Cristina, Regina di Svezia, OL

Musik von Jacopo Foroni (1825 — 1858)
Oper in drei Akten, Libretto von Giovanni Carlo Casanova – 1849 Uraufführung in Verona
Oldenburgisches Staatstheater, 2016

In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln
Musikalische Leitung: Vito Cristófaro, Regie: Michael Sturm,  Bühne und Kostüme: Stefan Rieckhoff,  Dramaturgie: Annabelle Köhler
Mit: Cristina: Miriam Clark, Maria Eufrosina: Melanie Lang/ Yulia Sokolik,  Oxenstierna: Ill-Hoon Choung, Erik: Alexander Murashov Gabriele de la Gardie: Paulo Ferreira,  Carlo Gustavo: Daniel Moon, Arnold Messenius: Tomasz Wija, Johan: Philipp Kapeller, Voce interna: Anna Avakian; Opern- und Extrachor des Oldenburgischen Staatstheaters u.a.

Schöne Queen, arme Queen

Himmlische Chöre begleiten die irdisch tragische Lebensgeschichte der schwedischen Königin Regina, Tochter des im 30jährigen Krieg gefallenen Gustav Adolfs, die 1632 schon als kleines Mädchen die Verhaltensregeln der ernsten Regentin erlernt. Bereits wie eine Erwachsene gekleidet, spaziert sie mit hinter dem Rücken verschränkten Händen an den auf dunkelblauen Wänden aufgereihten, erdrückenden Portraits ihrer Ahnen entlang, den Kopf rückwärts gebogen, schaut sie – wahrscheinlich – ehrfürchtet zu den Vorfahren auf, in deren Tradition sie bereits verankert ist. Dann klettert sie gemächlich auf den blauen Thronsessel und fordert mit einer einzigen schmalen Handbwegung den alten ehrwürdigen Kanzler zum Kniefall auf. Axel Oxenstierna weiß um seine Aufgabe, die Geschicke Schwedens in der Hand der Prinzessin verantwortungsvoll bis zu ihrer Krönung (1644) zu verwalten und ihr zu dienen bis zur ihrer Entscheidung, Schweden zu verlassen und in Rom dem katholischen Glauben anzunehmen. Für Julie Günzel als Kind Christina und Il-Hoon Choung als Reichskanzler bereits ein repräsentativer Einstieg in eine faszinierende, erst wieder 2007 aus dem Opernrepertoire hervorgeholte Reminiszenz an eine schillernde, ebenso gebildete, wie machtbewußte Persönlichkeit, wenngleich auch die historische Christina zugunsten eines geheimnis- und effektvolleren Liebesdramas in den Hintergrund tritt. Das eröffnet dem Komponisten vornehmlich eine gefühlsstarke musikalische Darstellung, die sich effektreich zwischen dem Belcanto-Einfluss des nur wenig älteren Verdi und der deutschen ebenso romantischen wie aufrührerischen Sturm- und Drang-Zeit bewegt (die im Lebenslauf des Komponisten eine entscheidende Rolle spielte und den Italiener ins Exil nach Schweden führte).

Das Oldenburgische Staatstheater punktet zur Zeit mit einer deutschen Erstaufführung und bietet eine eingängig beschwingte, kraftvoll geleitete Inszenierung mit beachtlichen künstlerischen Höhepunkten an. Dabei treten mit gleichstarker Präsenz die weiblichen und die männlichen Partien hervor: Die Amerikanerin Miriam Clark betont mit schlankem, bis in höchste Tonskalen lyrisch geführten Sopran die romantische, emotionale Seite einer Herrscherin an, die sich innerhalb der strengen Konventionen nicht von ihren emotionalen Wünschen leiten darf, mit ihrer Körpersprache allerdings Konsequenz und Gehorsam gebietet. In ihrer starken Zerrissenheit zwischen der Liebe zu ihrer Nichte und dessen Geliebten, besinnt sie sich auf den Ausweg, der ihr als Herrscherin zur Verfügung steht und zwingt sie das unglückliche Mädchen, den ungeliebten Erik, Oxenstiernas Sohn, zu heiraten. Zwischen der Pflicht, dem Gebot der Königin zu gehorchen und dem Werben des geliebten Mannes zu folgen, entwickelt sich ein großes Spiel zwischen dem wunderbar changierenden Mezzo von Melanie Lang als Maria Eufrosina und Paulo Ferreira als Gabriele de la Gardie, dessen betörender Leidenschaft die arme Maria nur schwer widerstehen kann, Dem moralischen und emotionalen Zwiespalt, der sich in der Verzweiflung Marias und der aufbrausenden Liebesbeschwörung des Gabriele abspielt, spiegelt das kongruent geführte Orchester mit ebenso differenzierter wie instrumental reich verzierter Klangsprache.

Geschickt steigern sich dieser Konflikt und die Spannung in der äußerst melodramatischen Hochzeitszeremonie. Die höfische Gesellschaft, unisono in schmucklosen konventionellen Kostümen und Anzügen, hat sich erwartungsfroh eingefunden, doch die Braut macht, wie wir es heute nennen würde, eine mächtige Szene. Sie weigert sich tränenreich, Erik zu heiraten und zieht den Rückzug ins Kloster vor. Doch Christina, wissend, das sie und Maria denselben Mann lieben, bleibt bei ihrer harten Forderung und heizt damit den Unmut des Volkes, das sich hart regiert wähnt, auf – bis dieses sich zum Aufstand zusammenrottet. Der Aufstand mißlingt dank des plötzlichen Eintreffens von Christinas Cousin Karl Gustav, und Christina hat mit ihrem Entschluß, den ebenfalls zum Tode verurteilten Gabriele zu begnadigen und selber zugunsten Karl Gustavs abzudanken, einen sujetgerechten Abgang. Würdevoll, entsagungsreich, im zweiten Teil des Spiels vom Komponisten mit anspruchsvoller, dramatisch gesteigerter Stimmführung bedacht, verabschiedet sie sich aus der schwedischen Geschichte, um   – wie die Historie weiß, “Frieden zu finden im Lachen der Künste” und in Italien ihr Leben fern aller strengen höfischen Etikette zu führen, wie es ihrer Bildung und ihren Ansprüchen entsprach.
A.C.

 

 

 

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