Lady Macbeth von Mzensk,B

von Dimitri D. Schostakovitsch, Oper in vier Akten (1934) nach einer Erzählung von Nikolai S. Leskow, Librettovon Aleksandr G.Preis

Komische Oper, Berlin, 2026

Musikalische Leitung: James Gaffigan, Inszenierung Barrie Kosky, Dramaturgie: Daniel Andrés EberhardBühnenbild Ruus Didwiszus, Kostüme: Victoria Behr, Chöre: David Cavelius, Licht: Olaf Freese,
Komparserie, Chorslisten und Orchester der Komischen Oper Berlin

mit: Dmitry Ulyanov als Boris, ausbeuterischer und brutaler Kaufmann und Vater des Sinowi, von Elmar Gilbertson gespielt; Ambur Braid als Katerina, dessen Frau und Lady von Mzensk, Sean Panikar als deren Liebhaber Sergej, Mirka Wagner als Magd Aksinjy, Caspar Krieger als lumpiger Verräter, Dimitry Ivashchenko als versoffener Pope, Marcell Bakonyi als korrupter Polizeichef, Susan Zarrabi als Sonjetka, Zwangsarbetiern und Rivalin Katerinas, Stephen Bronk als gutmütiger alter Zwangsarbeiter, Leisa Maayeshi als Zwangsarbeiterin. (Mitglied des Opernstudios).

 

Der Mensch ist des Menschen Wolf

Eine graue Wand, ein grauer Boden, ein großes Bett, spartanischer geht es nicht, und das ist genau die Atmospphäre jener Tage der tristen Daseins von ausgebeutete Leibeigenen, kleinen Leuten und versklavten Frauen und Ehefrauen. Das ist die Welt, die Stalin nicht ertragen konnte, weil er sie nach seiner Utopie ändern wollte, sie aber nach und nach mit Todesurteilen, Verbannungen und Verboten vollends zestörte. Als Schostakovitsch die “Lady” komponierte, war er vielleicht zu jung und naiv, obwohl gerade seine 1930 uraufgeführte urkomische “Nase” nach Gogol wohl erfolgreich, aber nicht unkritisiert geblieben war und bereits das Stigma des Formalismus und bürgerlich-dekadenten trug,  er war gerade 24 Jahre alt, frisch verheiratet und wahrscheinlich ziemlich verliebt. Denn dass diese bombastische, explosive, dramatisch vernichtende wie erotisch aufflammende Musik einen dermaßen lebensverneinenden Egomanen wie Stalin nicht begeistern würde, hätte er wissen müssen. Und so komponierte und inszenierte er in sein lebenslanges Unglück direkt hinein.

Nie wieder würde er diese große Oper nach dem vernichtenden Urteil Stalins wieder aufführen und fortan unter dem Damoklesschwert der angedróhten Verhaftung leben, falls er sich nicht an die Vorgabe einer musikalischen Dokrin in Sinne des  “Sozialisitschen Realismus” halten würde.  Dies waren Volksverbundenheit, Traditon, der neue Mensch im Sozialismus, Parteigehorsam, optimistischer Patriotismus und so weiter und so weiter.  Doch Schostakowitsch war ein Genie, hilflos ergeben zwar unter ständiger Todesdrohung, aber unbezwingbar ließ er in beinahe all seiner “gehorsamen” kompositonen den moderne Stil einfließen; immer könnte hören, wer wollte und etwas von Musik verstand, wie intelligent und unbezwingbar der Komponist die moderne Zeit im Stil Strawinskis und  anderer großer Kollegen im Westen der Welt in seine eigenen Schöpfungen einfließen ließ.

Was also machte diese Lady Macbeth so wütend, so verbittert und so erbarmunslos? Wer Koskies jüngste Inszenierung erlebt hat, die ja in diesem Januar erst Premiere feierte, wird jäh die Gefährlichkeit, die sich in dieser Musik verströmt, am eigenen Leib erfahren haben. Die Oper ist eine ungeheuerliche Herausforderung in iher Klangvielfalt -von der zärtlichsten, behutsamsten Empfindung und  leuchtender Hingabe bis zur brutalsten Vernichtungs- und Zestörungswut eines Regimes in einer Zeit der Gnadenlosigkeit. Denn so wie der Schwiegervater Boris die sich nach Liebe sehnenden Katerina bewacht und drangsaliert, so wie er sich als Ausbeuter seiner Arbeiter gebärdet, wie er die Schwiegertochter beabsichtigt zu verführen, um einen Erben für den Geschäft zu zeugen, wie er er ohne jede Gnade und wie bessen den ertappten Liebhaber Katerinas, Sergej, prügeln läßt und in in den Tod treiben will, wie er wissentlich duldet, dass die Magd des Hauses von der skrupellosen Männerhorde vergewaltigt wird – das scheint beinahe ein Spiegelbild der herrschen Machtinstanz zu sein. Dimitry Ulyanov ist ein großartiger Wüterich und Tyrann mit einer bassdröhnenden gefährlichen Strahlkraft. Und Katerina ist in dieser Inszenierung die ihm entgegengesetzte Kraft, unbeugsam, grausam, getrieben von Todesfurcht, Wut, Hass und – Liebe, wird sie zur dreifachen Mörderin. Und die Gesellschaft, der Priester, die Arbeiterinnen und Arbeiter – sie sind ein elendes Pack, das, um die eigene Haut zu retten, stets auf der Seite der Macht stehen, selbst ohne Mut und ohne Hoffnung auf eine würdiges Leben.
Im Gegenteil: sie werden als Mitläufer der Kaufmannsfrau, die den Schwiegervater und den Gatten umbringt, in die Verbannung gehen. Es gibt wohl keine größere Traurigkeit und Trostlosigkeit als diesen letzten Akt der Oper.

Dass sich Sergej als Frauenheld schadlos an der erotisch verhungerten Katarina hält, ist ihr Glück und ihr Leid zugleich. In der geballten Gefühlswucht, die sie an ihn bindet, ist sie so mächtig und autark, wenn auch nur durch die enge und begreznte Möglichkeit einer Befreiung vom Joch der freudlosen Ehe und dem bislang unerfüllten Lebenshunger.

Seam Panikkar zeigt als Sergej, der als neuer Arbeiter auf den Hof kam, zunächst eine werbende sympathische Männlichkeit und verständliche Hilfsbereitschaft, in dem er Katerina hilft, den sie prügelnden Ehemann zu erdrosseln, sich selbst aber dabei als künftigen Hausherrn und Ehemann sieht. Katerina ist ihm widerstandslos ergeben, und ihr kurzes Glück scheint vollkommen, sieht man von der Bürde der sie angstvoll plagenden Reue einmal ab. Ambur Brais kann stimmlich zaubern und verzaubern. Bereits zu Beginn, als sie über die Armseligkeit ihres Dasiens, über Langeweile klagt, schleicht sich diese durch die graue Luft und lähmt alles Lebendige. Und wenn sie wütet oder liebt, leidet oder brennt gleicht sie einer Königin, stolz, ungebrochen, aufrecht und konsequnet verteidigend, was sie sich erobert hat.

Das Chor-Volk ist gnadenlos, ebenso wie Sergej, der Katerinas sehr schnell auf dem Marsch nach Sibirien überdrüssig geworden ist. Die orchestrale Führung und Ausformung der gnadenlos aufpeitschenden Gefühle ebenso wie die auch aller Sinnlichkeit zärtlich und sanft gerechtwerdenden Musiker zeigt eine Welt, der man nur den Untergang wünschen kann, damit sich eine neue Menschheit wie Phönix aus der Asche erheben kann. Stalin und Genossen hatten sich das wohl auch so vorgestellt, aber mit teuflischen Terrormethoden unsagbarem Unheil bis in die Zukunft hinein die Bahn gebrochen. A.C.

 

 

 

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