Werther, HB
In der Bremer Inszenierung stellt Luis Olivares Sandoval als Werther eine starke, faszinierende und kraftvolle Persönlichkeit dar – ein gefühlsstarker Egoist, der Vernunft, Rücksichtnahme und Verzicht nicht auf sein Lebensprogramm geschrieben hat. Damit ist Sandoval im Verbund mit allen großen Tenören und Baritonen, die sich an der Ausformung von “Werther” versuchten, den inneren Konflikt zwischen einsichtiger Stärke und zerstörerischer Beharrlichkeit auszubalancieren, vor allem aber im Wanken und Schwanken eines so unbändigen Gefühlsmenschen, der mit der Zartheit inniglichen Werbens Charlottes Seele zutiefst berührt, nachdem er sie zuvor mit einem flammenden Gefühlsinferno zur Verzweiflung getrieben hat. Damit ist Charlotte, deren Herz Werther mit seinem letzten Druckmittel des angedrohten Suizids zu zerreißen droht, zum Spielball der Gefühle eines raubtierhaften Liebhabers und eines kühl kalkulierenden, unbestechlichen Ehemannes geworden. Für Nadine Lehner ist diese Rolle eine ungemeine Herausforderung, sich in dieser anstrengenden Inszenierung auf so mitleidslos offener Bühne ohne jegliches szenisches Beiwerk allen Schattierungen von Charlottes und Werthers Gefühlen zu stellen. Auf dem Podest vorgeführt und gefangen werden hier zwei Menschen zu einem wilden, wütenden, verwundeten Liebespaar, das nicht zusammenkommen darf.