Die Sprache des Wassers, HB

Bildtext: Schneeflocken im fremden Land – ein kleines Glück für die Heimatlosen. Foto: Theater am Goetheplatz

nach dem Versroman von Sarah Crossan
Eine Moks-Produktion, ab 11J

Theater am Goetheplatz, Bremen, 2016

Regie: Theresa Welge, Ausstattung Christoph Rasche, Musik Thorsten zum Felde, Dramaturgie Rebecca Hohmann
mit Lina Hoppe, Meret Mundwiler, Parbet Chugh

Wen das Wasser trägt

„I’m an alien, I’m a legal alien.“ (Sting) — Im Wasser fühlt sie sich geborgen, im Ruhezustand und doch bewegt: ­Kasienka ist 13 Jahre alt, als polnische Einwanderin fremd in England und einzig im Schwimmbad und unter Wasser zuhause. Denn seitdem sie mit ihrer Mutter nach England kam, um nach dem plötzlich verschwundenen Vater zu suchen, ist ihre Welt aus den Fugen geraten. In einem winzigen Zimmer zusammen mit ihrer Mutter hausend, ist sie deren Verzweiflung ausgesetzt und muss sich zugleich in ein Leben einfinden, in dem sie sich als Außenseiterin erlebt: Kulturelle Missverständnisse, mangelnde Sprachkenntnisse und gesellschaftliches Mobbing gehören zu ersten deprimierenden Erfahrungen. Der Schwimmsport, der Klassenkamerad William, der liebenswürdige Nachbar Kanoro und ihr trotziger Mut helfen ihr schließlich, die Herausforderungen in der neuen Umgebung zu bewältigen und sich einen souveränen Platz in der Schule und in ihrer Familie zu erkämpfen.”
„Die Sprache des Wassers” ist ein, auch formal, außergewöhnlicher Jugendroman, der in klaren Bildern und eindrücklichen Momentaufnahmen von den Hürden erzählt, die zu nehmen sind, wenn man sich einer neuen Kultur anpassen und in einer völlig fremden Umgebung seinen eigenen Weg finden möchte.

Der inhaltlich verknappte und präzise zutreffende Text vermittelt zunächst die Hilflosigkeit  sprachunkundiger Fremdlinge, die sich unsicher auf spiegelndem Boden bewegen – polnische Einwanderer ins englische Coventry, auf der Suche nach dem flüchtigen Ehemann und Vater, orientierungslos inmitten einer neuen Gesellschaft, deren Sprache und Eigenarten sie nicht verstehen – ein ausweglos scheinender Zustand, der sie fast zur Verzweiflung treibt. Der Text ist poetisch einfühlsam, ohne wehleidig zu sein, und vermittelt dabei doch sehr eindrücklich, welch große Herausforderung das Schicksal an die enttäuschte, verlassene Mutter  und ihre gerade in die Unsicherheit der Pubertät gleitende Tochter stellt.

Während die Frau verzweifelt, klagend und wütend mit ihrem Schicksal in einem fremden Land und in einer ergebnislosen Suche nach dem treulosen Ehemann hadert, kämpft ihre Tochter tapfer mit den eher typischen Teenie- und Migrationsproblemen: Mobbing der Mitschülerinnen, Eifersüchteleien und Diffamierungen, sobald es um Rang und Einfluss geht. Doch das vom Vater bereits daheim in Polen sportlich stark geförderte und talentierte Mädchen läßt sich nicht unterkriegen. Und sie ist es letzendlich, die ihrer aller Schicksal mit Hilfe des afrikanischen Nachbarn in die Hand nimmt, sich tapfer mit der neuen Situation abfindet, den Vater und seine neue Familie aufsucht,  diese neue Konstellation und ihre eigene Rolle darin akzeptiert und schließlich als beste Schwimmerin im schulischen Wettbewerb auch die Akzeptanz ihrer Mitschüler und ein neues Selbstbewußtsein erfährt.

Ihre Mutter allerdings wird sich mit ihrer Situation wohl nicht so schnell abfinden können. Das Thema (der alleinstehenden Ausländerinnen und als billige Arbeitskräfte ausgenutzten Migrantinnen) könnte sich vielleicht in einer anderen Inszenierung und in einem anderen Stück, die sich nicht so sehr an die jungen Besucher wenden, intensiver herausarbeiten lassen. Insgesamt aber ist dies eine Aufführung, die zunehmend an Spannung und Intensität gewinnt und die Sprache des Wassers als glänzende Parabel verständlich macht.

Dieses kleine Kammerspiel wird im Herbst wieder in das Programm aufgenommen. A.C.

 

 

 

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