Category Archives: Klassik/ Moderne

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Der gute Mensch von Sezuan, HB

Wahrscheinlich aus pädagogischen Gründen, und weil man doch meint, das Vermächtnis Berthold Brechts hüten zu müssen, zeigt man in gewissen Abständen seine Werke, verschlankt, aufgepeppt mit Modernismen, karikiert in der Personenausformung, aber doch mit Anspruch der Moral auf deutschen Bühnen. Jetzt also “Der Gute Mensch von Sezuan”: in der Hauptrolle zwei junge Schauspielerinnen, die die arme, gutmenschliche Shen Te und ihr zweites, strengeres Ich mit Überlebenswillen, als Vetter Shui Ta, gleichzeitig als inneres und äußeren Schattenspiel darstellen. Das verquirlt ein wenig durcheinander und führt zuweilen zu Irritation.Vielleicht auch steht das geschundene, stumm schreiende Ich zu sehr im Vordergrund, während die tapfer kämpfende männliche Seite des Mädchens sich erst allmählich entfalten kann. Drumherum viel arme, böse, gerissene, traurige, hungrige Menschen aus dem Kiez. Aber ihnen kann geholfen werden. Wodurch? Keine Ideologie erreicht, was der Mensch aus Liebe schafft. Und so können die drei Götter wieder einigermaßen zufrieden abziehen. Die Zuschauer auch.

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Die Familie Schroffenstein, HB

Ein Versuch, das romantische Familiendrama einer zum Morden verleiteten, ihren Erbanspruch verteidigenden Familiensippe in einer möglichst sprachgetreuen Inszenierung anzuspielen, hat sich offenbar in dieser szenischen Sparflammenfassung bisher gut verkauft, sonst hätte man sich wohl nicht zur wiederholten Aufnahme in die neue Spielsaison entschlossen. Diese Familiensaga ist Kleists Erstlingswerk, jugendlich sturm- und drangversessen, und doch im Ansatz voller Kraft und Leidenschaft. Wie er die Unerbittlichkeit der rachedürstenden, besitzgierigen Familien von Schroffenstein schildert, hat archaische Kraft und ist auch in unserer Zeit, wenn auch im subtileren Rahmen, durchaus nachvollziehbar. Hier sitzen sie am runden Tisch, eigentlich kilometerweit von einander entfernt auf ihren Burgen, sich verzehrend vor Hass und Rache und Trauer. Die Dramatik dieser Inszenierung vollzieht sich vornehmlich in ihrer sprachlichen Brisanz, die Darstellung bleibt reduziert. Die Wirkung ergibt sich aus dem Wort – und dem dürfte man durchaus noch mehr Nachklang geben.

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Iris Butterfly, B

1898, sechs Jahre vor der Madame Butterfly seines Freundes Puccini schrieb Pietro Mascaqni (Cavalleria Rusticana) seine erste große Oper, der noch 50 weitere folgen sollten – eine Sensation, denn es war die erste Japan-Oper des Verismo, eine bittersüße Homage an das Leben, ein Requiem für alle, die an ihren Hoffnungen und Illusionen scheitern mußten. Das Ende vorbereitend, beginnt auch diese überaus farbenprächtige, vielseitige und zauberhafte gesungene und gespielte Geschichte mit einem Requiem. Das Orchester läßt die kleine Overtüre trauervoll dahingleiten, zeichnet die weite, mit japanischen Wänden eingerahmte Bühne als eine sakarale Stätte, in deren Mitte eine runde Plattform für mancherlei Symbolisches dient: als Lagerstätte, als Zuflucht, als Ort der Träume und des Begehrens, aber auch der Täuschung und des Aufbegehrens, als Stätte des Lebens und des Todes.

Hier erwacht die Hoffnung der kleinen Iris auf ein besseres Leben, das sie bislang einsam und armselig mit ihrem blinden Vater verbringt, hier erstarrt die puppenhafte Geisha endgültig zur Vision, hier buhlen die Zuhälter um die Zärtlichkeit des jungen Mädchens, hier kämpft Iris um ihre Würde und Unschuld und kann doch ihrem Schicksal nicht entgehen. Unglaubliche Bilder einer verwirrend realen Welt irrlichtern über die Leinwände, erzählen zugleich die Geschichte der heute lebenden jungen Menschen in Japan, die sich dem Rausch des Events, des kurzen Amüsements hingeben, das alle Sinne verwirrt und täuscht.

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Die Hose, B

Fünf typische Vertreter einer Gesellschaft des frühen 19. Jahrhunderts geben hier eine Vorstellung ihrerselbst, entlarvt von einem Autor, der ihre Eitelkeiten wie ein meisterlicher Detektiv schonungslos entblößt. Ihre Vertreter auf der Bühne scheinen allesamt dem Simplizissimus entsprungen, Karikaturen, prall, drall, aufdringlich, grell – wie in der Commedia dell’Arte – alle Konventionen mit ätzender Spaßigkeit verhöhnend, überquirlt Sahne zu Butter schlagend. Die geistreich komisch-bitteren Bonmots und entlarvenden Wortwitzeleien werden schnell, zu schnell bisweilen heruntergeschnurrt, zermahlen, zerpflückt und passend florettiert in einer dominanten Männergesellschaft, deren Horizont sich beschränkt und begrenzt auf dröhnenden “Gesang” am Stammtisch, wo sich Engstirnigkeit, bürokratische Überkorrektheit, Urteil und Vorurteil, Hochmut und gefährliche Dummheit einen Thron der Selbstherrlichkeit errichten. Prototypen einer Epoche, die in ihrer blinden Absolutheit geradezu auf ein Desaster zugehen mußte. Dass dies Stück seinerzeit zum Skandal wurde und den Berliner Polizeipräsidenten Traugott von Jagow sogleich zu einem Verbot aus “Gründen der Sittlichkeit” veranlaßte – und die Premiere nur durch die dilpomatische Begleitung der Schauspielerin Tilla Durieux gerettet werden konnte, machte es natürlich schon 1911 zum absoluten “Hit” aller Berliner.

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Wallenstein, B

Das ist eine beeindruckende Inszenierung, die sich nach neun Jahren, als sich das Duo Stein-Brandauer mit dem 10stündigen Event in der Berliner Kindl-Halle 2007 ein fulminantes egozentriertes Denkmal setzte, nun mit überwiegend verständlicher Einkürzung einer neuen und doch dem klassischen Vorbild treugebliebenen Version messen kann! Als Feldherr Albrecht von Wallenstein besetzt hier Ingo Hülsmann die Bühne, der mit seiner charismatischen Identifikation des tragischen Feldherrn an die Spitze der großen Bühnenschauspieler gerückt ist. Ihm zur Seite, als schonungslose und erschütternde Umrahmung des blutigen und schrecklichen Abschlachtens in einem drei Jahrzehnte währenden Krieg, in dem es um Territorien, Gewinn und nebenbei auch um Religion ging: ein dröhnend schmerzvoll kreischendes Kanoneninferno, sowie das unheimliche, düstere, in Nebelschwaden und Schwärze getauchte Bühnenbild im Zwischenreich der zermürbenden Gedanken und der zu spät gefällten Entscheidung Wallensteins. In dem sprachgewaltigen Spiel um ewige Gier nach Reichtum, Macht und Aufstieg vereinen sich blinde Selbsterhöhung, Betrug, Lüge, Verrat mit hoher Politik. Entscheiden werden schließlich die aus astrologischer Wahrsagerei gezogenen mystischen Wunschvorstellungen Wallensteins, die eine realististische Wahrnehmung verhindern und den Untergang herbeiführen. Am Ende wird der Verräter Octasvio Piccolomini mit siegesgewissen Lächeln Wallensteins Platz auf dem Regiestuhl des Feldherrn einnehmen. Thalheimer entfaltet kräftige Charaktere in einem phantasievoll schmerzenden großen historischen und menschlichen Drama, das an Bedeutung niemals verlieren wird.

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Liliom, OL

Liliom ist Animateur und Schiffschaukelschleuderer auf dem Wiener Jahrmarkt und bitterlich vom Leben entäuscht. Diese Inszenierung ist alles andere als bunt und grell und über jegliche Rummelplatzatmosphäre erhaben. Stattdessen herrschen tiefste Depression, Elend, Ausweglosigkeit und Spracharmut. So kärglich wie ihr Wortschatz und die Empathie der Menschen für einander ist auch die Umsetzung des einst hoch gelobten sozialen Dramas. Und auch die Hölle bringt weder Liliom noch uns Erlösung von der prekären Pein.

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