Nurejew, B

 Musik von Ilya Demutsky

Staatsballett Berlin / Deutsche Oper Berlin

Premiere: 21. März 2026 

Inszenierung und Bühne: Kirill Serebrennikov, Choreografiertz von Yuri Possokhov und Ilya Demutsky
Musikalische Leitung: Dominic Limburg, Kostüme Elena Zeyrseva, Video Ilya Shagalov, Licht Daniil Moskovich, 

Mit: Martin ten Kortenaar als Jurejew, Matthew Knight als sein Schüler, Aurora Dickie als “die Diva”, Marina Duarte als Die Ballerina,Cohne Aitchison Duarte alsErik, Haruka Sassa als Ma<rgot; Schauspeiler: Odin Lund Biron, Mezzosopran Aleksandra Meteleva, Baritom Joel Allison, Countertenor Iwan Borodulin, Harte Joel von Lerber, Cenmbalo/Klavier PedroSanchez, Saxophon Nico Zeidler, Contrabass Sebastian Molsen, Persussion Rüdiger Ruppertu. Ensemble, insgesamt 140 Mitwirkende bei dieser Mammutinszenierung, die auch in der arte mediathek zu sehen ist.

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Diese Inszenierung des bedeutenden russischen Choreographen Kirill Serebrennikov wurde in Russland verboten.Sie war für das Regime zu politisch, zu persönlich, zu modern, und der Startänzer Rudolf Nurejew (1938-1993) , seine Karriere, seine Flucht aus Russland, des “Verrats an seinem Heimatland” bis heute bezichtigt und daher geächtet. Seine glänzende steile Karriere im Exil und seine persönlichen Vorlieben, extravagant und lebensgefährlich, bedeuten noch heute für die Russen eine gefärhliche moralische und sittliche Herausforderung.
Nun, so wurde das Werk in Berlin, an der Deutschen Oper vom eigenen Ballett, großartigen Tänzerinnen und Tänzern, Musikern und Darstellern einem jubelnden Publikum vorgestellt, getanzt und, gespielt. Es ist eine Reise nach Belrin allemal wert!

Es ist spannend, großformatig angelegt, weitläufig und von großer künstlerischer Kraft und Ausstrahlung. Die Geschichte von Nurejews Langeweile im sowjetischen täglichen tänzerischen Einerlei angefangen, bis hin zu seinem Tode, den er selbst als Requeim choreografierte und zuletzt auch selbst dirigierte – ist eingebettet in eine skurrile Auktion der wertvollen Hinterlassenschaft des eitlen und reichen Tänzers (wohl nach einer Anregung von John Neumeiers Ballett “Die Kameliendame”, di er auch mit einer Auktion  des Besitzes von Marguerite Gautiers nach ihrem Tod beginnt): Kostbarste Gobelins,Teppiche, antiquarische wertvollste Möbel, Deko-Design nach eigem Gusto und natürlich seine glänzenden kapriziösen Kostüme für alle seine Ballette werden von einem Auktionator zweisprachig angeboten in einem Schwall großartigster Rhetorik, während das bietende reiche und fanatische Publikum tanzend den prächtigen Saal am Leben erhält. Videaufnahmen projiziieren die Fotografien der Kostbarkeiten an die Wand projeziieren. Die glitzernde Kostümpracht in großen Glasvitrinen an den Seitenwänden aufgetellt, ist eine attraktive Dekoration.

Da die Versteigerung in eben dieser Auswahl Nurejews künstlerischem Werdegang folgt, spielt sich auf  der Bühne abschnittsweise der Rückblick auf die Zeit in der Wagaanova Schule, in Leningrad und am Kirow-Theater ab, wo reizende junge Eleven sich auf lebendige Trainingsheiten konzentrieren, aber für den herausragenden ersten Tänzer ist das merklich und sichtbar fast eine Banalität, eine Beleiduung für den Nachwuchs. Aber auch verständlich, wie sehr ihn der künstlerische Stillstand langweilt. Unwillig hebt er die ihn umschwirrende Tänzerin zu ein paar Hebesprungen an, um sich dann schmollend in eine Ecke, ans Fenster oder an die Übungnstange zu begeben, sehr elegant, tänzerisch haushoch überlegen, aber vielleicht doch nicht so sehr kollegial?

Doch ein Genie darf und kann sich das selbst im Sowjetstaat herausnehmen, solange er bei der Stange bleibt, auch und vor allem im politischen Sinn. Noch hängen Lenin und Stalin an der Wand, und die Choreografie ist reizend, aber immer statisch und in sich wiederholenden Figuren ohne große Überraschung. Ganz schrecklich mutet das verwöhnte Auge die Darbietung zur volkstümlichen Verherrlichung der Heimat der Komsomol Jugend an. Da läuft einem dann doch ein Schauer über den Rücken. Welch Talente sind einst wie heute dort unter der Knute der Bolschoi Tradition geformt oder verformt, ohne Aussicht auf eine freie Entfaltung ihrer Talente.

Dann folgt die Übernahme Nurejews anläßich eines Besuchs der Compagnie in Paris, an dem Nurejew wegen schlechten Betragens eigeltich gar nicht hätte teilnehmen sollen. Und er begibt sich sogleich in das Nachtleben, in die Freiheit der ausgefallenen Tanzvergnügungen, ist fasziniert von den schrägen Drag Queens, von den Damen der Coctailpartie, den Herren Paparazzi und den eleganten Pariser Walzerformationen, Paare, die schwebend über das Parkett gleiten.Die Freiheit gibt dem gebürtigen Tataren endlich die Möglichkeiten neuer, unendlicher Vielfalt der Formationen, seine Visionen und Vorstellungen des absolutenKörperlöichen Ausdrucks auszuprobieren, mit neuen Inhalten zu füllen, selbst eine Beziehung mit Erik Bruhn als Partner und Lebensgefährten einzugehen.

Die viellicht köstlichste Szene, und trefflich gespielt von den hiesigen Künstlern, ist die nervige Fotosession mit dem unermüdlich daherplappendenden  New Yorker Starfotografrn Richardd Avedon  , der dem völlig überforderten Nurejew “vor allem Natürlichkeit” aufzwingen will, damit seine Aufnahmen dementsprechende Lockerheit ausstrahlen.Schnappschüsse der Echtzeit mit Nurejew, nicht unbedingt jugendfrei, huschen über die Wände, während sich sein Double auf der Bühne aller Kleider entledigt und nun ganz natürlich und splitterfasernackt vor dem Aufnahmeteam steht. Bei der amerikanischen Prüderie vor allem im Schockzustand. Ein typischer narzistischer Affekt: Martin ten Kortenaar tanzt weiterhin verschiedene Pas, gehüllt und verhüllt im langen Pelzmantel, den er zur Hälfe mit einer Hand vor den Körper hält, während er mit der freien Hand lässig veschiedene Ballerinen in die luft wirft, andere geschickt über das Parkett begleitet. Das ist wohl Nurejew pur, exzentrisch, eitel, aber großartig, alle übertrumpfend.

Es wechseln zwischen den Auktionen auch die Zeiten: Nurejews Entwicklung schreitet voran, er wird immer sensibler, eigenwilliger und ausgefallener, aber immer von einzigartiger Ausstrahlung und Qualität. Das “Animalische” so sagt man, ist die ihm einzig eigene Wesensart. Keiner seiner großen russischen Kollegen wie Vaslav Nijinsky und MIkhail Baryshnikov sollen diese  unverwechselbare Persönlichkeit, diese einzigartige Ausstrahlung gehabt haben. Und er nutze sie, kreierte unglaubliche schöne und aqusgefallene Ballete in denen er sich als Sonnenkäönig aalte oder in der großen Galadarbietung im 2. Akt in Ausschnitten aus Raymonda, Don Quixote und Schwanensee. Der Höhepunkt aber ist der hinreißende Pas de deux mit Motiven aus Frederick Ashtons Marguerite and Armand (mit der Chaiselonge aus der Londoner Produktion), in der Iana Sallenko als Margot Fonteyn und David Soares in der Titelrolle tanzen. Und die von allen Berlinern geliebte Polina Semionova tritt als “die Diva” auf, der großen Natalia Makarova, zu erkennen an ihr  um den Kpof geschlungenes Tuch und ihrer exzentrischen Körpersprache.

Aber, wenn es erlaubt ist, für mich ist der brasilianische Tänzer Martin ten Kortenaar der unübertroffene Star, der bereits am Bolschoi Theater auch die Eigenarten Nurejews studierte. Er ist im permanenten Einsatz, hebt, tanzt, korrigiert, wechselt  das Kostüm, beherrscht jedes Paar, jeden Teileinsatz der Kompagnie. Die Choreografie Nurejews für Minkus` Ballett “Die Bajadére”, in Paris 1992, ist eine fantastische Wiedererweckung. Doch das Finale berührt als baldiger Abschied. “Das Königreich der Schatten”, in dem die Tänzerinnen unendliche Arabesques penchés tanzen, ist der Höhepunkt der Aufführung, vielleicht auch, weil es bereits die letzten Lebensjahre des an Aids erkrankten Tänzers voraussagt. und die letzte Choreografie von Possokhov alle Tänzerinnen und nun auch die hinzugefügten Tänzer in beeindruckenden Formationen immer langsamer und leiser werden, bis sie am Ende alle leblos zu Boden sinken, während Nurejew/van Kortenaar mit weißem Turban müde die letzten Takte dirigierend begleitet bis die Musik erlischt. Ein Requiem für ein Genie, einen Weltstar, der seinen frühen Tod wohl hätte vermeiden können. Aber ein Mensch mit solch einem auf Hochtouren pulsierenden Motor in Herz und Hirn mußte sein Leben wohl so exzessiv leben, um einem inneren Antrieb zu gehorchen. A.C.

Wer sich mit diesem Thema auseinandersetzen möchte, dem sei im Berliner Ensemble die ausgezeichnete Inszenierung von Oscar Wildes “Das Bildnis des Dorian Gray” empfohlen!

 

 

 

 

 

  

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