (und allgemein militärischen) Disziplin und entsprechen ebenso der unbarmherzigen Regentschaft dieser Frau namens Carmen.  A.C.

 

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