Liliom, OL

von Franz Molnár, Uraufführung 1909 in Budapest

Staatstheater Oldenburg, 2016

Regie: Alexander Simon, Bühne und Kostüm: Matthias Koch, Musik:Carolina Bigge, Licht: Sofie Thyssen, Dramaturgie: Daphne Ebner/Marc-Oliver Krampe<
mit: Jens Ochlast, Magdalena Höfner, Alexandra Ostapenko, Lisa Jopt, Caroline Nagel, Yassin Trabelsi

Auch der Stern verliert sein Licht

Regisseur und Bühnenbildner haben gänzlich auf Glanz und Glimmer, Jahrmarktsatmosphäre und Flitterglitzer verzichtet und eine düstere Seelen-Innenwelt zwischen sich schaubudenartig verjüngenden grün bestrahlten Wänden (Wiener Stadtwald!) und einer den kahlen Raum einschließenden hohen Mauer geschaffen. Zunächst fehlt diese sinnbildlche Gefängnismauer noch im spielerischen Auftakt mit  einer schwingenden Schiffschaukel, die einem schwindelerregenden Käfig gleicht, und die Bühne bleibt überwiegend düster, zuweilen zwar mit einigen Lichteffekten versehen, doch schluckt die Dunkelheit letztlich jegliche abenteuerliche Rummelplatzausstrahlung, die die Menschen seit jeher faszinierte.

Im Mittelpunkt der Türsteher Liliom, der das Leben zwar nicht gerade glanzvoll meistert, aber als Mann für alles sich ja dann doch von des Jahrmarkts Lustbarkeiten in einer Laison mit der besitzergreifenden Karussellbesitzerin Frau Muskat ernährt, der Lisa Jopt als grell  blondierte, lebenshungrige Frau des Volkes mitleidsvoll menschliche Wärme verleiht. Denn der Liliom, den Jens Ochlast darstellt, ist ein verhärmter, tief depressiver Antiheld, die Schultern gebeugt, das Haar verunziert, die Mundwinkel nach unten gezogen (wie Robin Williams in seinen besten Filmen), der sich um Autorität bemüht. Warum sich das kleine hilflose Dienstmädchen Julie (Magdalena Höfner ) halsüberkopf ausgerechnet in diesen sie verzeifelt abweisenden, ruppigen Mann verliebt, bleibt ein Rätsel – vielleicht, weil sie Mitleid mit ihm empfindet, sie die Verzweiflung des älteren Mannes spürt, aber dann wohl doch mehr ihre eigene Einsamkeit bei ihm unterbringen möchte. Obgleich er sie hin- und herstößt und so gar nichts Liebevolles an sich zeigen mag. Es muß tief verborgen unter seinem schon aufgegebenen Lebensillusionen schlummern, denn plötzlich durchbricht ein Lichtstrahl beider Wortkargheit: als sie, vom süßen Duft der Akazienblüten betört, dieselbe Sehnsucht nach Verbundenheit spüren. Flankiert wird dieses erbarmungswürdige ungleiche Paar von Julies lebenslustiger und praktischer Freundin Marie (Alexandra Ostapenko), die sich einen Soldaten geangelt hat, von dem sie eigentlich nichts anderes weiß, als dass er an einer Ecke steht und salutiert. Der Humor des Autors ist hier spärlich nur erlaubt, denn dieser minimalistischen, düsteren Inszenierung fehlen nicht nur die Worte, sondern mangelt es eben auch an Witz.
Yassin Trabelsi ist der andere Lichtblick in dieser Aufführung. Auch er spielt mehrere Rollen, passend und vielseitig, das Glanzstück allerdings liefert er als kleiner Gauner und Kartenspieltrickser und erhält mit Recht aufmunternden Szenenapplaus für seine körperlichen und mimischen Kapriolen. Damit unterbricht er die in hilflosem Wortgestammel spärlich gelieferten Dialoge, die eine wirkliche Kommunikation unter den Menschen unmöglich machen. Denn sie haben kein Gegenüber, erfahren keine Empathie, die sie aus ihrer Tristesse herausholen könnte. Nein, das ist nun wirklich keine packende Interpretation geworden, sie ist langatmig,  willkürlich mit musikalischen Einschüben gestreckt, und dieser Liliom ist kein verführerischer Tunichtgut, sondern ein trauriger Langweiler.

Auch im Fegefeuer wird es für Liliom, den Familienvater wider Willen, der sich nach einem mißglückten Raubüberfall verzweifelt selbst tötet, weder spannender noch wärmer. Der Aufsichtsteufel ist eine Frau, supergeil und bösartig, und als Liliom nach 16 Jahren Buße wieder auf die Erde zurückgehen muß, mit der Auflage, seiner mittlerweile flügge gewordenen Tochter ein einmalig schönes Geschenk zu machen, da könnte man doch auf einen Lichtblick hoffen. Denn Liliom pflückt für sein unbekanntes Kind einen Stern vom Himmel! Aber den verbirgt er nun schüchtern in der Hand, etwas kleines, spärtlich Leuchtendes, dass das Mädchen ihm, dem unheimlichen Fremden, nicht abnehmen will. Als dieser daraufhin, unbeherrscht wie je, seiner Tochter heftig auf die Hand schlägt, spürt diese nur Verwunderung, aber keinerlei Schmerz. Und Liliom geht – wie je, gebeugt und gebückt – ins Dunkel des Jenseits zurück. Und wir gehen, ratlos, wieder nach Hause.

So mager kann man eine “Vorstadtslegende in sieben Bildern, einen poetischen Bastard aus Volksstück, Märchen, Sozialdrama und Kuriosenkabinett, Rummelkitsch und Schießbudenromantik” wohl inszenieren. Aber was bleibt dann von einem einst als Meisterwerk bejubelten und gelobten Stück? John Neumeier zauberte in Hamburg aus dieser Ballade vom armen Jahrmarktssteufel  einen wundervollen, bunt gefächerten, ergreifenden  Ballettabend. Zwischen diesen beiden sicherlich nicht vergleichbaren Genres liegen Welten – und Mut zur Phantasie.  A.C.

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