The Rake’s Progress

 

nach Igor Strawinsky

Oldenburgisches Staatstheater 2013

Wohlstandszirkus am Venusberg

Ein Puppenstubenbild wie bei Ruth Berghaus (1927-1996), der berühmten Berliner Opern- und Theaterregisseurin aus der Schule Bert Brechts. In Oldenburg also nun adaptiert in der Inszenierung von Strawinskiy “Wüstling”, der Ballade oder Moritat von dem vergnügungssüchtigen Lebemann Tom Rakewell, der mit der Liebe bricht und sich in des Teufels Hände begibt, um endlich an seiner Haltlosigkeit und Genusssucht zugrunde zu gehen.

Zunächst also klettern und kosen Tom Rakewell und seine Liebste Anne Truelove wie Zwerge auf übergroßen Stühlen auf einem ebenso gewaltigen hohen Tisch herum und versichern einander in schönster Poesie ewig währende Liebe und Treue. Vor dem bürgerlichen Guckkasten-Idyll mit überdimensionaler Kuckucksuhr beschützt eine Reihe aufsprießender Ähren wie ein stachliger Schutzwall die Karikatur eines tändelnden Brautpaares, das allerdings schon bald aus seinem Kokon von Annes Vater (Benjamin LeClair) gerissen wird, der dem jungen Schwiegersohn mit würdevoller Besorgnis tief ins Gewissen redet, um ihn an seine Pflichten als künftiger Ehemann und Familienversorger zu erinnern. Das behagt dem lebenshungrigen und, sagen wir, recht arbeitsunwilligen Tom nun überhaupt nicht, und er singt es frei heraus mit jugendlich tenoralen Selbstbewusstsein. Er will ohne Mühen reich sein und gut leben. Das kann man ihm nicht verdenken.

Aber da naht als des Wunsches Verwirklichung schon in schwarzer Kluft und grässlicher Maske das Schicksal, Nick Shadow – des Teufels Schatten – als Zerstörer allen Glücks, der Tom die frohe Nachricht einer plötzlichen großen Erbschaft eines unbekannten Verwandten bringt. Keiner zweifelt daran, und kaum noch bleibt Zeit für ein hübsches Abschiedsterzett, dass zunächst noch harmonische Vorfreude auf künftigen Wohlstand bei Vater, Tochter und Schwiegersohn zeigt. Doch dann verschwindet Tom abrupt, um seine “Erbschaftsangelegenheiten zu regeln” und taucht bereits im zweiten Bild am Venusberg auf, wo “Mutter Goose” das erotische Geschäft auf und in einem üppigen fleischfarbenen Pappkörper betreibt. Tannhäuser lässt grüßen, dem der Aufenthalt im Venusberg auch nichts Gutes brachte. Und Tom Rakewell, viel zu charakterschwach als das er Widerstand leisten könnte, verheiratet sich dann auf Anraten seine ständigen diabolischen Ratgebers mit einer Jahrmarktstunte, als Frau mit Bart auf 50iger-Jahre-Werbeplakaten angepriesen; eine faszinierende Furie, die ihn energisch unter ihre Fittichen nimmt. 

Nun sind die in verschiedenen Tonarten angelegten Gesangspartien wahrlich schwer zu bewältigen, bewegen sich im raschen Wechsel in   Höhen und Tiefen, dem schrecklichen Leben des letztlich doch recht bedauernswerten Tom ebenso angepasst wie den lyrischen Erlösungs-Partien. Der reizvollen Instrumentierung verleiht das Oldenburger Orchester unter der Leitung von Thomas Dorsch meisterlichen Glanz und prächtige Fülle und treibt dramatisch-drastisch in stilistischen Schwüngen die Geschichte emotional zügig voran. Da wechseln in zärtlicher tonaler Poesie Arien, Rezitative, Duette, Terzette nach klassischer Motivik, während im dunklen Teil der menschlichen Seele die Bläser und Streicher variationsreich die Führungslinie bestimmen. Jazzrhythmen lassen die Bordellszenen gar nicht so unattraktiv erscheinen – Lebenslust und Lebensgier finden ihr musikalisches Pendant in den Brüchen von Melodik. Harmonie gibt es nur in den Liebes- und in den tragischen Szenen, wenn Anne beispielsweise dem treulosen Geliebten folgt und, gedemütigt von dessen seltsamer   Zirkus-Buhlschaft, erkennt, dass der schwache Mann nicht mehr zu retten ist. Oder sie  ihn – am Ende – ihn im Irrenhaus aus dem Wahnsinn erlöst und die heilte Welt plötzlich kopfüber von der Decke herabbaumelt – inklusive Kuckucksuhr!

Der Chor ist keine personifizierte psychologische Wahrung, sondern eher eine Karikatur der in seltsamer Kostümierung mitlaufenden Masse, die sich bekanntlich gerne am Untergang der anderen weidet. Die sich zur Burleske ausweitende Inszenierung kann aber die Absurdität der Menge im Rausch eines verführerischen Konsumterrors nur andeuten. Sicher ist das Stück mit seiner Uraufführung 1951 an den Aufstieg der Bundesrepublik – und anderer europäischer Staaten – eng angelehnt. Doch ist der Kampf zwischen einer Glück versprechenden Scheinwelt und einer möglichen charakterlichen Widerstandsfähigkeit nicht auf eine bestimmte Zeit begrenzt.

Und auch in dieser Operninszenierung können spielerisch nur zwei Personen überzeugen; neben dem wunderbar ausbalancierten Bariton des absoluten fiesen Verführers Nick Shadow von Peter Felix Bauer  amüsiert mit verführerischer Körpersprache und variationsreich  timbrierendem Alt Geneviève King, die als Türkenbaba dem Teufel gar das Wasser reichen kann.  Eine Klassische Paarkonstellation.

Der Kampf um die Seele Toms (zunächst recht erfolgreich mit einigen miesen Tricks wie Steine in Brot zu verwandeln, denen Jesus bekanntlich ja souverän widerstand, die aber Tom Rakewill in den existenziellen Ruin führen) endet letztlich mit einer klaren Niederlage Satans, denn Tom zieht ( aus Köln für die Premiere importiert: John Heuzenroeder) nun auch wieder in Kampfeslaune die Trumpfkarte der Liebe, wie wir sie ja aus dem Goethes Faust, Ibsens Peer Gynt und anderen, mit dem Teufel agierenden Arbeiten Strawinskis kennen. Die reizende Mareke Freudenberg als Anne Truelove wird ihn am Ende zärtlich und zielbewußt vom Wahnsinn erlösen. Was dennoch einige Fragen offen lässt! A.C.

die Inszenierung war ohne Aufregung, die Stimmen eher mager. Aber es ist eine wunderbare und alte und immer wieder menschlich schöne Geschichte. Teufel, Liebe, Tod, Sünde, Sühne, Vergebung. Was wollen wir mehr auf der Bühne. Aber es könnte schon expressiver in Szene gesetzt werden.

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