Krankenzimmer Nr.6

nach Anton Tschechow
Deutsches Theater

 

In der Kälte von Psychiatrie und Regie

Dimiter Gotscheff, einer der zur Zeit favorisierten Regisseure an deutschsprachigen Bühnen, hat eine Novelle von Anton Tschechow als “Erzähltheater in Bewegung” in einen beklemmend leeren, hohen weißen Bühnenraum gestellt, in dem sich die Kranken zunächst wirr und unverständlich, dann aber immer mehr in ihrer gemeinsamen Schicksalsmelodie verbinden. Bindeglied in dieser kleinen Gemeinschaft der ausgegrenzten Irren, die – so die Erzählung – irgendwo außerhalb in einer mit einem hohen Stacheldrahtzaun umgebenen, schäbigen Baracke untergebracht sind, die mehr einem Gefängnis denn einer therapeutischen Anstalt gleicht, ist der Arzt Andrej. Die Erzählung spielt 1882 in Russland, wo soziale Gerechtigkeit, menschenwürdige Behandlung, gesellschaftliches Verantwortungsbewußtsein Fremdwörter sind und es weitgehend bis heute geblieben sind. (Warum inszeniert eigentlich keiner dieses Drama?) Tschechow, selbst Arzt, wider Willen ständig verpflichtet, für seine Not leidende Familie Geld zu beschaffen, lungenkrank und fiebernd nach künstlerischer Freiheit und Zeit für seine schriftstellerische Arbeit, schreibt von einem jungen, hochsensiblen Arzt, der in dieser Anstalt die Kranken betreuen soll – aber nicht mehr als eben nötig, mit Spritzen und Tabletten, Ruhestellung also. Aber  Andrej verliert sich nach und nach in den Visionen der Patienten, in ihren Geschichten, ihrem Leid und ihrer verbitterten, scheinbar abstrusen Logik bis er schließlich selbst irre wird, seinen fest gefügten abgrenzenden intellektuellen Selbstschutz verliert, den er wie eine Mauer zwischen seiner Lebensphilosophie und der Realität der Patienten errichtet hat. Doch die Wirklichkeit in all ihren Schrecken und Grausamkeiten, Ungerechtigkeiten, in ihrer unfassbaren Unmenschlichkeit holt ihn hier ein, ergreift ihn ebenso unbarmherzig wie all die Kranken in diesem Zimmer Nr. 6. 

Nun hat aber Gotscheff dieses Stück in ein Capriccio mit Strukturen aus anderen Werken Tschechows verwandelt, und da wird es halt ein bisschen lächerlich. Die Distanz der Abstraktion verhindert Mitgefühl und Empathie. Da ist beispielsweise die gute alte Ranevskaja, die ihren Kirschgarten verkaufen musste und nun ums Abholzen lamentiert, zwischendurch aber  – Motiv aus der “Möwe” – als Abwandlung der Arkadina in tiefer Verzweiflung um ihren Sohn trauert, der sich das Leben nahm. Almut ZiIcher spielt diese Person extrem exaltiert nach Gutsherrinnenart; da ist zudem die junge Katrin Wichmann im hellblauen Brautkleid, die ihre Rollen gleichermaßen aus der “Möwe” und “Onkel Wanja” herübergerettet hat, und nach neuen Formen sowie nach Moskau lechzt. Man kennt den Sehnsuchtsruf zur Genüge von den “Drei Schwestern”. Als ob uns diese Wiederaufgüsse nicht ohnehin ausreichend verfolgen, muss nun auch noch hier das Dramatische der Erzählung mit gänzlich anderen Sujets verwässert werden. Denn das “Krankenzimmer” ist ja letztlich – mit all seinen sinnfälligen Disputen zwischen Arzt und Patient und widersinnigen Schlussfolgerungen eines “gesunden” Wahnsinnigen – eine heruntergespielte Version einer noch viel schrecklicheren Welt, der Tschechow in einem Strafgefangenenlager begegnete. Samuel Finzi als sich langsam auflösende Persönlichkeit des Stoikers Andrej und Wolfram Koch als sein realistischer und durchs Leben geprügelter Gegenpart üben zeitweilig sogar die Faszination eines Theaterspiels aus.

Die Darsteller – u.a. Andreas Döhler als äußerlich zwar abwesender junger Mann, der aber mit behutsamer Zärtlichkeit auf die Not der anderen fixiert ist sowie Harald Baumgartner als existenzverlorener alter Mann im verschlissenen Frack – erzählen plastisch, mit ganzem körperlichen Einsatz und leuchtender emotionaler Ausdruckskraft. Aber die Inszenierung ist nicht annähernd so erschütternd wie die Lektüre. Mag sein, dass Versatzstücke wie beispielsweise die monsterartigen Scheinwerfer, die sich über den Patienten wie OP-Lampen heben und senken und zusätzlich Verfremdung und Horror schaffen sollen – aber diese bleiben plakativ und rein äußerlich. Auch, dass der brutale Gefängniswärter Nikita von Margit Bendokat als kindlich böses Luder eher in die Welt von Alice im Wunderland gehört und nicht wirklich an die Grausamkeit des Originaltypus heranreicht, befremdet sehr. Die angerissenen Erlebnisse der Kranken, deren Psyche sich mit Wahnvorstellungen von der Unerträglichkeit ihrer seelischen Verwundungen ins Abseits der Gesellschaft “gerettet” hat, werden in dieser eher klinisch kalten Atmosphäre nicht wirklich durchsichtig.  A.C.

 

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