Author Archives: A. Cromme

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Carmen, OL

Bereits die ersten rasanten Takte lassen im Vorspiel den tödlichen Stierkampf und das Schicksalsmotiv Carmens aufflackern: hier glüht ein Schicksalsdrama bester Opernschule. Seit seiner Wiener Uraufführung schlägt dieses Drama die Menschen in seinen Bann, was sein Schöpfer, der früh an einem Herzleiden starb, nicht mehr erleben konnte. In unzähligen Variationen, stimmlichen Höhenflügen, orchestralen Glanzvorstellungen lief die Leidenschaft der liebeshungrigen Zigeunerin Carmen und ihres blind-wütig besessenen Liebhabers Don Josè seit beinahe anderthalb Jahrhunderten über die Bühnen der Welt. Und wer Sorge um die bleibende künstlerische Kraft dieses erbarmungslosen Liebes- und Lebenskampfes hat, wird mit jeder neuen Inszenierung – sei es die überdimensionale Spielkartenversion am und im Wasser der Bregenzer Festspiele oder die intime, sich sogartig verdichtende Fassung am Oldenburger Residenztheater – immer wieder der Faszination dieses genial aufgebauten Spiels erliegen.

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La Damnation de Faust, HB

Theater pur, atemberaubende Dramatik, Musik unter Stromspannung, Sänger besitzergreifend, fesselnde Inszenierung in allen Welten, Bühne im bizarren herzlosen Fantasieland, Kostüme klinisch kalkweiß gleißend oder höllenhexenschwarz, Chöre spielerisch biegsam, Kinderchor als Hexenbrut originell, Videos mit Publikumseinbindung verstörend und faszinierend. Zuschauer hingerissen.

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Wunschkinder,B

Der bekannte Bühnenautor Lutz Hübner hat mit diesem Stück, das Torsten Fischer im Renaissance Theater Berlin inszeniert hat, eine lautstarke, teils humorvolle, teils tragische realistätsnahe Story geschrieben, die sich mit gewünschten und ungewollten Kindern, mit überverwöhnenden und ängstlichen Eltern, alleinerziehenden Müttern und taffen Jugendlichen, die noch nicht so recht erwachsen werden wollen, befasst. Es hat einen großen Wiedererkennungseffekt und vermittelt hoffentlich auch genauso viel psychologische Einsicht.

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Yvonne Princesse de Bourgogne, OL

Das Stück von Witold Gombrowicz, 1904 als Sohn eines Landadeligen im polnischen Malooszyce geboren, richtet sich gegen Klassenvorherrschaft, Eitelkeit der Menschen, die sich für etwas Besonderes halten, und es ist eine wütende Anklage gegen Ungerechtigkeit gegenüber Aussenseitern. 1935 veröffentlichte der Jurist, der sich selbst stets mehr als Künstler empfand und ob seiner vehementen Kritik vom polnischen Staat ausgegrenzt und ins Exil geschickt wurde, dieses Theaterstück, das sein eigenes Schicksal, das Gefühl der Fremdheit und Andersartigkeit in klassischer Form als Sprechtheater auf die Bühne und damit vor ein breites Publikum stellt.

Der Belgische Komponist Philippe Boesman veränderte dieses Stück 2009 zur Oper, zum modernen Musiktheater, das vorwiegend durch und mit seiner Instrumentalisierung eine aufregende Psychologie der Personen schreibt: schrill und aggressiv, polternd und unsensible, wenn die höfische Gesellschaft die stumme, unbeholfende Prinzessin am Hofe grausam verhöhnt und in den Tod treibt – und doch auch zart und poetisch, wenn dieselben Menschen einen Sonnenuntergang bewundern. Doch das ist Natur, der Mensch aber ist schwieriger zu fassen und gar nicht zu begreifen, wenn er sich nicht in die Masse einreiht, fortwährend mit ihr plappert und herumalbert und sich den Mächtigen anbiedert.

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Die Gerechten, OL

Das wäre der historische wie zeitgemäße Ansatz für eine spannende, unter die Haut gehende Inszenierung gewesen: die Regierungsmacht bedient sich auf unglaublich zynische Weise einer Gruppe junger, radikaler sozialkritischer Studenten, die sich mit allen Konsequenzen den Zielen gerecht verteilter Besitzgüter in einer humanen Gesellschaft verschrieben haben. Sie alle sind das Opfer einer infamen Inszenierung, deren mächtige Drahtzieher sie als Handlanger für das Attentat an dem Großfürsten benutzen, einem Onkel des Zaren, der ins Moskauer Abseits geschoben wurde und dessen Inkompetenz und Eigenmächtigkeit der Obrigkeit schon längst ein Stachel im Fleisch ihrer eigenen Vetternwirtschaft ist.

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Die Sprache des Wassers, HB

Der inhaltlich verknappte und präzise zutreffende Text vermittelt zunächst die Hilflosigkeit sprachunkundiger Fremdlinge, die sich unsicher auf spiegelndem Boden bewegen – polnische Einwanderer ins englische Coventry, auf der Suche nach dem flüchtigen Ehemann und Vater, orientierungslos inmitten einer neuen Gesellschaft, deren Sprache und Eigenarten sie nicht verstehen – ein ausweglos scheinender Zustand, der sie fast zur Verzweiflung treibt. Der Text ist poetisch einfühlsam, ohne wehleidig zu sein, und vermittelt dabei doch sehr eindrücklich, welch große Herausforderung das Schicksal an die enttäuschte, verlassene Mutter und ihre gerade in die Unsicherheit der Pubertät gleitende Tochter stellt.

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