Der Bajazzo (Pagliacci), HB

von Ruggero Leoncavallo, Komposition und Liberetti;
Uraufführung 1892 im Teatro Dal Verme in Mailand unter Arturo Toscanini

Drama in zwei Akten und einem Prolog
Theater am Goetheplatz, Bremen, 2021

Opernchor und Kinderchor des Theater Bremen, Einstudierung: Alice Meregaglia
Es spielen die Bremer Philharmoniker unter Leitung von Killian Farrell;
Regie: Ulrike Schwab, Bühne und Kostüme: Rebekka Dornhege Reyes, Dramaturgie: Caroline Scheidegger, Licht: Ralf Scholz, Video: Marina Stefan
mit: Marie Smolka als Nedda (Columbine), Luis Olivares Sandoval als Canio (Bajazzo), Claudio Otelli als Tonio (, Diego Silva als Peppe (Harlekin), Elias Gyungseok Han alsSilvio, Jörg Sändig und SunwoogPark als BAuern, Lio Klose als Live Kamera

Lache, Bajazzo, lache!

Wie in einem gläsernen Sarg ruht, noch bevor sich der Vorhang hebt, eine schmale Figur, die sich erst nach dem mit hinreißender Theatralik dargestellten Prolog von Claudio Otelli als Taddeo (Tonio) langsam aus dieser gläsernen Hülle schält, die sanft auf dem Boden der Bühne gezogen wird. Columbine entfaltet sich, wie aus langer Vorzeit erwacht, nun langsam lebendig, und sie wird fortan zugleich als Nedda das leidvolle Spiel der Komödianten und ihres eigenen Lebens unbekümmert bis zum bittteren Ende spielen. Marie Smolke gibt mit dieser Rolle am Theater ihr Bremer Debüt und wird herzlich vom Publikum aufgenommen. Ihrem farbigen Sopran verleiht sie spielerische Leichtigkeit und Unbeschwertheit, nicht ahnend, welches Maß an Eifersucht sie bei ihren leidenschaftlich verliebten Kollegen, vor allem bei ihrem Ehemannn Canio (Bajazzo) und dem Töpel Taddeo hervorruft. Der weibliche Chor entsteigt derweil in kunterbunten Karnevalskostümen heiter und aufgeregt dem  Bühnenboden, der sich senkt und hebt, je nach symbolischer Aufgabe, während sich der Chor der Herren ebenso karnevalesk vom Rang herunter mit dem harmonischen Klang des Orchesters vereint.

“Statt unsrer armen Narrenkleider schaut lieber unsre Seelen an, wir sind aus Fleisch und Blut wie ihr  Menschen, die mit euch die Luft auf der verwaisten Erde atmen!” hatte zuvor der stimmmächtige Taddeo verkündet, in Unterhemd und Hose nachlässig als ärmlich abstruse Figur des gesellschaftlichen Außenseiters der umworbenden Columbine so erfolglos wie ihr heftig verfallen. Ihn wird sie auch als Kollegin nur verächtlich belachen, während sie es mit einem anderen Kollegen durchaus ernsthafter meint, der rasenden Eifersucht Tonios trotzend. Den gibt Luis Olivares Sandoval äußerst melchanolisch, beinahe resigniert, dann und wann noch mit innerer Wut geladen, die sich abseits im Aufbau eines Altars mit Blumen und Kerzen ihre Kompensierung sucht. Währenddessen Columbine im Käfig-Ballon in die Höhe gezogen wird und voller Wehmut ein wundersames Lied an die Freiheit der Vögel zelebriert. Ihre persönliche Freiheit, die sie sich eher sorglos gestattet, hat denn auch kaum Platz im letztlich schmalen Rahmen der kleinen Gesellschaft, die als Wandertruppe von Spielplatz zu Spielplatz zieht und beinahe unerträgtlicher Nähe aufeinander angewiesen und miteinander verbunden ist, ohne wirklich eine eigene Intimität zu haben.

Doch diese Inszenierung, dem Debüt von Ulrike Schwab, vorab als neue Vereinigung von Schauspiel und Performance gepriesen, verzerrt dies Wechselspiel mehr als dass sie das dramatische Ineinandergreifen von Spiel und Wirklichkeit mit zunehmender Spannung aufbaut. Zwar ist die Doppelbödigkeit der Handlung vorgegeben und verzichtet auch auf eine klare Trennung zwischen dem nach außen gerichteten Bühnenspiel und dem persönlichem Erleben innerhalb, so dass die Grenzen verwischen. Das ist das Thema des Komponisten, zu seiner Zeit im veristischen Theater eine kleine Sensation, weil man offenbarte, was sich hinter den – gesellschaftlichen – Kulissen abspielte, das ebenso unerträglich wie unsäglich war.
In bunter Vielfalt stehen sie alle da, gleichsam Zuschauer und  Komödianten, burlesk und wachsam, aber die Inszenierung reizt nur solange sie bildhaft und spielerisch mit der Musik in bester Eintracht korrespondiert; sowohl die Chöre als auch die Soli des Ehemannes, des Liebhabers Silvio (Harlekin) als auch des chancenlosen Außernseiters zusammenwirken im wirklichen Leben. Die Tennnung der Welten wird erst im letzten “Auftritt ” transparent als alle Protagonisten – jeder für sich – in engen gläseren Behältern stecken und durch Körpersprache ihre Gefühle offenbaren: Der äffische Clown flicht aus dem Seil – keinen Strick für sich, sondern eine Schaukel; Nadda-Columbine wechselt verführerische Erotik mit weißem Büßergewand, mit dem sie den Bajazzo um eine letzte Vergebung bitten wird; der bleibt starr und unbeweglich in seinem eigenen Gefängnis, während Canio sich selbst im Wege steht und nichts Rechtes mit sich anzufangen weiß. Der Liebhaber Silvio – als Harlekin Beppo – bekleckert sich über und über mit Farbe, und die Damen des Chores als Publikum schneiden nach und nach lediglich kleine Fetzen aus seinem Shirt. Dazu muß man sich etwas denken, vielleicht als Andenken?.

In Erinnerung bleibt die enttäuschte Hoffnung auf einen emotionsgeladenen “Lache Bajazzo”, auf ein Ende der Tränen und Trauer, indem die ewige Evastochter gen Himmel schwebt und wie gekreuzigt dort eine Weile verbleiben muß. Das Eifersuchtsdrama, synchron für die Lebensbühne der Comedia del` Arte gespielt und für ihr Publikum im südlichen Italien, wechselt vom Spiel zur Wirklichkeit und stellt damit unter Beweis, was Tonio zu Beginn verkündete: Das Leben ist ein Spiel, das Spiel ist wie das Leben. Man sollte es nur nicht verwechseln. A.C.

 

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