Permalink to single post

Gaunerstück, HB, B

von Dea Loher Theater am Goetheplatz, Bremen, 2016 Gastspiel des Deutschen Theaters, Berlin (Uraufführung 2015) Regie: Alize Zandwijk, Bühne und Kostüme: Thomas Rupert, Musik: Beppe Costa, Choreographie: Miquel de Jong, Dramaturgie: John von Düffel, Licht: Thomas Langguth. Mit: Judith Hofmann und Fania Sorel als Maria, Hans Löw und Miquel de Jong als Jesus Maria, Elias Arens als Madame Bonafide und Juwelier Wunder, BeppeCosta als Porno-Otto,  Kleine Gauner auf dem Lebenskarussell Es gibt in diesem seltsamen Miteinander von prekären Typen aus

Permalink to single post

Sweeney Todd, OL

In dieser schauerlichen Moritat vereinen sich denn vom ersten Moment an der musikalische und szenische Spannungsaufbau im Rhythmus der Herzschläge und versetzen den sofort in die Handlung einbezogenen Zuschauer in einen beinahe starren Gemütszustand, dem es ohne Weiteres möglich ist, dem Thriller aus dem England des späten 19. Jahrhunderts zu folgen, wo sich mit feuchten Nebelschwaden auch die tiefen dunkeln Triebe im Menschen verdichten, wo Abgrund, Abschaum, Perversion der Macht und des Elends der Armen in ihren Ausdünstungen an die Oberfläche treiben und ein teuflisches Werk der Rache vollbringen.

Permalink to single post

Il barbiere di Siviglia, HB

Rundum ein ungeheurer Spaß, bei dem man leicht die politische Lunte des Stoffes außer Acht lassen könnte. Denn extrem grotesk läßt Regisseur Michael Talke seine hoch motivierte Crew mit allerlei Slapstick-Allüren wie in der Comedia dell’ Arte über die Bühne tollen, in grell- bunten Kostümen, die von vornherein eines klarstellen: hier handelt es sich einerseits um einen köstlichen Ulk, eine Verballhornisierung des habgierigen alten Don Bartolo, der sein vermögendes frisch-fesches Mündel Rosina gar zu gern als Ehefrau für immer vereinnahmen möchte, andrerseits um eben dieses Mündel, das aufmüpfig und selbstbewußt – allerdings mit Hilfe einer Intrige des findigen Figaro und des Freiers Graf Almaviva alte Traditionen beiseite fegt. Alles im wahnsinnigen Tempo, mit rasanten Rhythmen, die kein Verweilen erlauben, in immer neuen virtuosen Tonfolgen und Kaskaden, mit artifiziellen barocken Drehungen, Verirrungen und Wirrungen, denen die schönste Musik dieses Genres unsterbliche Zeichen setzt. Auf der Bühne folgen die wie Marionetten an Fäden exakt geführten Menschenpuppen den zügigen Vorgaben und Anweisungen der Musiker.

Permalink to single post

Agrippina, OL

Nina Bernsteiner als Titelfigur zieht alle Register ihrer physischen, technischen und emotionalen Stimmbandbreite. Sie verfügt außerdem über ein variationsreiches darstellerisches Temperament und dirigiert mit großer Dynamik den schnellen und keine Minute erschöpfenden Ablauf der Oper, die recht humorvoll inszeniert ist. Solch eine Frau ist schon verdammt gefährlich an der Spitze der Macht, schlimmer noch, wie sie ihren verzogenen Flegel von Sohn über alle Hindernisse hinweg frühzeitig auf den Thron setzen möchte, um selbst die Fäden in der Hand zu behalten. Doch leider ist ihr Gatte Claudio nicht mit dem Schiff im Sturm untergegangen, sondern wurde von dem netten jungen Offizier Ottone gerettet- ein hübscher Counter, ansonsten etwas farblos. Dafür ist der Claudio von Naoa Fernandes ein Ausbund an spielfreudiger Trotteligkeit, ein seniler, tattriger und noch immer ziemlich lüsterner Greis, der dementsprechend gutgläubig auf jede weibliche Intrige hereinfällt. Zwar überblickt er zuweilen listig das Intrigengespinst, aber Händel weiß, dass die Historie nicht so nett ist wie seine Operngeschichte und überrascht mit einem realistischen Schlussbild. Die Inszenierung ist phantasievoll und der musikalischen Ausformung der Sänger gewidmet, die Kostüme sind den dubiosen Charakteren angepasst und prächtig, das Licht flimmert und strahlt jeweils punktgenau, und das Bühnenbild ist minimalistisch und praktisch beweglich. Das Orchester schwingt mit sicherer Führung in allen Emotionen und historisch getreuer Instrumentalisierung. Die DaCapo-Arien sind mit variationsreicher Phrasierung, nicht immer brillierend, aber emotional voller HIngabe ausgeschmückt.

Permalink to single post

Unterwerfung, OL

“Es ist die Unterwerfung”, der Gedanke, der dem Islam zugrunde liegt. Der grandiose und einfache Gedanke, dass der Gipfel des menschlichen Glücks in der absoluten Unterwerfung besteht, wie der Islam sie anstrebt. Denn das Wort “Islam” bedeutet übersetzt “völlige Hingabe”… Der Appell geht noch weiter und wird Francois zu einem glühenden Anhänger seiner neuen islamischen Regierung machen, in der Erwartung als Hochschullehrer über alle Maßen gut bezahlt, mit einer Villa bedacht und von mehreren Frauen beglückt, die sein tristes Leben nun endlich mit immerwährendem Sex und kulinarischen Genüssen ausfüllen werden.

Wenn das nicht verführerisch ist? Und somit erhält Jens Ochlast nach mehr als zwei Stunden spannungsreich erzählter Romanvermittlung stürmischen Applaus mit “standing Ovations” – und es sind nicht nur die männlichen Besucher, die ihn so frentisch feiern, sondern auch fast alle weiblichen, jung wie alt. Beim Verlassen des Theaters hört man doch auch den erleichterten Ausspruch, …”dass so etwas bei uns nicht denkbar sei”.

Permalink to single post

Der gute Mensch von Sezuan, HB

Wahrscheinlich aus pädagogischen Gründen, und weil man doch meint, das Vermächtnis Berthold Brechts hüten zu müssen, zeigt man in gewissen Abständen seine Werke, verschlankt, aufgepeppt mit Modernismen, karikiert in der Personenausformung, aber doch mit Anspruch der Moral auf deutschen Bühnen. Jetzt also “Der Gute Mensch von Sezuan”: in der Hauptrolle zwei junge Schauspielerinnen, die die arme, gutmenschliche Shen Te und ihr zweites, strengeres Ich mit Überlebenswillen, als Vetter Shui Ta, gleichzeitig als inneres und äußeren Schattenspiel darstellen. Das verquirlt ein wenig durcheinander und führt zuweilen zu Irritation.Vielleicht auch steht das geschundene, stumm schreiende Ich zu sehr im Vordergrund, während die tapfer kämpfende männliche Seite des Mädchens sich erst allmählich entfalten kann. Drumherum viel arme, böse, gerissene, traurige, hungrige Menschen aus dem Kiez. Aber ihnen kann geholfen werden. Wodurch? Keine Ideologie erreicht, was der Mensch aus Liebe schafft. Und so können die drei Götter wieder einigermaßen zufrieden abziehen. Die Zuschauer auch.

« Older Entries Recent Entries »