Category Archives: Oper/ Musiktheater

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Sweeney Todd, OL

In dieser schauerlichen Moritat vereinen sich denn vom ersten Moment an der musikalische und szenische Spannungsaufbau im Rhythmus der Herzschläge und versetzen den sofort in die Handlung einbezogenen Zuschauer in einen beinahe starren Gemütszustand, dem es ohne Weiteres möglich ist, dem Thriller aus dem England des späten 19. Jahrhunderts zu folgen, wo sich mit feuchten Nebelschwaden auch die tiefen dunkeln Triebe im Menschen verdichten, wo Abgrund, Abschaum, Perversion der Macht und des Elends der Armen in ihren Ausdünstungen an die Oberfläche treiben und ein teuflisches Werk der Rache vollbringen.

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Il barbiere di Siviglia, HB

Rundum ein ungeheurer Spaß, bei dem man leicht die politische Lunte des Stoffes außer Acht lassen könnte. Denn extrem grotesk läßt Regisseur Michael Talke seine hoch motivierte Crew mit allerlei Slapstick-Allüren wie in der Comedia dell’ Arte über die Bühne tollen, in grell- bunten Kostümen, die von vornherein eines klarstellen: hier handelt es sich einerseits um einen köstlichen Ulk, eine Verballhornisierung des habgierigen alten Don Bartolo, der sein vermögendes frisch-fesches Mündel Rosina gar zu gern als Ehefrau für immer vereinnahmen möchte, andrerseits um eben dieses Mündel, das aufmüpfig und selbstbewußt – allerdings mit Hilfe einer Intrige des findigen Figaro und des Freiers Graf Almaviva alte Traditionen beiseite fegt. Alles im wahnsinnigen Tempo, mit rasanten Rhythmen, die kein Verweilen erlauben, in immer neuen virtuosen Tonfolgen und Kaskaden, mit artifiziellen barocken Drehungen, Verirrungen und Wirrungen, denen die schönste Musik dieses Genres unsterbliche Zeichen setzt. Auf der Bühne folgen die wie Marionetten an Fäden exakt geführten Menschenpuppen den zügigen Vorgaben und Anweisungen der Musiker.

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Agrippina, OL

Nina Bernsteiner als Titelfigur zieht alle Register ihrer physischen, technischen und emotionalen Stimmbandbreite. Sie verfügt außerdem über ein variationsreiches darstellerisches Temperament und dirigiert mit großer Dynamik den schnellen und keine Minute erschöpfenden Ablauf der Oper, die recht humorvoll inszeniert ist. Solch eine Frau ist schon verdammt gefährlich an der Spitze der Macht, schlimmer noch, wie sie ihren verzogenen Flegel von Sohn über alle Hindernisse hinweg frühzeitig auf den Thron setzen möchte, um selbst die Fäden in der Hand zu behalten. Doch leider ist ihr Gatte Claudio nicht mit dem Schiff im Sturm untergegangen, sondern wurde von dem netten jungen Offizier Ottone gerettet- ein hübscher Counter, ansonsten etwas farblos. Dafür ist der Claudio von Naoa Fernandes ein Ausbund an spielfreudiger Trotteligkeit, ein seniler, tattriger und noch immer ziemlich lüsterner Greis, der dementsprechend gutgläubig auf jede weibliche Intrige hereinfällt. Zwar überblickt er zuweilen listig das Intrigengespinst, aber Händel weiß, dass die Historie nicht so nett ist wie seine Operngeschichte und überrascht mit einem realistischen Schlussbild. Die Inszenierung ist phantasievoll und der musikalischen Ausformung der Sänger gewidmet, die Kostüme sind den dubiosen Charakteren angepasst und prächtig, das Licht flimmert und strahlt jeweils punktgenau, und das Bühnenbild ist minimalistisch und praktisch beweglich. Das Orchester schwingt mit sicherer Führung in allen Emotionen und historisch getreuer Instrumentalisierung. Die DaCapo-Arien sind mit variationsreicher Phrasierung, nicht immer brillierend, aber emotional voller HIngabe ausgeschmückt.

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Macbeth, OL

Um die furchtbare Gesetzmäßigkeit der Tyrannei zu begreifen, bedarf es keines Gemetzels auf der Bühne. Dass hier und da ein Geist mit blutigem Gesicht undd rot durchtränktem Hemd erscheint, reicht vollkommen. Denn das wirkliche Grauen offenbart sich expressiv in Verdis genialem Kompositionsaufbau, und Hendrik Vestmann gibt Spiel und Spielern die Sporen; die Musik gewordenen Leiden und Leidenschaften, Sehnsüchte und Ängste, Liebe und Qualen durchdringen und durchfluten Raum und Zeit, stürzen sich in tiefste Tiefen und erklimmen gewaltige Höhen bis sie vom Wahnsinn erlöst werden. Macbeth erdrosselt seine Frau bevor sie in der Verwirrung ihre Verbrechen hinausschreit, und er selbst wird – von Marschrhythmen begleitet – von des ermordeten Königs Sohn Malcom bezwungen, dem Mann, der ihm am wenigsten gefährlich schien. Ein dramatischer Saisonauftakt!

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Cristina, Regina di Svezia, OL

Himmlische Chöre begleiten die irdisch tragische Lebensgeschichte der schwedischen Königin Regina, Tochter des im 30jährigen Krieg gefallenen Gustav Adolfs, die 1632 schon als kleines Mädchen die Verhaltensregeln der ernsten Regentin erlernt. Das Oldenburgische Staatstheater punktet zur Zeit mit einer deutschen Erstaufführung der lange versunkenen Oper, die zwischen Belacanto und Romantik einen schillernden Spannungsbogen aufbaut und bietet eine eingängig schwungvolle geleitete Inszenierung mit beachtlichen künstlerischen Höhenflügen an.
Das grafisch und dramaturgisch gut gemachte Programmheft schildert die geschichtliche Realität hinter der Bühnenversion. Leider verzichtet es auf die Vita der Sänger.

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Werther, HB

In der Bremer Inszenierung stellt Luis Olivares Sandoval als Werther eine starke, faszinierende und kraftvolle Persönlichkeit dar – ein gefühlsstarker Egoist, der Vernunft, Rücksichtnahme und Verzicht nicht auf sein Lebensprogramm geschrieben hat. Damit ist Sandoval im Verbund mit allen großen Tenören und Baritonen, die sich an der Ausformung von “Werther” versuchten, den inneren Konflikt zwischen einsichtiger Stärke und zerstörerischer Beharrlichkeit auszubalancieren, vor allem aber im Wanken und Schwanken eines so unbändigen Gefühlsmenschen, der mit der Zartheit inniglichen Werbens Charlottes Seele zutiefst berührt, nachdem er sie zuvor mit einem flammenden Gefühlsinferno zur Verzweiflung getrieben hat. Damit ist Charlotte, deren Herz Werther mit seinem letzten Druckmittel des angedrohten Suizids zu zerreißen droht, zum Spielball der Gefühle eines raubtierhaften Liebhabers und eines kühl kalkulierenden, unbestechlichen Ehemannes geworden. Für Nadine Lehner ist diese Rolle eine ungemeine Herausforderung, sich in dieser anstrengenden Inszenierung auf so mitleidslos offener Bühne ohne jegliches szenisches Beiwerk allen Schattierungen von Charlottes und Werthers Gefühlen zu stellen. Auf dem Podest vorgeführt und gefangen werden hier zwei Menschen zu einem wilden, wütenden, verwundeten Liebespaar, das nicht zusammenkommen darf.

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