Fremdes Haus, HB

Schauspiel von Dea Loher
Theater am Goetheplatz, Bremen 2017

Regie: Alize Zandwijk, Dramaturgie: Akin E.Sipal, Bühne und Kostüme: Thomas Rupert, Musik: Beppe Costa
mit: Alexander Angeletta: Jane, Martin Baum: Risto, Karin Enzler: Nelli, Bastian Hagen: Jörg, Gina Haller: Agnes, Fania Sorel: Terese

 Schuld und Sühne

Die Inszenierung ist gruselig und grausam. Ein indischer Slum ist geradezu eine Wohlfühlzone gegen diese Kanalrattenwohnwelt, in der die Häuser fensterlos und die Menchen hoffnungslos sich selbst und den anderen das Leben so schwer wie möglich machen. Die Schuldfrage aber stellt die Autorin und mit ihr auch die Regisseurin in ganz anderer und weit umfassenderer Weise. Doch die wird erst ganz allmählich sichtbar. Zunächst waten in der gefluteten Bühne krass geschminkte Frauen und Männer herum, in abgerissener Kleidung, unter gnadenlos harten Rhythmen, und ihre Perspektivlosigkeit lassen sie wie einen Schwarm Hornissen an dem zunächst einzig Unschuldigen aus, der jäh in ihr “Viertel”  als Flüchtling aus ihrer alten Heimat eindringt: Jene hat Mazedonien verlassen, um bei den Verwandten im scheinbar goldenen Westen vorerst Asyl zu finden. Der Freund von Jenes verstorbenen Vater ist Risto, ein alkoholkranker Wüterich, der den jungen Mann hart am Kragen nimmt und sich unmißverständlich jede Frage aus der Vergangenheit verbittet; seine Frau Terese gibt sich fürsorglich, die Prostituierte Nelli naturgemäß zugänglich, die Cousine Agnes anschmiegsam und liebeshungrig, ihr Mann Jörg agressiv feindlich. Damit sind zunächst einmal mit verbalem Schlagabtausch die äußeren Verhältnisse geklärt.
Was sich nach und nach als Familien- und Seelendrama entblättert, hat als Inszenierung das Manko einer nur unzureichenden dramaturgischen Bühnenversion eines Romans, ist aber vor 20 Jahren als Theaterstück geschrieben. Dafür sind die Dialoge zu schmal, und die Monologe sprengen intellektuell und in ihrer epischen Länge den ohnehin schlaffen Spannungsbogen der Handlung.
Dass man angesichts der furchtbaren prekären Verhältnisse, der Brutalität, der wütenden und hasserfüllten, sich in vorwiegend gossensprachlichem Jargon angiftenden “Familienmitglieder” ebenso fasziniert wie ungläubig diesem menschlich unwürdigen Dasein zuschaut, ist allein den hervorragenden Darstellern gezeitigt. Sie werfen sich mit aller schauspielerischen Kraft, die ihrem Rollenverständnis glaubhaft entspricht, in das Seelenmassaker, das persönliches Versagen in ein politisches und soziales Umfeld stellt, ohne dieses allein verantwortlich zu machen. Die Schuldfrage, die sich immer stärker bei jedem dieser Menschen stellt, ist im Grunde genommen eine allgemeine Frage: haben wir uns nicht alle irgendwann und irgendwie mit einem Lebensdeal, mit einem blinden Auge, mit einem scheinbar günstigen Arrangement einen Vorteil gesucht und später einen Preis dafür gezahlt, den wir nicht   einkalkuliert hatten?
Hier ist wird es langsam und sicher deutlich: Jene hat die Flucht vor der Veranwortung vorgezogen, seinem Land zur Erneuerung zu verhelfen, als Soldat oder Revolutionär, als verantwortungsvoller Bürger in jedem Fall der Erneuerung und Demokratisierung beizutragen. Er hat seine Braut verlassen, schon in der Absicht, sein eigenes Glück irgendwo mit Hilfe der Verwandtschaft im Ausland zu finden. Die Barfrau ist die coolste unter den losern an der Wasserfront: sie geht ihrem Geschäft nach und pflegt doch auch einen kleinen Traum: irgendwann würde vielleicht ein reicher Mann vorbeikommen…Terese, liebeswert, furchtlos, desillusioniert, gibt sich den Männern der Fabrik hin, die sie einst arbeitslos machten und verdient nun mit ihrem Körper das Nötigste für ihren Lebensunterhalt – zutiefest verachtet von ihrem erfolglosen Ehemann, der seiner Schuld bis zum Tode auszuweichen versucht, rastlos   seine Zigaretten sortiert, von dessen Verkauf keiner leben kann. Während der Schwiegersohn mit dem Versuch, eine kleine Reparturwerkstatt am Leben zu erhalten, letztendlich immer wieder scheitert und an dem schweren Unfall seiner Frau eine Schuld trägt, die ihm niemand abnehmen kann, am wenigsten Agnes, die in ihm einst eine “gute Partie” sah – keine Liebe, sondern Sicherheit, Überlebensstrategien und Sühne.

Das Familiendrama, das von Anfang an transparent ist, aber erst am Ende der Story einen Sinn gibt: als Risto sich schon in den Tod hineinröchelt, wird sein Verrat am Freund Goce, am Mann der Frau, die er selbst nicht haben konnte und den er um der eigenen Freiheit willen verriet, in ganzer Schwere bedeutungsam: es ist Jenes Vater, der dafür in zwei Jahrzehnten im Arbeitslager seine Gesundheit verlor. Und Jene, der junge Mann mit den großen Hoffnungen, mit einem letzten Sinn für das Machbare, für Realitäten und ihre Härte, muß sich am Ende diesem Sumpf anpassen, denn er will  nicht zurück – als Feigling gebrandmarkt.
Was auch immer – eine Schreckensgeschichte, die mit musikalischen Brüchen aufgewärmt wird. Wunderbar spielt wie immer Benno Costan eine Variation von Instrumenten, singt mit rauchiger Stimme schwermütige Weisen, und kann zusammen mit Karin Enzler die Zartheit aller Hoffnung und   Liebessehnsucht als verheißungsvolle Botschaft durch Zeit und Raum schicken.
Aber da Altvater Bert Brecht auch bei Dea Loher Pate gestanden hat, und die lakonische Unbedingtheit dieses Arme-Leute-Lebens nun einmal im harten Kapitalismus keine Gnade kennt, solange jeder sich   um seines Vorteils willen verkauft und damit nicht nur sich, sondern alle anderen mit in den existenziellen Abgrund treibt, endet auch dieses Theaterkapitel in Betrübnis. A.C.

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