Lady Macbeth von Mzensk, HB

Leidenschaft im Schaumbad

Oper in vier Akten von Dimitri Schostakowitsch (1906-1975)
und Alexander Preis (Text) nach der gleichnamigen Erzählung von Nikolai Leskow; Uraufführung 1934 im Maly-Theater Leningrad; nach zwei Jahren wurde die Oper von der Partei (Stalin) verrissen und der Komponist zum Volksfeind erklärt.
Theater am Goetheplatz, Bremen, 2017/2018
In russischer Sprache mit deutschen Untertiteln
Musikalische Leitung der Bremer Philharmoniker : Yoel Gamzou, Regie: Armin Petras, Bühne: Susanne Schuboth, Kostüme: Karoline Bierner, Film/Video: Rebecca Riedel, Chorleitung: Alice Meregaglia, Dramaturgie: Isabelle Becker, Licht: Normann Plathe-Narr
mit: Nadine Lehner als Katerina, Chris Lysack als Sergej, Patrick Zielke als Unternehmer Boris Tomofejewitsch, Alexey Sayapin als dessen kranker Sohn Sinowi Borissowitsch und Lehrer, Hanna Plaß als Aksinja, Luis Olivares Sandoval als “Der Schäbige”, Ulrike Mayer als Sonjetka, Christoph Heinrich als obrikeitsgefügiger Pope, Loren Lang als beleidigter Polizeichef, Danile Ratchev als Mühlenarbeiter und Polizist sowie ein sehr ausdrucksstarkes junges Tanzpaar: Adelina Mazakow und Michael Nuss als ein Abbild der unbedarften Jugend und der großartigen russischen Tanztradition.

Liebesglut in kühler Waschküche

Die erste Opern-Inszenierung in der neuen Saison ist musikalisch ein explosives Furioso, aber durchaus auch mit heiteren und himmlisch harmonischen Einschüben, ganz im Sinne seines genialen Komponisten. Der neue Musikdirektor des Theaters, Yoel Gamzou, verbindet die Liebe zur expressiven Führung mit leidenschaftlicher Hingabe an das Sujet! Und das Orchester folgt ihm mit großer Empathie. Doch was sich da auf der Bühne in Bild und Darstellung zwischen Waschküche und ewig schleudernder Trockentrommel, biederer Wohnstubenenge und martialisch verkommener Arbeiterumkleide abspielt, zeigt sich nur wenig kongruent mit der hochdramatischen, tragischen Liebes- Lebens- und Leidensgeschichte der jungen schönen Protagonistin. Die arme Katerina Ismailowa hat es weder verdient, für ihre vulkanhaft aufbrechenden Gefühle, ihr emanzipatorisches Aufbegehren und ihren mutigen Kampf um Gleichberechtigung in eine schaumüberquellende Badewanne in kühl gefliester Waschküche mit Plastikvorhang und künstlichen Topfblumen gesteckt zu werden, wo ihre erotische Erfüllung vielleicht als Schaumgeborene ihren kunstvollen Effekt hätte –  noch einen Lover, der in voller Werkstattmontur eine Bohrmaschine als ständige Begleitung neben sich herschleppt, die er nur kurz zur Seite stellt, um zu ihr in die Wanne zu steigen! Da findet sie nun ekstatisch – wie die Bläser uns mit erschlagender Wucht weismachen wollen – endlich ihre sexuelle Befriedigung und Befreiung von vielen gesellschaftlichen Zwängen. Das ist dann doch lächerlich bis verwirrend. Und so kann letztlich die alle konventionellen Dämme einreißende Liebesglut einer vernachlässigten “Lady Macbeth” sich nur in den stimmgewaltigen, zu Himmelshöhen ansteigenden Arien der großartigen Nadine Lehner Ausdruck verleihen, während der männlich energische Tenor des Sergej von Chri Lysack leider jede verführerische Nunance vermissen läßt. Wie auch – in der Badewanne in Vollzeug! – Faszinierend in seiner schauspielerischen und gesanglichen Variationsfähigkeit ist nach wie vor Patrick Zielke als sadistischer Oligarch eines Industriellen Imperiums, in dem die Menschen nicht besser als Sklaven gehalten werden.

 

Dazwischen aber spielt sich ein spannendes, gut gestrafftes, virtuoses Wechselspiel der Gefühle, menschlicher Leidenschaften, tiefer seelischer Emotionen, mörderischer Gelüste und ungebrochener Dominanzgebaren der mächtigen Klasse ab: es ist ein Spiel auf Leben und Tod, und es gibt für die schöne, hoffnungslos unglücklich verheiratete Katerina zunächst keine Hoffnung, ihrem elenden langweiligen Leben neben einem kranken und impotenten Eheman, einem lüstern grausamen Schwiegervater, höllisch- hündisch- bösartigen Arbeitern, die sich an jeder Frau vergreifen, sofern sie ohne Beschützer ist, keinen Ausweg. Die Enge im bürgerlichen holzgetäfelten Plüschambiente zeigt schon in der ersten Szene, was Katerina zu erwarten hat, und ihrer Aufsässigkeit kann sie durchaus Stimme verleihen. Ein gellender, scharfer Sopran, der ihre ganze Energie, ihre aufgestaute Wut, ihr   Aufbegehren in die Welt hinausschleudert und keinen Zweifel daran läßt, dass sie zwar nicht aus Machtgier wie Shakespeares Lady morden wird, aber aus nicht minder eigennützigem Interesse sehr wohl..

Noch ist die Welt eng, und die Grenzen sind ihr brutal gesetzt. Ihr alter ego, die kleine verhuschte Dienerin und Gefährtin Aksinja zeigt beinahe unscheinbar, wie russische Tradition gewahrt werden kann, sich dukend, beugend, unauffällig das Feuer schürend, die gute Tradition der Volksseele , die vergessen scheint, forttragend. Hanna Plaß tanzt, singt, spielt wunderbar und kann sich den Übergriffen der rüden Männer entziehen, sie kann auch Piilzsuppe vergiften und so der rachesinnenden Katerina beim Ableben des Schwiergervaters zur Hand gehen. Und die Musik ebenfalls: sie macht ein Höllenspektakel! Und Katerina ist bei weitem keine Heilige. Ihr Triumpf ist ohne Reue, ihre Rache ist vollkommen. Und als sie längst das Badewannenverhältnis mit dem brutal-raffinierten Sergej eingegangen ist und dieser ihr bei der Ermordnung des plötzlich zurückgekommenen Ehemannes tatkräftig hilft, ist sie wieder von einer Last befreit und noch ohne jegliche Spur von Reue. Die Musik weiss darum und ist gar nicht so laut und heftig wie im Liebesspiel und beim Schwiegervatermord, sondern spürt die Genugtuung der gepeinigten Frau auf, läßt sie behutsam in der Naivität der Grenzen überwindenden Befreiung aufatmen.

Was wir nicht sehen, weil die rotierenden engen Guckkastenbühnenbilder nur Abbilder der sozialen Bedürftgkeit und Kälte der Arbeiterschaft sind, das sind die psychologischen Feinheiten der Erzählung, die nur in der Musik gegenwärtig werden: da ist die ungleiche Paarung einer Herrin, einer Unternehmersgattin mit einem sozial sehr viel niedriger stehenden Mnan, der sehr wohl darum weiß – im Gegensatz zu der Frau – dass er immer seiner Klasse verhaftet bleiben wird. Während die Frau um Zärtlichkeit bettelt, um die vage Unsicherheit in sich zu beschwichtigen, bleibt der Mann unsentimental, sachlich abwägend, welche Vorteile ihm die Heirat mit einer Frau bringt, die bisher zwei Männer umgebracht hat. Das Geld lockt, die Liebe erkaltet. Es ist absehbar.

Nicht vorherzusehen ist, was das Schicksal, was die Reue in Katerina auslöst, was der russische Mystizismus ans Tagslicht bringt: der Geist des Schwiegervaters taucht in ihren nächtlichen Albträumen auf und der ermordete Ehemann in der Mülltonne. Ein Trunkenbold findet ihn – mit dem feinfühligem warmen Tenor von Sandoval in einem viel zu kurzen Part nur hörbar -, aber sein Fund ist dafür nachhaltig, denn er alarmiert die Polizei, der nun die massive Wucht der Bläser einen Aufmarsch   bietet. Fanfaren blasen zum Auftakt der Staatsgewalt, und die Hochzeitsgesellschaft verfällt in Starre. Der Polizeichef, der sich ohnehin bei der Hochzeit übergangen fühlt, findet sehr schnell den Weg ins Herrenhaus, und die reuige Katerina schleudert ihm in höchsten Tönen schon ihr Geständnis entgegen, als es noch niemand so recht wissen will. Während ihr alter ego, eben Aksinja, derweil tanzt und ein sentimentales Abschiedslied auf dem Akkoredon zelebriert. Nun muß dem Gesetz Genüge getan, das Mörderpaar verhaftet, verurteilt und in den Gulag geschickt werden. Die Leute – hier die Chordamen und Herren -entledigen sich ihrer Kleider, schnüren ihre Bündel und gehören nun in  schlichter Unterwäsche nach Berliner Art zum Strafgefangenentrekk.

Nur die letzte, im dunklen Ambiente gehaltene Szene der Gefangenen auf dem Weg in den Gulag, die zwischen zwischen hohen grauen Mauern (auf dem der Pope mit starkem Bass irgendwelche frommen Worte hinunterdröhnt) – und der Schwärze des tosenden Flusses spielt, liefert zum Schicksal Katerinas das passende Gruseln, und ihre steinerweichenden Verzweiflungsschreie über die Untreue und den Verrat des Geliebten, verwandeln sich allmählich vom leidenschaftlichen Aufbegehren in ein zartes endgültiges Abschiednehmen aus einem Leben, das menschenunwürdig war. Sie führt ihre Rivalin, die kühle, sich mit allen Verhältnissen zuvor noch gut arrangierende, aber nun doch zum Untergang ebenso verurteilte Gefährtin Sonjetka (Ulrike Mayer) mit in den Tod, der – nun wieder ganz russisch dramatisch- im schwarzen Fluss auf die Frauen wartet. Und die Musik zerfließt jetzt leise, zart, wie in weiter Ferne.

Warum das Stalin nicht gefallen hat? Keine Frage, ein impotenter Mann, ein schwacher Fabrikerbe ,ein hingemeuchelter Patriarch, eine brutale, wölfische Gesellschaft, die alles andere als ein Glück der Arbeiter war – ein Psychopath liebt es nicht, den Spiegel vorgehalten zu bekommen. Für Schostakowitsch und Preis war es zunächst das Ende. Von Preis wurden keine Stücke mehr gedruckt und vertont. Und dass Frauen zurück in ihre alte Untertanenrolle gedrängt wurden, ist unbestritten.

Und noch ein Gedanke zu dieser Inszenierung: Videos tragen nicht immer zur Verdichtung und Vertiefung einer Darstellung bei: bei großformatiger optischer Leinwanddarstellung von Landschaften und sich in den Gesichtern spiegelnden Emotionen besteht die Gefahr – gerade bei Opern, in denen ja die Musik den Gang der Ereignisse vorantreibt und die künstlerische Spannung hält – dass sie vom Spielfluss und dem inneren Spielfeld der Phantasie ablenken. Soviel Vorstellungskraft sollte der Opernfreund selbst haben, dass er sichauch ein kaltes arktisches Russland, eine öde Industriestadt und einen endlosen wüstenartigen Weg gen Sibirien vorzustellen vermag.

Mit Anna Karenina war Armin Petras noch eine passable Inszenierung gelungen. Jetzt sollte er sich wieder dem Theater zuwenden und die Schauspieler in phantasievollen Bühnenarrangements zu ihren Bestleistungen herausfordern, wie einst in Berlin und anderswo.A.C.

 

 

 

 

 

 

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