Iris Butterfly, B

Oper von Pietro Mascaqni, 1863-1945

neu eingerichtet für die Neuköllner Oper 2016
von Bernhard Glocksin und Fabian Gerhardt, Arrangement: Alexandra Barkovskaya und Derik Listemann; Musikalische Leitung: Hans-Peter Kirchberg; Inszenierung: Fabian Gerhardt; Text und Dramaturgie: Bernhard Glocksin; Bühne und Kostüme:  Rebekka Dornhege und Nina Thielen; Film: Vincent Stefan
Mit: SuJin Bae als Iris, Seri Baek als Dhia und Geisha, Yuri Mizobuchi als Puppe und Geisha, Till Bleckwedel als Kyoto, Gustavo Eda als Osaka, Elias Han als Iris’ Vater

Eine bittersüße Homage an das Leben

1898, sechs Jahre vor der Madame Butterfly seines Freundes Puccini, schrieb Pietro Mascaqni (Cavalleria Rusticana) seine erste große Oper, der noch 50 weitere folgen sollten – eine Sensation, denn es war die erste Japan-Oper des Verismo, eine bittersüße Homage an das Leben, ein liebevoll komponierter Nachruf für alle Mädchen und Frauen, die an ihren Hoffnungen und Illusionen scheitern mußten. Und so beginnt auch diese überaus farbenprächtige, vielseitige und zauberhaft inszenierte und modernisierte Geschichte mit einem Requiem. Das Orchester läßt die kleine Overtüre sanft und traurig dahinschmelzen, zeichnet die weite, mit japanischen Wänden eingerahmte Bühne als eine sakrale Stätte, in deren Mitte eine runde Plattform für mancherlei Symbolisches und Realistisches dient: als Lagerstätte, als Zuflucht, als Ort der Träume und des Begehrens, aber auch der Täuschung und des Aufbegehrens, als Stätte des Lebens und des Todes.
Hier erwacht die Hoffnung der kleinen Iris auf ein besseres Leben, das sie bislang einsam und arrmselig mit ihrem blinden Vater verbringt, hier erstarrt die puppenhafte Geisha endgültig zur Vision, hier buhlen die Zuhälter brutal um die Zärtlichkeit des jungen Mädchens, hier kämpft Iris entschlossen um ihre Würde und Unschuld und kann doch ihrem Schicksal nicht entgehen. Unglaubliche Bilder einer verwirrend realen Welt irrlichtern über die Leinwände, erzählen die Geschichte der heut lebenden jungen Menschen in Japan, die sich dem Rausch des Events, des kurzen Amüsements hingeben, das alle Sinne verwirrt und täuscht. Und die Frage nach der tatsächlichen Freiheit der Menschen in der modernen Gesellschaft stellt sich erneut.

Zwischen Oper und Musical sind die Grenzen fließend in modernen Arrangements, und das ist erfrischend, denn die Handlung gewinnt an Durchsichtigkeit, an Lebendigkeit und Wahrhaftigkeit – sie wird modern im tieferen Sinn des verständnisvollen Miterlebens, auch wenn der Ort der Handlung räumlich und der Inhalt in seiner tradionellen Ausgangssituation weit entfernt scheint. Doch die Gefahr der Verführung ist heute nicht minder groß als in früheren Zeiten, und die Hoffnung auf ein schöneres, reiches Leben, auf Ansehen, Verehrung und Wohlstand lockt nicht nur in Japan die jungen Menschen, die nach Freiheit und Unabhängigkeit streben und sich aus traditionellen Bindungen und Bräuchen befreien möchten. Zeitnaher kann man eine klassische Oper nicht transponieren. Wobei der soziale Aspekt ja im Verismo, in der neuen Zeit der musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten des 18. und 19. Jahrhunderts, bereits in den Mittelpunkt gerückt wurde.

Und  was haben wir heute an visuellen Möglichkeiten, an instrumentellen Variationen und musikalischen Ausschmückungen, übergreifende Verbindungen von Klavier und Keyboard, Synthesizer mit Bläsern, Streichern und Schlagzeug lassen sich einsetzen, um eine erweiterte Welt des Sehens und Hörens zu erschließen und – zu entschlüsseln! Sieben Instrumente sind es hier, die neue Farben einspielen, das kleine Orchester mit dynamischer wie lyrischer Intensität ausstatten und die wechselnden emotionalen und Handlungsebenen in modernen Erlebniswelten ausformulieren. Dabei gibt die Musik den Sängerinnen und Sängern die dominierende Rolle, läßt die modulationsfähigen Stimmen der jungen Frauen glänzen, ihre Sehnsüchte und ihre Schmerzen, ihre wenigen glücklichen Momente erstrahlen und  gibt den Zuhältern trotz aller Brutalität noch eine rauhe, ungeformte geheime Lebens- und Liebeshoffnung, die sich in ihrer Welt der rohen Überlebenskämpfe niemals erfüllen wird. Das Leid des getäuschten und auch seelisch erblindeten Vaters verdunkelt seine kummervoll brechende Stimme und verwirrten Sinne. Ihn kann die erflehte Harmonie seiner Tochter nicht mehr erreichen. Auch Iris’  Träume haben sich schnell einer schmerzvollen Wirklichkeit gefügt, wenngleich ihre tapfere Abwehr des letztlich unvermeidlichen Schicksals ihr noch einmal wie in sphärenhafter Verklärung einen Ausweg vortäuscht. Auch die gutmeinenden “Freundinnen” des Bordells werden keine Freude mehr an der einschnürenden Pracht ihrer glitzernden Kleider als Liebessklavinnen haben. Iris’ geliebte Puppe, Symbol für Unschuld und Kindheit, wird lieblos in den Müllbergen der Vorstadt landen, und ihre Besitzerin wird – vielleicht – mit Hilfe der Sonne, Symbol des Lebens und des Neubeginns, aus der weiblichen Sklaverei für alle Zeiten befreit sein.

Herzlicher Beifall für eine bildreiche, phantasievolle Inszenierung und eine hingebungsvolle musikalische und spielerische Darbietung mit hinreißend engagierten jungen Künstlern, die, vielseitig und anspruchsvoll ausgebildet, in der Neuköllner Oper eine ausgezeichnete Möglichkeit für die Präsentation ihrer Fähigkeiten haben.

Das informative und mit fetzigen grellbunten Aufnahmen bestückte Programmheft erzählt auch den Lebenslauf des Komponisten, der es schwer hatte, sich gegen den großen Puccini durchzusetzen, aber doch in seiner Zeit gepriesen und, was wichtiger war, vielfach gespielt und dann lange Zeit vergessen wurde. Eine kleines Museum in der Kirche einer kleinen Gemeinde zwischen Bologna und Ravenna beherbergt heute seinen umfangreichen Nachlass und sollte Opern- und Italienfreunden einen Besuch wert sein. A.C.

 

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