Oedipus, B

von Sophokles (497/496 (Kolonos) – 406/405 (Athen)
nach der Übertragung von Friedrich Hölderlin, eingerichtet von Jürgen Gosch und Wolfgang Wiens
Deutsches Theater, Berlin, 2021
Regie und Bühne: Ulrich Rasche und Leonie Wolf, Komposition und musikalische Leitung: Nicovan Wersch, Chorleitung: Toni Jessen, Kostüme: Clemens Leander, Licht: Cornelia Gloth, Dramaturgie: David Heiligers
mit: Manuel Harder: Oedipus; Elias Arens:Kreon; Kathleen Morgeneyer: TEiresias; Almut Zilcher:Jokaste; Enno Trebs: Bote; Julia Windischbauer: Hirte; Chor: Toni Jessen, Linda Pöppel, Yannik Stöbener, Elias Arens, Enno Trebs, Julia Windischbauer
Mikrotinales Keyboard; Perkussion: Carsten Brocker; Percussion, Violine, Viola, Gitarre: Katelyn King; Perkussion, Viola, Cello, Gitarre: Spela Mastnak; E.-Bass, Kontrabass, Moog-Synthesizer: Thomsen Merkel

  Im Rhythmus des Geschehens

Eine Oedipus-Inszenierung, die man so noch niemals sah – vielleicht vor 2500 Jahren…als es noch kein Bühnenlicht gab, sondern nur den freien, sich allmählich verdunkelnden HImmel über der Arena, wo tausende Thebaner mit angehaltenem Atem der langsamen Entlarvung ihres Königs Oedipus’ als Mörder seines Vaters, Gatten seiner eigenen Mutter, Vater von zwei Söhnen und zwei Töchtern und nun, angeblich schuldig für die Pest, die sein Volk getroffen hat, verfolgten. Als ihre Götter noch das unausweichliche Schicksal der Menschen lenkten und zerstörten in Gegenwart und Zukunft. Dem Volk in der klassischen Antike wird von seinen großen Tragödiendichtern in jenen Zeiten ihr eigenes Tun vor Augen geführt, ihre Schuld und Schuldigkeit, ihr Mangel an Gehorsam und Gefügigkeit, aber auch, jäh in neuerer Zeit wie in diesem Drama aufblitzend, ihre Mitverantwortung für ihren nur scheinbar von menschengleich fehlgeleiteten Göttern vorbestimmten Schicksalsverlauf.

So steht die Bühne im Deutschen Theater vor schwarzer Tiefe im Nebelschleier der Vergangenheit; Dunkle Gruppierungen, seit- und vorwärts rhythmisch tänzelnd, kaum sichtbar, schemenhaft im schwarzeTücher gehüllt  und von scharfen, ohrenbetäubenden Tönen in eigens konstruierter Instrumentaliserung begleitet, gefordert, aufgeríssen, und doch ewig statisch, kaum vorwärts sich schiebend, ein unaufhörlich quälendes langsames Fortkommen; derart ekstatisch aufgeladen lichtet sich das Schicksal des schon seit seiner Geburt verurteilten Königs, des bis dahin niemals auch nur an seiner Herkunft zweifelnden Oedipus’, der glücklich und geliebt von seinem Volk diesem Frieden und Wohlergehen brachte; der doch nun, düster wie die Vorahnung, auf der Bühne seines Lebens nach und nach mit der Tatsache konfrontiert wird, warum er einst von der Mutter in die Wildnis der Berge als Baby ausgesetzt und an den Füßen verletzt wurde, den Namen “Oedipus” erhielt, – der mit dem schleppenden Gang –  von einem mitleidigen Hirten gerettet und einem Herrscherpaar in Athen übergeben, das ihn an Sohnes Statt aufzog. Aber als Ödipus vom Tode seiner vermeintlichen Eltern und der eigenen Adoption erfährt,- von einem Boten in dieser schreckerfüllten Zeit überbracht, verfällt er der Angst wie in einem Wahn und jagt jedem Indiz nach, um in das Dunkel seiner Vergangenheit einzutauchen. Und so enthüllt sich ihm die Tat von einst, als er als jähzorniger Jüngling an einer Wegeskreuzung sich ihm entgegenstellende Männer erschlug, unter ihnen einen Greis, was ihn nicht weiter bekümmerte. Als er weiter nach Theben kam und die todbringende Sphinx erschlug, und zum Dank die frisch verwitwete Königin zur Ehefrau erhielt, mit der er vier Kinder zeugte, war er ganz so unschuldig wohl nicht. Hätte er nicht nachforschen können, wen er da in der Reisegruppe tötete…
Der Chor formiert sich immer wieder neu in kleinen Gruppen, umkreist den Einzelnen, wie den Seher Teiresias, der dem Schwager Kreon Kryptisches verkündet. Kreon, der die Botschaft überbringen und Oedipus’ wütenden Verdacht des Verrats über sich ergehen lassen muss; unaufhörlich stampfen und dröhnen die Schlagzeuge und Sytheziser in polyphonen Rhythmen, übertönen zuweilen das dumpfe Stakkato der schwer nur durchdringenden Hölderlin-Syntax deutscher Dichtkunst. Unheilvolles droht in jeder Sekunde, unwahrscheinlichstes Schicksal wird in düsterer Nacht zur schaurigen Gewissheit. Atemlos, wie einst das Volk von Athen, sitzen die Menschen im Berliner Theater, vergessen sind Maskenqual vor Mund und Nase, Atemnot und Wut über Willkür eingeschränkter Freiheitsrechte und graue Zukunfts-Prophezeihungen; Parallelen zeigen sich in der immer wiederkehrenden Frage, inwieweit Menschenrechte bestimmt, geändert, beschnitten werden dürfen, wenn dies dem Wohl der Allgemeinheit gilt; akut bleibt auch die Furcht vor einem Mißbrauch jedweder Macht in Krisenzeiten sowie die Angst, dass ein Sündenbock, ob als Individum oder als Gruppe, für die Tilgung des Ungemachs gebrandmarkt wird. Gegenwärtig bleibt auch die in alten Gemeinschaften und Völkern traditionelle Vollziehung oft unverständlich grausamer Riten im Namen einer Naturgottheit.

Trommelwirbel sind eigentlich nicht vorgesehen, auch Orgelmusik wäre fehl am Platze, und doch klingt und dröhnt beides in den Ohren, zigfach verstärkt bohrt sich die für diese Inszenierung komponierte Musik, deren Entstehung und Intention im Programmheft präzise erklärt wird, in das Unterbewußtsein. Auch sie wird nachwirken, garantiert; denn die Ruh’ ist nach dreistündiger pausenloser Einhämmerung hin und der Weg in die Wirklichkeit zurück nur vorerst äußerlich möglich. Was hier geschieht, ist die totale Rückversetzung unserer Sinne in eine Zeit, 2500 Jahre vor uns, deren große Dichter und Denker ein Werk schufen, das immer noch eine Aufgabe erfüllt; denn wahr ist, dass weder die alten Götter noch die modernen Religionen ihren Anspruch auf eine absolute Herrschaft aufgegeben haben und die Gewissheit, dass der Mensch seinem Schicksal nicht vorgreifen und entgehen kann. Der Chor, das Volk der Antike hat dies stets verkündet und die Menschen vor ihrem Hochmut gewarnt. Seit der Psychoanalyse, abgesehen von zahlreichen Denkern und Dichtern, die stets menschliches Fehlen zu ihrem Thema gemacht haben, gehen wir auch wissenschaftlich an die Frage heran, warum es so um die Abgründe menschlichen Verhaltens bestellt ist, und warum letztendlich keine Therapie imstande ist, die Menschheit insgesamt zu einer friedlichen Lösung ihrer Konflikte und Herausforderungen zu bewegen. A.C.

 

 

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