Das Bildnis des Dorian Gray,B

von Oscar Wilde
in einer Bearbeitung von Heiki Riipinen
aus dem Englischen von Johannes Nölting unter Verwendung der Übersetzung von Hedwig Lachmann und Gustav Landauer
Berliner Ensemble, Premiere am 19.März 2026
Regie: Heiki Riipinen, Dramaturgie: Johannes Nölting, Bühne Ingrid Tönder, Kostüme:Louise-Fee Nitschke, Musik: Amund Ulvestad, Licht: Hans Fründt, Robert Matysiak
mit: Max Gindorff als Dorian Gray, Gabriel Schneider als Lord Henry, Paul Zichner als Basil Hallward, Alan Campbell und Sir Geoffrey, Amal Keller als Sibyl Vane, James Vane, Oscar Wilde

Wer die Schönheit angeschaut mit Augen,
Ist dem Tode schon anheimgegeben,
Wird für keinen Dienst der Erde taugen,
Und doch wird er vor dem Tode beben,
Wer die Schönheit angeschaut mit Augen!
1. Strophe/von August von Platen-Hallermünde (1796-1835)

Die Aphorismen von Oscar Wilde selbst zu diesem Thema sind weitaus weniger romantisch, sondern von vernichtendem Zynismus und gnadenloser Logik, denen Dorian, sobald er in die Hände dieses väterlich vertraut wirkenden, geistreichen Verführers gefallen ist, erliegen wird. Die Worte des Bon Vivants und Gesellschaftskritikers Lord Henry werden ihr unseliges Werk an der Vernichtung der Schönheit und Reinheit des jungen Adonis und ebenso an dem traurigen Ende seines kreativen Entdeckers, dem Maler Basil Hallward, die Schuld tragen.

Von Anfang an fasziniert diese einmalig spannende und gelungene Schauspieltragödie mit exzellenten Darstellern, denen man ein Höchstmaß an künstlerischer Darstellung wie den Masken-und Kostümbildern eine außerordentliche Phantasie für gräßliche, aller Schönheit entgegensetzte Visagen und aberwitzige Modekreationen zollen möchte. Die Regie setzt diesem unglaublich erkenntisreichen und selbstkritischen Werk des berühmten englischen Dichters ein gänzlich anderes Denkmal als die Bearbeitung von Wildes Gefängniszeit “de Profundis”, wo er, beinahe als teuflische Strafe, seine angebliche Schuld und Lebensverfehlungen wahnhaft büßt -, auch diese Inszenierung wurde von großer schauspielerischer Intensität bewegt. Bei Dorian Gray geht es um die perfekte Schönheit eines jungen Mannes, der, sich seiner Herrlichkeit noch nicht bewußt, bevor ihn ein Maler und ein Lord aufs Podest stellen, der eine, um diese absolute Schönheit mit seiner Kunst festzuhalten, der andere um des eigenen Genusses willen.

Wo immer dieser Adonis Dorian als absolut griechisches Ideal aufgetaucht ist und wie und ob ihn die Maske dermaßen verführerisch herausstellen konnte, bleibt ein Rätsel. Denn eines konnte man  bei diesem außerordentlich eindrucksvollen Spiel von Max Gindorff mit Farbe und Spitzen und Rüschen nicht verzaubern: die perfekte Figur eines durchtrainierten athletischen Tänzers. Gindorff, also total verwandelt, mit einem dezenten, aber wirkungsvollen Liebreiz jonglierend, gibt zunächst als anmutige porzellanartige Standfigur ein Bildnis vor des Malers Augen, das den unerwarteten Besucher Lord Henry, Freund und Gesellschafter zu allen Tages-und Nachtzeiten, sofort ebenfalls in seinen Bann zieht. Begehren tun ihn nun vorerst zwei Männer: der zurückgezogene, introvertierte Maler, der seine Seele in diesen jungen Schönling gesenkt hat und dessen unverfälschtes Ebenbild auf die Leinwand bringt, perfekt, lebendig, unendlich jung – und der nach Menschen fischende extrovertierte Lord Henry, der ein willkommenes Opfer für seine Erziehung zur Destruktion findet und zur eigenen Befriedigung ausnutzt. Er wird diesen unschuldigen Knaben zurechtbiegen, man ahnt Fürchterliches, weiß es eigentlich, denn die Geschichte ist bekannt. Hier wird sie zwar aus dramaturgischen Zwecken leicht verändert, aber nicht so, dass Wesentliches verloren ginge.

Der ersten Begegnung Dorians mit der Außenwelt also folgen sehr bald weitere, gegen Basil’s Protest, der durch die zunehmenden die öffentlichen Vergnügensausflüge Dorians mit Lord Henry nur schwer an seinem Modell weiter arbeiten und es vollenden kann, aber der junge Mann ist von seinem neuen Mäzen und der ihn sehr schnell vereinnahmenden Gesellschaft und damit von seinem bewunderten Ego so schnell zum Narziss geworden, dass er die Unschuld seiner Unerfahrenheit sehr bald verlieren wird. Was ist zu damaligen Zeiten verführerischer, gefähricher als die Scheinwahrheiten der Opernwelt? Der gewiefte Lord weiß, wohin er Dorian zunächst bringen muß, und der tänzelt genüßlich in der Rolle als reizender schöner junger Mann zu den reichen Damen und Herren der adeligen Gesellschaft, die von ihm im Höchstmaß entzückt sind.
Atemlos nimmt er Teil an den leichten und  oberflächlichen Amüsements jener obilgatorischen Beschäftigungen und Tändeleien einer gelangweilten Clique, die Lord Henry/Oscar Wilde so scharf und gewitzt mit feinem Degen aufzuspießen versteht. Noch hat ihn keiner duchschaut. Frappierend, was allein Worte in virtuos komponierten Gedankengängen bewirken können, verbunden mit einer verführerisch einsichtigen Lektüre, die die Realität hinter dem schönen Schein verbergen kann. Der Verführungsprozess hat seinen Anfang genommen, sehr zur Zufriedenheit des stets beherrschten, überlegenen und galanten Lords, der sich seines naiven Opfers schon sicher ist, das er durch eine moralfreie Welt führt. Doch da durchquert etwas seinen wohltemperierten Plan -….

Dorian verliebt sich, als er unerwartet eines Abends alleine ein Vorstadttherater entdeckt und, zwar leicht angewidert ob des armseligen Zustands, dennoch neugierig betritt und eine junge Schauspielerin in all den Facetten eines liebenden jungen Mädchens aus der Weltliteratur erlebt und sich spontan in sie verliebt. Das wird für den Lord bedrohlich werden. Der Junge wird ihm – mit so einer unnötigen,  altruistischen, zweckfreien und nicht auf ihn selbst fixierten Liebe – aus den Händen gleiten. Doch folgen nun lange Monologe, in denen die Amoral des gewandten Predigers letztendlich siegen und die sophistischen Spitzfindigkeiten sich in das labile Gemüt Dorians einnisten. Doch noch hat er die Verteidigung in Hand und Herz und lädt die Freunde, Basil und Henry zu einer Vorstellung der geiiebten Sibyl zu Shakespeares Romeo und Julia ein.
Doch das junge Mädchen versagt an diesem Abend. Der Grund: nun, dass sie die wirkliche, echte Liebe zu Dorian erlebe und ihr alle Bühnenkunst dagegen fade und unecht vorkomme, werde sie eben auf ihre Karriere weitehrin verzichten, um ganz Dorian, den sie kaum kennt, lediglich seinen Kosenamen, zu gehören. Dorian hört sich diese wunderbare Liebesbeichte an und gerät außer sich. Zornig kündigt er Sibyl seine Liebe, die ihrem Spiel vordringlich galt und nicht ihr als Individuum, als Künstlerin, als Persönlichkeit.

Für die Darstellerin der Sibyl Vane, Amal Keller, gilt es nun, eine außerordentliche Performance mit der Skala aller menschlichen Gefühle zu zeigen, von liebender Ekstase bis zur unendlich leidvollen Erniedrigung durch einen Mann, den sie eben noch zu kennen glaubte und der sie jetzt in eine aussichtslose Zukunft stürzt. Amal Keller, zierlich, beinahe unscheinbar, füllt nun die Bühne mit Bravour, spielt, ringt um ihr Leben, ihre Existenz und Dorians Liebe, kämpft, schon beinahe im Wahn, gegen das leidvolle Schicksal an, und doch versagen letzten Endes alle Kräfte, aller Lebensmut. Denn sie kann Dorian nicht mehr erreichen. Sein Herz ist zu Stein geworden. Er wird zwar noch ein wenig über Sibyls Tod trauern, aber Lord Henry lehrt ihn ein rasches Vergessen und verheißt neue Lebensgenüsse.

Es wird nicht das erste Opfer bleiben, das Dorians herz- und schmerzloses Gemüt verantworten wird. Seine Seele hat er verkauft, und der diabolische Freund kann seine mephistophelisch ausgefeilte Wortkunst weiterhin an ihm wetzen. Sie fällt auf fruchtbaren Boden, weil ein Mensch, der von der absoluten Unschuld in die Tiefe der Teufelei fällt, keine Alternative kennen kann. Dorian wird schön und jung und reizend bleiben, am Tage geliebt und verehrt sein, bevor er in das nächtliche Dunkel der Unterwelt abdriftet, ohne sich je beschwert zu fühlen, und wenn doch viele Menschen auf der Strecke bleiben, dann richtet ihn Henry sehr schnell wieder auf, indem er ihm den Ballast der Verantwortung und Schuld von der Seele redet .Und Dorian tänzelt verzückt, verführerisch und charmant, weiterhin durch die Partylandschaft.

Aber er bleibt äußerlich ebenso rein wie innerlich leer. Es gibt nur eines, was Dorian früchtet: Und das ist das Bildnis, das Basil von ihm fertigte und dass er von ihm forderte, um es niemandem in die Hand fallen zu lassen. Auch Lord Henry durfte es nicht erwerben. Basil will es eines Tages nach Paris auf eine Ausstellung bringen, persönlich, weil es sein größter, kostbarster Schatz ist, seine Künstlerliebe, seine Schöpfung. Da Dorian weiß, was es mit diesem Bild auf sich hat und er erste Veränderungen mit einem beinahe tödlichen Schock bereits hatte wahrnehmen können, darf Basil diees Bild auf keinen Fall  an die Öffentlichkeit bringen. Denn es zeigt das Leben Dorians, das außer ihm niemand sehen kann. Und da sein Herz tod ist, er aber dennoch an seine Schönheit und seinen Erfolg unsagbar  geketttet ist, darf Basil auf keinen Fall Paris erreichen…

Nach Sybyll nun also Basil – und es folgten weitere Opfer, deren Begegnung mit Dorian sich nicht zu ihrem Vorteil herausstellen sollte.

Bilanz wird nach der Pause gezogen, und hier fällt die Spannung nun sozusagen im Schlußakkord in einem leicht verwirrenden Geschehen ab. Lord Henry bemüht sich um weitere nutzlose Stabilisierung des gefallenen Engels, und die mentalen und tatsächlichen Leichen auf dem Lebenpfad des schönen Dorian haben doch nun die Maschinerie seines unempfänglichen Herzens ziemlich zum Erliegen gebracht. Was bleibt, ist der unerklärliche Tod eines schönen Jünglings. Das Bild an seiner Stelle gibt die Antwort: es zeigt das Elend und den Untergang einens alten kranken Mannes, aber es wird nie jemand sehen und erkennen können. Der Schein der Gesellschaft bleibt gewahrt. Und damit Oscar Wildes eigene Anklage gegen die gesellschaftliche Scheinheiligkeit und ihre verlogene Moral, sein eigenes Schicksal und seine Liebe zu jungen Männern, die ihn -siehe de profundis- dann doch eines Tages zerstören wird. A.C.

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