Neue Musik

Im Kleinen Haus, Delmenhorst
von und mit Hans-Joachim Hespos
Bettina Junge: Flöte, Christian Vogel: Klarinette, Samuel Stoll: Horn
Ernst Surberg: Klavier, Chatschatur Kanajan: Violine und Mouguillanski-Leitung
Mathis Mayr: Violoncello

Die Geburt der Töne

Seit 43 Jahren findet an jedem 11.11. in der zwischen Bremen und Oldenburg ruhenden Stadt Delmenhorst ein europaweit beachtetes musikalisches Ereignis statt mit ebenso eigenwilligen wie ausgezeichneten Kompositionen, derer sich junge Künstler aus Berlin und anderen Städten Deutschlands gerne und mit Vehemenz annehmen. Das Sujet ist verlockend. Nicht nur, weil es akademisch anerkannt und mit immer neuen Ideen an die Öffentlichkeit tritt. Musikhochschulen haben seit langem eigene, international belegte Studiengänge für neue Musik eingerichtet, lassen Komponisten, Musiker und Lehrer mit Partituren kämpfen, die schon lange einer Linienführung folgen, die eher einem medizinischen Diagramm ähnelt als der traditionellen Notenführung.

Faszinierend ist die Tradition, die sich in Delmenhorst dank des unerschöpflichen Einfallsreichtums und Engagements des dortigen Gründers dieser Musikreihe, Hans-Joachim Hespos, gebildet hat. Hespos, der zwischen Berlin und Delmenhorst pendelt wie ein Lokführer, nur mit wechselndem “Notierungs-Material” in der Tasche, konnte zu diesem 11.11. ein junges Berliner Ensemble mitbringen, das die – nun  schon eingeübte – Hörergemeinde in höchstem Maße aufforderte, sich auf das gewohnte Grenzen übergreifende phantasievolle Musiktheater der Künstler konzentriert einzulassen.

 Das Ensemble Mosaik verblüffte im ersten “Gang”, mit einem Werk des philippinischen Komponisten Ala Hilario “Karaoke Exotque Remis” aus dem Jahr 2009, der mit einer Quasi-Performance europäisches Musik- und Instrumentalverständnis aus ferner Sicht aufzugreifen versucht. Im Zentrum steht das Klavier, um das fünf Musiker behende kreiseln,  die Tasten mit allerlei Instrumentarien wie Schneebesen, Kugel, Plastikflasche, Pappdeckel, Fingerspitzen, Handflächen bestreichen und sehr willkürliche Dissonanzen erzeugen, um dann jäh wie in Momentaufnahmen zu erstarren. Dann flitzen sie wieder an die seitlichen Bühnenränder, wo sich je zwei Streicher und zwei Bläser in tonaler Sparsamkeit üben, um flugs erneut auf die Bühne zu hechten, um erneut ihr kindliche “Reise nach Jerusalem aufzunehmen. (…nur, dass sich natürlich niemand auf das “heilige” Klavier setzt!) 

Der Leiter des Ensembles, Enno Poppe, der sich in einem späteren Stück ironisch-lässig in ein beinahe absurdes Musiktheater einbinden lässt, prägte für diese musikalische Versuchsreise denn auch den passenden Begriff des “Laboratoriums”. und Hans-Joachim Hespos ließ das Publikum wissen, dass der “Rote Faden” dieses Abends “äußerst bunt sei”. Bei so viel Chuzpe ließ sich auch das zweite Stück hinreißend theatralisch interpretieren. Poppe nennt seine Kreation “Trauben” und bittet Violine, Violoncello und Klavier zu einem äußerst reizvollen “Gespräch”, das sich zwischen Frage und Antwort zaghaft, verspielt, neckisch, nachforschend und zustimmend bewegt, bis es sich zur Kontroverse aufputscht. Das taktvoll-einfühlsame Miteinander gerät zum Diskurs, der Flirt zum Streitgespräch, in dem jedes der Instrumente beinahe chaotisch seinen Teil verficht. Aus dem Zephir der Töne scheint sich ein Tornado zu entwickeln, doch langsam, so wie jedes Unwetter sich einmal erschöpft,  finden auch hier die Instrumente wieder zueinander, ein letztes Geplänkel, ein kleines Versöhnungsangebot und  – die Harmonie ist wieder hergestellt oder?

Michael Reudenbachs “Trio” lässt dem fröhlich wilden Spiel nun   beinah aufreibende Stille folgen, Töne tröpfeln wie Novembertau,   wie ein Luftzug, der durch den Raum verweht, wie Zeichen hingetupft, die dann  verklingen abseits einer lauten, lärmenden Welt. Ein Konzert der Stille oder die Geburt des Tons.

Von Samir Odeg-Tamimi  dann ein Klaviersolo “Skia”, fulminant,   klassisch-romantisch, brillant dargeboten von Ernst Surberg, der nicht nur Hespos in Berlin mit dieser Interpretation in den Bann schlug (” Es heißt Piano, aber es spielt am liebsten forte”).  Ein zehnminütiges Gewitter mit allem, was dazu gehört, Donnergrollen, Unwetterkaskaden, ein Auf und Ab der Emotionen, und die Tasten verwandeln sich unter dem furiosen Hingabe von Surberg in gläsern splitternde, klirrende Flaschenrondells bis sie klirrend und trillernd ausrollen.  Liszts “Totentanz” dramatisch übersteigert” so die Assoziation eines Kritikers.

Nach der Pause dann  “Bauauf” , ein reizvolles Experiment für Flöte, Klarinette, Violoncello, Klavier, Dirigent und Zuspiel – das klingt schon mal verheißungsvoll, spannungsgeladen und gegen den Geigenstrich gebürstet. Ist es auch. Was die Instrumente da zweckentfremdet hergaben, glich eher einem kindlichen Spiel, das Unbekanntes zaghaft erforscht und ausprobiert. Intensiver schon ließen die Musiker, im  Lotussitz hoch konzentriert, kleine Klötzchen über hölzerne Klangkörper streichen, klopfen, schaben, schleifen und schurren, exakt geleitet von einem Quasi-Dirigenten, der dann auch schon mal   zwischendurch die Bühne verließ, damit seine Leute die fernöstlich  anmutenden Hütchen-Spielchen allein fortführen konnten, doch gleichwohl im exakten rhythmischen Auf und Ab der Geräusche und instrumentalen Töne, die eine eigenwillige Symbiose miteinander eingingen.

Noch immer nicht genug der schönen Schelmerei, ließ sich folgend SOG von Stefan Streich erahnen – denn leise, beinahe unhörbar zeigt sich nun, wie ein Laut entsteht – Luft wird eingesogen, bis der Ton langsam nach außen flutet, hinein in den Raum verläuft, im Schwebezustand verharrt bis er sich zum Klangbild formt, sich rhythmisierend  verdichtet und dann mit exzentrischer Sprunghaftigkeit ausläuft. Das ist aufregend, aber eigentlich auch nicht so neu. Denn auch die so genannte neue Musik ist mittlerweile in die Jahre gekommen, sozusagen. Sie hat unzählige Spielarten und Variationen ausprobiert und wird sich jetzt, so verkündet ihr Sprecher Enno Poppe, mit polyphonen Medien verbinden, um neues Terrain zu erforschen. 

Der Phantasie sind eigentlich keine Grenzen gesetzt. Was sich auch   in dem Hespos-Stück aus dem Jahr 1984 beweist, das sich mit menschlichem Prusten, Schnaufen und qualvollem Stimmgesraspel spektakulär über alle traditionellen Hörgewohnheiten und konzertante Erlebniswelten lustvoll hinwegsetzt. Den Fieberkurven der Partitur folgend, heften sich hier die Künstler an das Chaos einer ver-rückten Zustandsbeschreibung. Der Zufallsdirigent tritt als Löwenbändiger auf, fällt allerdings gleichermaßen in letzte Zuckungen. Aus, Ende – Frohsinn auf allen Gesichtern. Was will man mehr. Hans Joachim Hespos war’s zufrieden. Auf ein neues im 44. Jahr, anno 2013, wenn das Kairos Quartett, Berlin  und Matthias Bauer, Kontrabaß mit Werken von Hespos, Giogio Nelli und Kilian Schwoon diese Tradition in Delmenhorst fortsetzen werden. A.C.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


neun × 2 =