Die Marquise von O.und – B

nach der Novelle von Heinrich von Kleist
Deutsches Theater Berlin, 2025

Regie: Ildikó Gáspár, Dramaturgie: Jasmin Maghames, Bühne und Kostüme: Lili Izáck, Musik: Flora Lili Matisz, Video: András Juhász, Choreografie: Barnabas Horkay, Licht: Cornelia Gloth
mit: Maren Eggert, Alexander Khuon, Florian Köhler, Lenz Moretti, Jörg Pose, Mathilda Switala, Almut Zilcher

Eine Inszenierung, die verwirrt

Die Darsteller: Mit dunklen Sonnenbrillen geschützt, mit langen schwarzen Haaren obskur gleichgeschaltet, mit Miniröckchen weibliche Selbstdarstellung präsentierend, während die Herren es mit langen Röcken halten. Auf der Bühne, die leer und hell ist und sich zeitweilig auch mit einer halbrunden Wand dreht, um überlebensgroße Vodeoaufnahmen zu zeigen, wie auch an den Stelen im Raum, die teils Licht und Projektionsflächen darstellen, dazu mitten im Raum verteilt einige Studiolampen und auf der rechten Seite ein Harmonium, das Maren Eggert zum Teil bedient und besingt.

Eine Performance, so nennt man das wohl, in dessen Gefängnis sich nun die Darsteller zwischen der spannenden Novelle von Heinrich von Kleist aus dem Jahr 1808 und dem entsetzlichen Drama der Französin Gisèle Pelicot, die 2024 vor Gericht ihren Tätern gegenüberstand, befinden. Auch die Leidensgeschichte der Sizilianerin Franca Viola und die von Erika Renner werden als reale Vergehen an Frauen mit der Novelle verflochten. Ein Experiment, das nicht wenig holpert und niemandem gerecht wird, abgesehen von der heftigen Anklage der zeitlosen Ausnutzung weiblicher Hilflosigkeit. Denn Dichtung, die sich ja stets auch an der Wirklichkeit orientiert und dann diese aber subtil und mit faszinierender Gedankenvielfalt in die Geschichte erzählend einbindet, war ja für Kleist zu seiner Zeit durchaus ein gewagtes und mutigendes Unternehmen  wie auch der “Prinz von Homburg”, “Das Erdbeben in Chili” , “Michael Kohlhaas” usw. Keines seiner Dramen ist verharmlosendes Märchen.

Diese Inszenierung verwirrt auf allen Ebenen: einer seltsamen Kostümierung, einem musikalischen Herzschlag als anklagenden Hinweis auf die Untat und die nicht beherrschte Wiedergabe der originalen, allerdings auch sehr schweren, teils überspannten Sprache des jungen Dichters, dessen Genie zwar unzweifelhaft ist, aber der sich leider – aus einer Wahnvorstellung heraus – entschied, gemeinsam mit seiner Cousine Henriette Vogel früh aus dem Leben zu scheiden. Seine vermutlich große weitere Entwicklung ist ihm und uns verloren gegangen…

Auch Gisèle Perico, in heftigen, von A. Zilcher mit aber sachlichen Erinnerungen an ihre Demütigung gesprochen, derer sie, ob der abendlichen Betäubungsmittel, die ihr Mann ihr ins Essen gab, nicht selbst gewahr werden konnte; der Entführung der jungen Sizilianerin, deren Verlobter ihr nicht die Freiheit der Wahl geben wollte, dazu die Vorstellung, dass man hier meinte, man könne alles miteinander auf die Waage legen, alle Verbrechen, die allezeit an Frauen verübt wurden, miteinander verknüpfen.
Schauspielerisch wechseln Erzählung und politische Stellungnahme. Die Geschichte der Marquise splittert durch den Abend eher als Anklage testosteroner Vergewaltigungsabsicht, in der Ausnutzung einer ohnmächigen Frau im Wirrwarr des Kriegsgeschehens in M. in einer gefährlichen Situation für die  Familie des italienischen Kommandanten. Die Marquise zieht sich auf ihr ländliches Gut zurück als die Folgen dieser dubiosen Tat fühlbar werden, von Eltern und Gesellschaft verachtet. Aber, das was Kleist genial durchzog, war der große Stolz dieser Frau, dem Brautwerben ihres Vergewaltigers, von dem sie ja bis zum Schluß nichts wußte, nicht nachzugeben, allen Verspechungen genauso wenig zu glauben wie der neuen unfassbaren und doch realen Situation. Das ist ein Meisterstück an fraulicher Hochachtung und weiblichem Selbstbewußtseins. Die Marquise setzte sogar einen Aufruf in die Gazette, der Vater ihres Kindes, den sie leider nie gesehen habe, möge sich doch alsbald melden.

Der theatralische Kniff, den Kleist sich als guter Dramatiker um die Wirkungs der Ereignisse wissend  erlaubt, ist großartig. Denn als der Graf als damaliger Offizier die Dame einst im Feuer der Festung in Sicherheit vor einer Horde marodierender Soldaten in Sicherheit brachte und – wohl ihrem Reiz ebenso unkontrolliert wie unmoralisch unmittelbar erlag – und sie in den Schwangerschaftszustand versetzte,  hatte ja viel Ehre auf dem Schlachtfeld wohl erlangt, aber für sich selbst in seinem Schuldbewußtsein  alle Hoffnung verloren, diese Tat wieder gutmachen zu können. Als er sich stellen will, wird er nicht einmal angehört und als Bewerber akzeptiert. Welch ein Hohn, welch glänzende Rache, welche Selbstbewußtsein einer Frau vor 200 Jahren! Allerdings sollte man hier nicht die Tatsache außer Acht lassen, dass es adeligen Frauen selten an Selbstachtung ermangelte!

Stattdessen steht das Elend der bemitleidenswerten Französin im Mittelpunkt, die im unbewußten Zustand von vielen Männern mißbraucht wurde, weil ihr Ehemann sich in seiner Minderwertigkeit gegenüber einer klügeren Frau nach vielen Ehejahren infam zu rächen begann. Der Psychiater wäre eine wichtige Person in diesem Puzzlespiel gewesen. Auch streift die inszenierung leider nur flüchtig die wahre Willkür des tyrannischen Vaters, der der Tochter, gütiges Verzeihen vorspiegelnd, sofort an die Wäsche geht. Leider nur ein Gucklocherlebnis am Rande der naiven Mutter der Marquise. Das wäre die Story gewesen, denn der Graf gibt eigentlich in seiner nicht nachlassenden Bemühung der Wiedergutmachung keinen langfristigen Angriffspunkt. Warum wäre Gnade so verwerflich?

Das hätte m.E. den Kern dieser inszenierung ausmachen sollen: die Heldin, die sich weigert, Vergebung anzunehmen! Aber das ist wahrscheinlich eine altbackene Vorstellung und passt nicht zur politischen Korrektheit einer permanent aufgeregten und anklagenden Gesellschaft? Da wäre es angebracht, die gewünschte Vorstellung einer per se hilflosen Rolle aller Frauen angesichts einer männlichen Überzahl an Unholden zu betrachten und den Protest gegen alle und jegliche Gewalt gegen Frauen heftig anzuprangern. Und Gewalt gegen Kinder,, gegen Schwache, gegen Hilflose, gegen Menschen im Allgemeinen? Gegen Familien, die aus ihren Wohnungen mangels sozialer Kompetenz geworfen werden? Die Reihe ist grenzenlos. Gewalt im Krieg gegen jeden, Gewalt gegen Kriegstreiber und Angreifer, Gewalt im Fernsehen in allen Krimisendungen, Gewalt überall? Wo fangen wir an, wo hören wir auf mit unserem Unbehagen und Protest? Vielleicht in der Einsicht, dass wir das Böse im Menschen nicht abschaffen können, aber unsere Resilienz stärken! Und bitte, verehrte Dramaturgen, schreibt neue Theaterstücke zu allen Themen und verletzt nicht die Brillianz der toten Dichter!

 

Man hat Kleists Drama natürlich in all den Jahren gründlich den Zeitströmungen entsprechend analysiert und betrachtet, gesellschaftlich, politisch, menschlich, individuell. Aber indem man Äpfel und Birnen zu einem schalen Brei verrührt, kann man seiner künstlerisch genialen Geschichte nicht gerecht werden. Den Frauen dieser Welt vielleicht eher in dem Ansporn, sich selbst mit Hochachtung und Würde zu begegnen. A.C.

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