Falstaff, OL

von Guiseppe Verdi (1813-1901)
Lyrische Komödie in drei Akten
Libretto: Arrigo Boito
Staatstheater Oldenburg, 2014

Oldenburgisches Staatsorchester – Musikalische Leitung: Roger Epple/Vito Christofaro; Inszenierung: Tom Ryser, Dramaturgie: Annabelle Köhler, Bühne &Kostüme: Stefan Rieckhoff, Licht: Steff Flächsenhaar, Chor: Thomas Bönisch
mit: Marco Chingari (Sir Falstaff), Daniel Moon (For), Philipp Kapeller (Fenton), Mykola Pavlenko (Dr. Cajus), Alexander Murashov (Bardolfo), Henry Kiichli (Pistola), Nina Bernsteiner (Mrs. Alice Ford), Anna Avakian (Nannetta), Melanie Lang (Mrs. Quickly), Yulia Sokolik (Mrs. Meg Page) 

Ehre auf kleinen Abwegen

Das ist eine Komödie, und so sollte sie auch verstanden werden, leicht locker, erfreulich, und dass sich damit diese Inszenierung von selbst versteht, ohne große Ambitionen, Verdis Werk neu zu erfinden, ist zudem für überstrapzierte Regietheater-Besucher erholsam: Hier wird ein nicht allzu beleibt ausgestopfter Falstaff vorgeführt, der sich mit dem stattlichen Marco Chingari daher auch eher als Don Juan für die reifere Damenwelt empfiehlt und keineswegs lächerlich, mit üblen Adjektiven wie Fettleibigkeit, Dickwanst und was dergleichen mehr an Komplimenten für überproportionierte Genussmenschen im Libretto versehen, daherkommt.  Das ist aber auch das Manko dieser charmanten Aufführung: Sie wird zur reizenden Posse, eher einem barocken Liebes- und Verwirrspiel angepasst, hinter dem man beim besten Willen – wie sonst bei Komödien üblich – keine versteckte schwarze Botschaft entdecken kann. Dieser Falstatt ist eigentlich nicht verachtenswert, und damit werden auch die hinterhältigen kleinen Fallen, die ihm die entzückende Damen-Viererbande stellt, eher als vergnüglich empfunden, zumal sich deren Ehemänner ja als ziemlich Trottel entblößen und die Damen recht kokett zu flirten wissen. Und dass dieser Mensch, Sir John, sich ja am Ende doch wieder in eitler Selbstgefälligekit sonnt und seine moralische Überlegenheit gegenüber seiner sich lächerlich in abergläubischem Mystikverwirrspiel a la Shakespeares Sommernachtstraum gerierenden Mitmenschen ausspielt, läßt ihn dann sogar als Sieger dastehen. Letztlich werden die richtigen Paare zueinander geführt, und der unbekümmerte Schwerenöter erhält einen schmerzhaften Denkzettel, schließlich wird er, versteckt im Wäschekorb, beinahe ins Jenseits befördert, und Prügel erhält er nicht zu knapp – aber er hat  keine Angst vor wütenden Ehemännern und vermummten Gespenstern und wird weiterhin Wein, Weib und Gesang zugetan sein. Also, keine Moral in der Geschicht’!

Oder doch?

Bereits der Auftakt zeigt, wohin die Reise geht: In den Logen kommentieren lebhaft die Theaterbesucher das hübsche Bühnenbild, das den Zuschauerraum wiederspiegelt, mit Ah und Oh, und als leichter Bühnenschnee fällt, wird auch dieser als freudiger Wintereinbruch bestaunt. Das Zischen einiger verwirrter Puristen wird einfach ignoriert – wo gibt es denn so etwas? Natürlich in vielen südlichen Lädern, in denen Theater und Oper ein Volksvergnügen und keine heilige Handlung sind – und hier nun auch in Oldenburg! Allerdings sind die lebhaften Zwischenrufer, wie man schnell ahnt, ebenfalls Bühnenleute, es ist der Chor, der seinen fröhlichen Einstand feiert, und er bezaubert wie stets unter der hörbar vergnüglich mitschwingenden Einstudierung von Thomas Bönisch. 

Ausgesprochen fein nunaciert präsentieren sich auch die Kostüme, alle in changierenden Blau- und Grüntönen gehalten. Die Theaterbühne dreht sich wechselnd vom gespiegelten Zuschauerraum zu einer mit Gehörn gespickten Hauswand – alles ist auf Jagd ausgerichtet, Jäger und Gejagter ist natürlich der liebeshungrige Sir John, aber auch die anderen Leute verfolgen einander leidenschaftlichlich über mit Betttlaken! verhängte HInterhöfe und durch den nächtlichen Forst – teils aus Liebe, teils aus Eifersucht. Dabei zeigen sich die vier umworbenen Damen Alice, Meg, Mrs. Quckly und Nannetta von behendem Einfallsreichtum, mit dem sie verführerisch zärtlich gurrend nicht nur Sir John an der Nase herumführen, sondern auch ihre etwas tumben Ehemänner beschwichtigen. Mit warmen Mezzo beruhigt Yulia Sokolik als Meg die aufgeregte Damenrunde, zwitschert Anna Avakian als verliebte Nannetta, die natürlich ihren ansehnlichen Fenton (Philipp Kapeller als lyrischer Liebhaber) entgegen dem Wunsche des gehörnten Papas (Daniel Moon richtig schön wütend) bekommt und Nina Bernsteiner, deren Alice es übernommen hat, Falstaff schillernd und schmeichelnd in die Falle zu locken. Und wenn dies Damenklettblatt dann noch wie nach guter Donizetti-Art mit pfeilschnellen Pizzicati seine Spielchen vergnüglich kundtut, dann ist der Spaß musikalisch wie darstellerisch perfekt. 

Dirigent Roger Epple, den wir hörten, führt sein Orchester mit gleichem Übermut ebenso furios, doch auch liebevoll zärtlich und geschwind durch einen kurzweiligen, vergnüglichen Abend, der eine sich noch steigerungsfähige Opernsaison verspricht. A.C.

2 comments

  • Peter Cromme

    Wir waren Samstag, 17.1.,im “Falstaff”: Ein herrlicher Opernabend! Einmal ohne Verdis traurige, tragische Frauenfiguren.

    Peter Cromme

    • Lieber Peter,
      fein, dass Euch Falstaff gefallen hat. Ich könnte u.a. auch “Der Idiot” empfehlen.Intensive gesangliche Darbietungen, eine lebhafte Orchesterbegleitung und eine gelungene Regieführung. Angelika

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