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Clavigo, B

Goethes “Clavigo” am Deutschen Theater mit gendervertauschten Rollen, einem wilden weiblichen Claivgo, einem laschen Geliebten Marie, einem zürnenden Bruder, einerm stummen Nebenbuhler und einem machiavellistischen Dichterfreund – alles bizarr und bunt und grotesk, doch der zündetende Funke fehlt – nicht nur für den platt am Boden liegenden Fesselballon, sondern auch für die Inszenierung. Goethes Werther-Depression findet keine Antwort.

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Entartete Kunst, B

Warum ist Kunst so teuer, wer vermittelt An- und Verkäufe, was sind Schattenhändler, und welche Werte befinden sich tatsächlich im Besitz von staatlichen Galerien? Und last not least: warum gibt es noch immer kein Gesetz, das die Restitutionsansprüche der von den Nazis enteigneten Besitzer regelt? Fragen, die so nebenbei in dem geschickt aufgebauten kleinen Kabinettsstück von Ronald Harwood auftauchen und doch in dem Bilder-und Steuerstreit in den Jahren 2012 bis 2014 letztendlich von entschiedender Bedeutung waren, um die Rechtmäßigkeit des 1500 Werke umfasenden kostbaren Kunsterbes von Cornelius Gurlitt zu klären. Im Theater nun, auf der mit von den Nazis als entartete Kunst gebrandmarkten Bildern dekorierten Bühne, kämpft ein Mann um seinen Besitz, verteidigt die Rechtmäßigkeit seines Erbes gegen die unerbittliche Inqusition der Vertreter der Münchener Staatsanwaltschaft. Mit Udo Samel als sprachgewiefter, beinahe sokratisch argumentierender Gurlitt, der pfiffig und zotig, kindlich und trotzig, naiv und schlau zugleich gegen eine Welt und eine Wahrheit ankämpft, die er bisher mied wie die Pest. Sie diente ihm lediglich zum Ausflug in die Kabinette jener Schattenhändler, denen er und hin und wieder eines seiner Erbstücke über die Schweiz verkaufte. Wieder einmal zeigt das Renaissance Theater ein bezauberndes Spiel um ein ernstes Thema.

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Peter Grimes, HB

Markus Poschner treibt das Orchester wie der Orkan das Meer vor sich her und läßt die Wellen meterhoch wüten. Da sind nicht nur die zarten Versuche von Peter und Ellen aussichtslos, einander näherzukommen, auch die mögliche Entfaltung einer zeitlosen Dramatik menschlichen Urteils und Vorurteils sowie dem Wahn, in materieller Überlegenheit seinen gesellschaftlichen Wert zu sichern und damit gegen alle Stürme gefeit zu sein, kann diese Bühnenversion nicht erreichen. Dennoch: die musikalische Intensität hält den Besucher dieser Aufführung in ihrem Bann. A.C.

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Rigoletto, HB

Die dunkle Seite ist zuerst da, und sie bleibt fortwährend präsent: der Macht des Schicksals schleicht sich als schwarzer Schatten mit langen Spinnenfingern geisterhaft und wesenlos auf die Vorbühne, unheilverkündend, wie die dunklen Streicher. Und auf der anderen Seite der Bühne hockt das Alter Ego Rigolettos, ein Mann, verwachsen, kleinwüchsig wie der Glöckner von Notre Dame. doch rachedurstend, mordbereit. Ein Messer, vom Schicksal dargeboten, blitzt auf, von düsternen Vorahnungen des Orchesters begleitet in diesem psychologisch tiefgründig inszenierten Spektakulum um Liebe, Eigenliebe, Egoismus und Macht. Zu bewundern ist ein homogenes Zusammenspiel von Orchester, Regie, Bühne und Sängern; vor allem bestechen in der Aufführung, die zu Halloween gruselig angeglichen spielte, Claudio Otellis Rigoletto, Marysol Schalits Gilda und Hyojong Kims Herzog mit leidenschaftlicher Stimmführung.

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Xerxes (Serse), OL

Eingebettet in ein Sängerensemble mit prachtvoller Besetzung und die sich in alle Gefühlsnuancen einfühlende Begleitung eines wundersam sich auf und ab bewegenden Orchesters präsentiert das Staatstheater eine kurzweilige Inszenierung mit einigem Hintersinn. Unter einer dem barocken Zeitgeist Händels ebenso verbundenen wie dem kritischen Auditorium der Neuzeit dienenden Regie läßt sich die durchaus in Spannung gehaltene Handlung durch geschickte Kürzungen genüsslich verfolgen. Viel Beifall gibt es am Ende für ein barockes Kleinod, das zu neuem Leben erweckt wird. Da betet der kindlich verspielte Herrscher aus dem sicheren Guckkastenversteck eben noch seine geliebte Platane an – und welcher Natur- und Kunstfreund fühlte sich nicht zu prachtvollen Bäumen hingezogen – da verläßt er auch schon die in melodischen Schwüngen besungene Eintracht zwischen Mensch und Natur und begehrt seines Nächsten Braut.

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Die Akte Carmen, B

Die Ouvertüre kündigt an, was hernach geschehen wird: warme Saxophonklänge, zärtliche Geigen, jubilierende Klarinetten wechseln mit den wilden Schlägen und den beatartigen Rhythmen der künftigen Entwicklung, während vorne auf der schmalen Bühne das auf Kammerformat glücklich zu geschnittene Operndrama seinen Anfang nimmt: Grobe Polizisten und Soldaten traktieren die schüchterne Michaela, die ihrem Jugendfreund José die innigsten Grüße der Heimat überbringen möchte. Dann tänzeln einige der Fabrikarbeiterinnen auf die Bühne, um die Pause zu einem kleinen Flirt mit den Männern zu nutzen. In die gewohnte Tändelei hinein bahnt sich eine wundersame, faszinierend dunkel getönte Stimme ihre Vormachtsstellung; Carmen, die unbeherrschte Anführerin des schweren Auseinandersetzung zwischen den Mädchen, fängt José, den Neuling der Wachmannschaft, im Feuerflug ihrer funkensprühenden Verheißung ein. Michaela ziehtnach einem zunächst hoffnungsvoll übereinstimmenden Duett unverrichteter Dinge wieder ab. Das fesselnde Spiel um Liebe und Freiheit hat begonnen.

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