Author Archives: A. Cromme

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Anna Karenina, HB

Video-Aufzeichnungen dienen der Transparenz der Erzählung, die währenddessen auf der Bühne dargestellt wird, also als erweiterter Hintergrund und der Intensivierung der Wahrnehmung des Bühnengeschehens. Die Frage ist nur, ob dies immer und überall sinn- und wirkungsreich ist. Für diese vor allem von hervorragenden Sängern und einer stimmigen Choreografie getragene Inszenierung ist die hohe, auf hölzernen Stelzen in den Vordergrund gerückte Leinwand wohl auch bühnentechnisch wichtig, um damit die historische Differenz zwischen Tolstois Roman und seiner Umsetzung in eine zeitübergreifende Ebene zu projiizieren: Die schöne junge Anna nämlich verliebt sich nach neujähriger Ehe leidenschaftlich in den Grafen Wronsky, mit dem sie ein neues Leben beginnt. Ihr neunjähriger Junge wird nach der Scheidung dem Ehemann zugesprochen. Das scheinbare Glück ist jedoch so zerbrechlich wie Glas und steht im Zentrum einer gesellschaftlich umfassenden Tragödie: denn auch die beiden anderen Paare in diesem Epos können nicht miteinander glücklich werden. Die seelischen und realen Gründe können jedoch in der Bühnenversion nicht transparent gemacht werden.

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Deca-Deci/L’Arlésienne, OL

Es ist ein temporeiches, faszinierendes Ballettangebot, das neue und klassische Ausdrucksformen in vielseitig variablen, künstlerisch höchst anspruchsvollen Bewegungsabläufen vereint. Es geht darum, Begegnung und Trennnung, Nähe und Ferne, Liebe und Abkehr, Gewinn und Verlust, Zusammensein und Einsamkeit, insgesamt alle möglichen Polaritäten unseres Daseins wie Gegensätze und Ähnlichkeiten, Ursprung und Fortschritt, Wildheit und Zivilisation, Rituale und Kultur als sich permanent wandelnde Entwicklungsphasen transparent werden zu lassen.

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Herkules, OL

Nach klassischem Vorbild noch eng verbunden mit den alten Göttern und einer archaischen Heldenverehrung entstand ein bewegendes musikalisches Spiel in einer opulenten und beinahe modern beschwingten Bild- und Klangfolge. Die Liebenden, verstrickt in allzu menschliche Gefühle, getrieben von Liebe, Leidenschaft, Eifersucht und Rache, werden nicht Opfer der Götterwillkür, sondern – nach dem Vorbild der “Trachierinnen” von Sophokles und den “Metamorphosen” von Ovid – erliegen dem Wahn ihrer eigenen tragischen Blindheit.

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Ich bin wie Ihr, ich liebe Äpfel, B

Drei Damen, deren Männer die Geschichte als Massen-Mörder in alle Ewigkeit gebrandmarkt hat, steht ein Dolmetscher zur Seite, der nach anfänglicher Überlegenheit mehr und mehr in die Rolle eines bedauernswerten Opfers abgleiten muß angesichts der verflixten Aufgabe, hinter den Worthülsen der Diktatorengattinnen das Ungeheuerliche ihrer Mit-Schuld zu entlarven.
Eine Inszenierung, deren Schausspieler dieses Stück zum neuen Hit der geistreichen Unterhaltung machen. Unbedingt sehenswert!

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Alle meine Söhne, OL

Für mich, und dies ist eine sehr persönlich Meinung und keine den Kriterien eines unabhängigen Kritikers angepaßte Überlegung, ist Arthur MIller einer der größten nun schon klassischen Dramatiker der Theatergeschichte des vorigen Jahrhunderts. Seine Dramen sind perfekt aufgebaut, spannend und poinitiert in der Dialogführung: Das Geschick der Protagonisten wird einerseits einfühlsam und verständnisvoll, doch mit einer konsequenten und schmerzhaften Wahrheitsoffenbarung analysiert. Es ist unmöglich, sie unbeteiligt zu lesen oder anzuschauen. Dass das Staatstheater Oldenburg, dass der Regisseur und sein Team zum Auftakt der Saison und der neuen Intendanz eine großartige Aufführung anbieten, wird unter diesen Aspekten alle Theaterliebhaber zufriedenstellen.

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Klamms Krieg

Noch immer steht “Klamms Krieg” auf den Spielplänen der Theater – und dieses Stück ist so aktuell wie nie! Leider. Und man könnte und sollte sich fragen, ob denn unsere Gesellschaft nicht endlich aus ihren Fehlern zu lernen bereit ist, warum Bildung gern als schlagkräftiges, werbewirksames Wort von Politikern in eigener Sache benutzt wird, es aber nur Konkurrenzdenken und Feindschaft gebiert. Dresden und Berlin wie alle anderen Städte, die vor beinahe anderthalb Jahrzehnt dieses Bild des unendlichen Klassenkampfes aufgriffen, versuchten mit einer realitätsnahen Inszenierung zu überzeugen. Aber ihr Mühen war, so scheint es, wohl vergebens. Auch richten sich die Aufführungen zumeist nur an die jungen Theaterbesucher – warum eigentlich?

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