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Die Hugenotten, B

Als sich Raoul, der Hugenottenführer, hoffnungsfroh und gleichsam naiv in die Höhle offensichtlich allein Weib und Gesang zugetanen adeligen Salonlöwen begibt, in der Illusion, von ihnen Verständnis für die Situation seiner Leute zu erhalten, wird er lediglich zum vergnüglichen Objekt ihrer degenerierten Frivolität. Und während er von ihnen aufgefordert wird, ein Liebesabenteuer aus seinem Leben zu erzählen, und nun zum ersten Mal an diesem Abend Juan Diego Flórez mit einer hingebungsvollen Liebeserklärung an eine schöne Unbekannte seinen Ruf als Startenor verteidigt, warnt ihn jäh sein alter und treuer Kriegs- und Kampfgefährte Marcel vor Papisten und trügerischen Frauenherzen. Keiner nimmt ihn ernst, doch Ante Jercunica läßt als großer asketischer, unheimlicher Gast keinen Zweifel an seinem abgrundtiefen Hass, der sich in einem voluminösen Bass in den wegweisenden Szenen warnend wiederspiegelt. Hier steht ein unversöhnlicher Feind der bigotten Gesellschaft. Aber diese wird erst hundert Jahre später untergehen. In dieser historischen Phase werden es die Hugenotten sein, deren Schicksal hier in einem epischen Drama in vielen Facetten auf die Bühne der Deutschen Oper bewegend nachempfunden wird.

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Hexenjagd, HB

Erschütternd wie alle Dramen von Arthur MIller ist und bleibt immer das unfassbare, niemals ganz zu fassende Thema psychischer Abgründe, die sich im Wahnsinn unreflektierter Ideologien und Glaubensdiktakte ihr Ventil suchen, und denen die einfachen Menschen hilflos ausgeliefert sind, wenn eine unzugängliche Obrigkeit ihre Macht ungebremst demonstrieren kann. In Bremen erfüllt Regisseur Klaus Schumacher die Aufgabe ganz im expressionischen Sinn und steigert die Selbstsucht und Engherzigkeit der sich gegenseitig an den Galgen liefernden Dörfler in einer atemberaubenden dramatischen Zuspitzung. Eine unheimliche Choreographie auf düsterem Bühnenboden umrahmt diesen Hexentanz der unbedacht ins Bösartige abgedrifteten Kinderbande bis zu einer sich verselbständigen Inquisition in mehrfachem Sinne. Was zunächst noch vielleicht als kitzliges Spiel mit dem Unheimlichen bei nächtlichem Tanz um das Feuer galt und die Phantasie und Sinne der jungen Mädchen benebelte und in taumelnde Exstase versetzte, wird durch die Wahnidee des hysterischen Dorfpfarrers zur lodernden Flamme, die fast alle ins Verderben stürzen wird. Eine Parabel, die wohl leider ewige Gültigkeit hat und aktuelle Parallelen besitzen wird – solange Menschen ihre Frustationen, ihre Leidenschaften und unterdrückten dunklen Seiten in Glaubensdogmen pressen können. Wie der Autor, so kennen auch hier die Darsteller keine Gnade mit den Charakteren, die sie gnadenlos an den Pranger stellen.

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Gaunerstück, HB, B

von Dea Loher Theater am Goetheplatz, Bremen, 2016 Gastspiel des Deutschen Theaters, Berlin (Uraufführung 2015) Regie: Alize Zandwijk, Bühne und Kostüme: Thomas Rupert, Musik: Beppe Costa, Choreographie: Miquel de Jong, Dramaturgie: John von Düffel, Licht: Thomas Langguth. Mit: Judith Hofmann und Fania Sorel als Maria, Hans Löw und Miquel de Jong als Jesus Maria, Elias Arens als Madame Bonafide und Juwelier Wunder, BeppeCosta als Porno-Otto,  Kleine Gauner auf dem Lebenskarussell Es gibt in diesem seltsamen Miteinander von prekären Typen aus

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Sweeney Todd, OL

In dieser schauerlichen Moritat vereinen sich denn vom ersten Moment an der musikalische und szenische Spannungsaufbau im Rhythmus der Herzschläge und versetzen den sofort in die Handlung einbezogenen Zuschauer in einen beinahe starren Gemütszustand, dem es ohne Weiteres möglich ist, dem Thriller aus dem England des späten 19. Jahrhunderts zu folgen, wo sich mit feuchten Nebelschwaden auch die tiefen dunkeln Triebe im Menschen verdichten, wo Abgrund, Abschaum, Perversion der Macht und des Elends der Armen in ihren Ausdünstungen an die Oberfläche treiben und ein teuflisches Werk der Rache vollbringen.

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Il barbiere di Siviglia, HB

Rundum ein ungeheurer Spaß, bei dem man leicht die politische Lunte des Stoffes außer Acht lassen könnte. Denn extrem grotesk läßt Regisseur Michael Talke seine hoch motivierte Crew mit allerlei Slapstick-Allüren wie in der Comedia dell’ Arte über die Bühne tollen, in grell- bunten Kostümen, die von vornherein eines klarstellen: hier handelt es sich einerseits um einen köstlichen Ulk, eine Verballhornisierung des habgierigen alten Don Bartolo, der sein vermögendes frisch-fesches Mündel Rosina gar zu gern als Ehefrau für immer vereinnahmen möchte, andrerseits um eben dieses Mündel, das aufmüpfig und selbstbewußt – allerdings mit Hilfe einer Intrige des findigen Figaro und des Freiers Graf Almaviva alte Traditionen beiseite fegt. Alles im wahnsinnigen Tempo, mit rasanten Rhythmen, die kein Verweilen erlauben, in immer neuen virtuosen Tonfolgen und Kaskaden, mit artifiziellen barocken Drehungen, Verirrungen und Wirrungen, denen die schönste Musik dieses Genres unsterbliche Zeichen setzt. Auf der Bühne folgen die wie Marionetten an Fäden exakt geführten Menschenpuppen den zügigen Vorgaben und Anweisungen der Musiker.

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Agrippina, OL

Nina Bernsteiner als Titelfigur zieht alle Register ihrer physischen, technischen und emotionalen Stimmbandbreite. Sie verfügt außerdem über ein variationsreiches darstellerisches Temperament und dirigiert mit großer Dynamik den schnellen und keine Minute erschöpfenden Ablauf der Oper, die recht humorvoll inszeniert ist. Solch eine Frau ist schon verdammt gefährlich an der Spitze der Macht, schlimmer noch, wie sie ihren verzogenen Flegel von Sohn über alle Hindernisse hinweg frühzeitig auf den Thron setzen möchte, um selbst die Fäden in der Hand zu behalten. Doch leider ist ihr Gatte Claudio nicht mit dem Schiff im Sturm untergegangen, sondern wurde von dem netten jungen Offizier Ottone gerettet- ein hübscher Counter, ansonsten etwas farblos. Dafür ist der Claudio von Naoa Fernandes ein Ausbund an spielfreudiger Trotteligkeit, ein seniler, tattriger und noch immer ziemlich lüsterner Greis, der dementsprechend gutgläubig auf jede weibliche Intrige hereinfällt. Zwar überblickt er zuweilen listig das Intrigengespinst, aber Händel weiß, dass die Historie nicht so nett ist wie seine Operngeschichte und überrascht mit einem realistischen Schlussbild. Die Inszenierung ist phantasievoll und der musikalischen Ausformung der Sänger gewidmet, die Kostüme sind den dubiosen Charakteren angepasst und prächtig, das Licht flimmert und strahlt jeweils punktgenau, und das Bühnenbild ist minimalistisch und praktisch beweglich. Das Orchester schwingt mit sicherer Führung in allen Emotionen und historisch getreuer Instrumentalisierung. Die DaCapo-Arien sind mit variationsreicher Phrasierung, nicht immer brillierend, aber emotional voller HIngabe ausgeschmückt.

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