Mephisto, OL

nach dem Roman von Klaus Mann
Oldenburgisches Staatstheater, Premiere am 7. März 2026
Regie Ronny Jakubaschk, Dramaturgie Reinar Ortmann, Bühne Marina Stefan, Kostüme Anne Buffetrille/Hanna Peter, Musik Jörg Kunze, Licht Philipp Sonnhoff
mit Hagen Bähr als Hendrik Höfgen, Matthias Kleinert als Oscar M. Kroge/Cäsar von Muck, Franziska Werner als Ottilie Ulrichs, Carola Nagel als Dora Martin/Lotte Lindenthal, Andreas Spaniol als Marder/Der Reichsmarschall, Paulina Hobratschk als Barbara Bruckner/Die Pelz, Tobias Schormann als Hans NIklas, Florian Heise als “Der Professor/Der Propagandaminister

Der gefallene Engel ist jederzeit unter uns

Schauspieler sind wie Glühwürmchen

So sollte man hier die Rolle des Mephisto in dieser Aufführung betrachten, in der zum Auftakt und Ende der große Schauspieler streng von gesichtslosen Bürgern nach seiner Ehre und Zivilcourage auf seinem glänzenden Weg zum Erfolg befragt wird, und der entsprechend geschickt die Klippen von Moral und Karriere umgehend, die Rolle der Kunst und die Verpflichtung des Künstlers ihr gegenüber in den Vordergrund stellt. Hagen Bähr ist ein großer, schlanker Hendrik Höfgen, somit äußerlich der Figur des Gustav Gründgens adäquat. Auch die Maske, die grinsend teuflische, ist  seither original und zeigt die verzerrte oder schmeichelnde Mimik in all den charakterlichen Facetten, die für seine politische und mentale Entwicklung stehen. Und er entspricht hier natürlich dem umstrittenen und berühmten Intendanten der Berliner Nazizeit, aber auch den Intentionen des sensibleren Autors: er zeigt berührend seine empfindsame wie auch vom Ehrgeiz zerrissene Seite, wenn er, noch in seiner Unsicherheit als junger Schauspieler, die Kollegen aus der gemeinsamen Zeit im Hamburger Künstlertheater als seinesgleichen behandelt, ihnen in ihrem Eifer ihres sozialistischen Engagements emotional durchaus ehrlich folgt, aber als er die Konsequenz für sein eigene Karriere bemerkt, den schlaffen Rückzieher macht. Das ist  treffend dargestellt.

Und auch sein verräterischer Egotripp, als er sich bei der klugen Schauspielerin Dora Martin als Bewunderer einschmeichelt und später, wider Willen, sich an Lotte Lindenthal, die Geliebte des Fliegergenerals, hängt, deren Nützlichkeit und Anhänglichkeit schmeichelnd für sich zu nutzen versteht. Dass Dora Martin (Elisabeth Bergner?) ihn nach Berlin zieht, kann wohl jeder nach vollziehen, der um die Anziehungskraft diese Frau weiß. Für die Oldenburger Grand Dame Caroline Nagel eine wunderbare Rollen als zarte, sichere, leise und ungewöhnliche First Lady der Bühne und danach als naiv-dümmliche Ehefrau, die ihren Reichsmarschall (Andreas Spanmiol) geschickt zu umgarnen versteht. Matthias Kleinert kann  sich in seinen verschiedenen Rollen angepasst zeigen, als er sich auch als Oscar, einstmals in Hamburg Chef von Höfgen, nur matt gegen dessen eifersüchtige Attacken zu wehren versteht. Denn dieser kann durchaus den Konflikt zwischen steiler Karriere und schwankender Moral zugunsten seines Egos unbeirrt jeweils für sich entscheiden. Angesichts seiner vorstellbaren, dennoch begrenzten Einflussnahme und der absoluten Spitzenposition unter allen im Reich verbliebenen Schauspielern ist seine absolute Egozentrik – und ein gleichermaßen feiges Verhalten ein wahres Trauerspiel.

Alle anderen Romanhelden haben es, der großen Kürzungen des Romanvorlage wegen, schwerer, ihre historischen Rollen sichtbar zu machen. Franziska Werner als Ottilie, ist eine sanfte, um Ausgleich bemühte Kollegin und zeigt in unaufdringlicher Präsenz wie eine tapfere und tuffe Revolutionärin ihre Leidenschaft und Überzeugung mit allen Konsequenzen trägt und sich konziliant bemüht, die durch die Nazis aufkommenden Gefahren zu verdeutlichen. Sie wird allerdings trotz Höfkens ehrlichen Bemühens, bei  dem eiskalten Minister für sie Gnade zu erwirken, ihrem Schicksal nicht entkommen.

Ihre Gegenpart ist der junge Hans Miklas, überzeugt von der Notwendigkeit mit der gegenwärtigen Politik Schluss zu machen und eine neue Gesellschaft mit alten Werten zu etablieren, wird er in seinem Fanatismus ernüchtert als er hinter die Kulissen der neuen Macht blickt und sich gegen deren Willkür und unmenschliche Handlungen empört. Tobias Schormann gestaltet diese Rolle mit leidenschaftlicher, dramatischer Überzeugungskraft. Er wird vom Mitläufer zum Gegner und daher für die Herrschenden nicht brauchbar sein.

Dora Martin allerdings wird rechtzeitig als Jüdin nach Amerika auswandern, und die Welt dort wird ihr zu Füßen liegen. Von reizender Unschuld und ungestümer Begeisterung ist die junge Barbara, (Paulina Hobratschk) die zunächst tapfer gegen alle Gefühlskälte des frisch angetrauten Ehemannes ankämpft, bevor sie sich wieder in ihrer großbürgerliche Familie (Erika Mann) zurückzieht – und Höfgen hier nur kurz in die Rolle seiner Partnerschaft mit seinem Masseur Julian schlüpft, bevor er diesen gnadenlos ins Pariser Exil schickt.

Der Fokus der Aufführung und Inszenierung liegt sicherlich in erster Linie auf den Charakteren jener Zeit und jener großen künstlerischen Energie, mit der sie für ihre Freiheit kämpfen. Aber auch natürlich ist es eine persönliche Auseinandersetzung zwischen Klaus Mann mit dem Machtmißbrauch eines großen Schauspielers wie Gustav Gründgens, eine hochaktuelle Mahnung an die diabolische Kraft der rhetorisch gewandten teuflischen Propaganda- und Überzeugungskünste, die jederzeit wieder aufflackern können. Dass der Künstler hier nur als Beispiel steht und ja überdies als späterer Generalintendant aller Berliner Bühnen wohl die Autorität gehabt hat, vielen Menschen die Existenz zu retten, aber oft eben auch nicht den Mut, weil er den Preis für seine Narren-Freiheit sehr genau kannte, sollte dabei nicht darüber hinweg täuschen, dass es nicht nur ein Einzelner ist, der den Lauf des Schicksals bestimmt. Es sind tausend und abertausend Mitläufer, die blind sind. Ob das Theater sie sehend macht, ist eine andere Frage.

Die Bühne teilt ein glitzernder Varietèvorhang für Abgang und  Auftritt der noch jugendlichen Schauspieler. Später wird er mit grauen Tönen und grellen Lichteffekte den unaufhaltsamen Aufstieg des “Arturo Ui” (s.Bert Brecht) begleiten und die mit Stacheln umspannte Figur mit zerrupftem Schwanengefieder in den Himmel schicken. Wir wissen, wie Mephisto bei “Faust” Gott herausfordert, indem er die derzeitige Schwäche der Menschheit für sich nutzen möchte. Die böse Karikatur des gefallenen Engels, der in den Himmel aufsteigt, hat zündende Kraft. Der Terror aller faschistoiden Systeme umgibt uns zurzeit mit einem Mantel der angeblichen Demokratie, den wir ohnmächtig mit- und ertragen.

Herzlicher Beifall für ein aktuelles Politdrama und ein künstlerisches Porträt, das zu denken gibt. A.C.

Wie man eine Inszenierung sehen und beurteilen könnte:

Es empfiehlt sich natürlich, wenn möglich, vorab die Vorlage, den Roman, die Erzählung o.ä. zu kennen; auch ein Programmheft, das man hernach lesen sollte, sowie die Anhörung der Einführung durch ein Ensemblemitglied, das viel über das Stück und den Autor erzählt, aber selten etwas über die Inszenierung. Es ist sinnvoll, die Aufführung über alle Sinne aufzunehmen, auch bei Schauspielen die begleitende Musik, die Rolle der Lichtführung einzuordnen und sich zunächst ein emotionales Urteil zu bilden. Die Aufführung mit Hilfe des Programms und evtl. mit anderen Kritiken zu analysieren, kann schließlich zu einer differenzierten Meinung führen. All diese Schritte tragen dazu bei, noch sehr viel mehr Gewinn aus dem erlebten Theaterstück oder Opernabend zu ziehen. Wobei zu bedenken wäre, dass den Schauspielern, die jeden Abend ihr Bestes geben, immer der angemessene Beifall zu zollen wäre. Zu beachten ist auch, dass der Künstler für die Einfälle des Regisseurs nicht verantwortlich und seine Interpretation der Rolle beziehungsweise seine Darstellung nicht allein von seiner eigenen Interpretation abhängig ist.

Zur Veranschaulichung die Empfehlung, auf der Mediathek von SAT 3 die Münchner Inszenierung des „Mephisto“ (2025) anzuschauen, im Rahmen des Berliner Theatertreffens.

 

 

 

 

 

 

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