Nurejew, B

 Musik von Ilya Demutsky
Staatsballett Berlin / Deutsche Oper BerlinPremiere: 21. März 2026 in Berlin, Uraufführung 2017 am Bolschoi-Theater Moskau, 
Inszenierung und Bühne: Kirill Serebrennikov, Choreografiert von Yuri Possokhov 
Musikalische Leitung: Dominic Limburg, Kostüme Elena Zeyrseva, Video Ilya Shagalov, Licht Daniil Moskovich, Mit: Martin ten Kortenaar als Nurejew, Matthew Knight als sein Schüler, Aurora Dickie als “die Diva”, Marina Duarte als Die Ballerina, Cohne Aitchison Duarte als Erik, Haruka Sassa als Margot; Schauspieler: Odin Lund Biron, Mezzosopran Aleksandra Meteleva, Baritom Joel Allison, Countertenor Iwan Borodulin, Harte Joel von Lerber, Cenmbalo/Klavier PedroSanchez, Saxophon Nico Zeidler, Contrabass Sebastian Molsen, Persussion Rüdiger Ruppertu. Ensemble, insgesamt 140 Mitwirkende bei dieser Mammutinszenierung, die auch in der arte mediathek zu sehen ist.

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Diese Inszenierung von Regisseur Kirill Serebrennikov wurde in Russland verboten.Sie war für das Regime zu politisch, zu persönlich, zu modern, und der Ausnahmetänzer Rudolf Nurejew (1938-1993) , seine Karriere, seine Flucht aus Russland, des “Verrats an seinem Heimatland” bis heute bezichtigt,  geächtet. Seine glänzende steile Karriere im Exil und seine persönlichen Vorlieben, extravagant und lebensgefährlich, bedeuten noch heute für die Russen eine unverzeihliche moralische und sittliche Herausforderung.
Nun, so wurde das Werk in Berlin, an der Deutschen Oper vom eigenen Ballett, großartigen Tänzerinnen und Tänzern, Musikern und Darstellern einem jubelnden Publikum vorgestellt, getanzt und, gespielt. Es ist eine Reise nach Berlin allemal wert!

Es ist spannend, großformatig angelegt, weitläufig und von faszinierender künstlerischer Kraft und Ausstrahlung: von Nurejews Langeweile im sowjetischen täglichen tänzerischen Einerlei angefangen, bis hin zu seinem Tode, den er selbst als Requeim choreografierte und zuletzt auch selbst dirigierte – ist eingebettet in eine skurrile Auktion der wertvollen Hinterlassenschaft des eitlen und reichen Tänzers (wohl nach einer Anregung von John Neumeiers Ballett “Die Kameliendame”, die er auch mit einer Auktion  des Besitzes von Marguerite Gautiers nach ihrem Tod beginnt): Kostbarste Gobelins,Teppiche, antiquarische wertvollste Möbel, Deko-Design nach eigem Gusto und natürlich seine glänzenden kapriziösen Kostüme für alle seine Ballette werden von einem Auktionator zweisprachig angeboten in einem Schwall großartigster Rhetorik, während das bietende reiche und fanatische Publikum tanzend den prächtigen Saal am Leben erhält. Videoaufnahmen projiziieren die Fotografien der Kostbarkeiten an die Wand und auch die lebensgroßen Portraits des Künstlers. Die glitzernde Kostümpracht, in Glasvitrinen an den Seitenwänden aufgestellt, ist eine attraktive Demonstration begabter Modisten.

Da die Versteigerung in eben dieser Auswahl Nurejews künstlerischem Werdegang folgt, spielt sich auf  der Bühne abschnittsweise der Rückblick auf die Zeit in der Wagaanova Schule, in Leningrad und am Kirow-Theater ab, wo reizende junge Eleven sich auf lebendige Trainingsheiten konzentrieren, aber für den herausragenden ersten Tänzer ist das merklich und sichtbar fast eine Banalität sowie eine Beleidigung für seine Ambitionen. Verständlich, wie sehr ihn der künstlerische Konservatismus zu Stillstand und Mäßigung zwingt. Unwillig hebt er die ihn umschwirrende Tänzerin zu ein paar Hebesprungen an, um sich dann schmollend in eine Ecke, ans Fenster oder an die Übungsstange zu begeben, sehr elegant, tänzerisch majestätisch überlegen, aber vielleicht doch nicht so sehr kollegial?

Doch ein Genie darf und kann sich das selbst im Sowjetstaat herausnehmen, solange es bei der Stange bleibt, auch und vor allem im politischen Sinn. Noch hängen Lenin und Stalin an der Wand, und die Choreografie ist reizend, aber immer statisch und in sich wiederholenden Figuren ohne große Überraschung. Ganz schrecklich mutet das verwöhnte Auge die Darbietung zur volkstümlichen Verherrlichung der Heimat der Komsomol Jugend an. Da läuft einem dann doch ein Schauer über den Rücken. Welch Talente sind einst wie heute dort unter der Knute der Politik in der Bolschoi Tradition geformt oder verformt worden, ohne Aussicht auf eine fortschreitende freie Entfaltung.

Dann folgt die Übernahme Nurejews anläßlich eines Besuchs der Compagnie in Paris, an dem Nurejew wegen schlechten Betragens eigentlich gar nicht hätte teilnehmen sollen. Und er begibt sich sogleich in das Nachtleben, in die Freiheit der ausgefallenen Tanzvergnügungen, ist fasziniert von den schrägen Drag Queens, von den Damen der Coctailpartie, den Herren Paparazzi und den eleganten Pariser Walzerformationen, Paare, die schwebend über das Parkett gleiten. Die Freiheit gibt dem gebürtigen Tataren endlich die Möglichkeiten neuer, unendlicher Vielfalt der Formationen, seine Visionen und Vorstellungen der absoluten körperlichen Verselbständigung hingebungsvoll auszuprobieren, alte Choreografien mit neuen Ideen zu füllen, und selbst auch eine feste Beziehung mit dem dänsichen Star Erik Bruhn( 1928-1986) als Partner und Lebensgefährten einzugehen.

Die vielleicht köstlichste Szene, und trefflich gespielt von den hiesigen Künstlern, ist die nervige Fotosession mit dem unermüdlich daherplappendenden New Yorker Starfotografen Richard Avedon, der dem völlig überforderten Nurejew “vor allem Natürlichkeit” aufzwingen will, damit seine Aufnahmen dementsprechende Lockerheit ausstrahlen. Schnappschüsse der Echtzeit mit Nurejew, nicht unbedingt jugendfrei, huschen über die Wände, während sich sein Double auf der Bühne aller Kleider entledigt und nun ganz natürlich und splitterfasernackt vor dem Aufnahmeteam steht. Bei der amerikanischen Prüderie vor allem im Schockzustand. Ein typischer narzistischer Affekt: Martin ten Kortenaar tanzt weiterhin verschiedene Pas, gehüllt und verhüllt im langen Pelzmantel, den er zur Hälfte mit einer Hand vor den Körper hält, während er mit der freien Hand lässig veschiedene Ballerinen in die Luft wirft, andere geschickt über das Parkett begleitet. Das ist wohl Nurejew pur, exzentrisch, eitel, aber großartig, alle übertrumpfend, auch prekäre Situationen meisternd, unberührt von Tabus.

Es wechseln weiterhin zwischen den Auktionen auch die Zeiten: Nurejews Entwicklung schreitet voran, er wird immer sensibler, eigenwilliger und ausgefallener, aber immer von einzigartiger Ausstrahlung und Qualität. Das “Animalische” so sagt man, ist die ihm eigene Wesensart. Keiner seiner großen russischen Kollegen wie Vaslav Nijinsky und MIkhail Baryshnikov sollen diese  unverwechselbare Persönlichkeit, diese bezwingende Künstlerpersönlichkeit gehabt haben. Und er nutzte sie, kreierte unglaubliche ebenso ästhetisch brilliante wie körperlich herausfordernde Ballette, in denen er sich selbst z.B. als “absoluter” Sonnenkönig in der Barockgroteske, einer einzigartigen Kostümparade mit hervorragenden Sängern (Counter und Alt) aalte, um sich dann zu schälen – übrig bleibt die armselige Figur des  Pierrot Lunaire von Glen Tetley, (Musik Arnold Schönberg)

In der großen Galadarbietung im 2. Akt werden in Ausschnitten ikonische Ausschnitte und Szenen aus Raymonda, Don Quixote und Schwanensee u.a. getanzt, immer auch in hinreißenden Kostümen! Zu einem der Höhepunkte gehörte einst und auch heute kaum mit Worten zu beschreiben, die einmalige Interpretation des Balletts “Marguerite und Armand (von Frederick Ashton, 1963 choreografiert zu Musik von Franz Lizst) von Rudolf Nurejew und Margot Fonteyn als das legändärste Duo der Ballettgeschichte gepriesen. In Berlin sind es im Wechsel Martin de Kortenaar und David Soares mit Ina Salenko als Margot Fonteyn, die ihren Vorbildern die Waage reichen.  Und die von den Berlinern geliebte Polina Semionova tritt im Wechsel mit Weronika Frodyma als “Die Diva” auf, die als Natalia Makarova und Alla Osipenko in wehmütigen Briefen an Nurejew Vergangenheit und Gegenwart in exzentrischen  solistischen Darbeitungen das Geheimnis um diesen Rudolf Nurejev aus weiblicher Sicht wachrufen.

Doch das Finale berührt am stärksten.Ein trauriger Abschied mit dem “Das Königreich der Schatten” aus Nurejews letzer Ballettchoreografie “Die Byadère”, in dem die Tänzerinnen unendliche Arabesques penchés tanzen, ist faszinierend und erschütternd zugleich, weil es bereits die letzten Lebensjahre des an Aids erkrankten Tänzers voraussagt. und Yuri Possokhov, der Choreograph der Berliner Inszenierung, alle Tänzerinnen und nun auch die hinzugefügten Tänzer in beeindruckenden Formationen immer langsamer und leiser werden, bis sie am Ende leblos zu Boden sinken, während Nurejew/van Kortenaar/Soares mit weißem Turban bekränzt und, nun auch begrenzt, müde die letzten Takte dirigieren, begleitet bis die Musik erlischt. Ein Requiem für ein Genie, einen Weltstar, der seinen frühen Tod wohl hätte vermeiden können. Aber ein Mensch mit solch einem auf Hochtouren pulsierenden Motor in Herz und Hirn mußte sein Leben wohl so exzessiv leben, um einem inneren Antrieb schonungslos zu folgen. A.C.

Wer sich mit dieser Künstlertragik auseinandersetzen möchte, dem sei im Berliner Ensemble die ausgezeichnete Inszenierung von Oscar Wildes “Das Bildnis des Dorian Gray” empfohlen!

 

 

 

 

 

  

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