Pelléas und Melisande

 

von Claude Debussy (1862-1918)
Libretto von Maurice Maeterlinck

Deutsche Oper
Wiederaufnahme
Drame lyrique in 5 Akten und 12 Bildern
(Uraufführung am 30. April 1902 in Paris
Premiere an der Deutschen Oper Berlin am 10. Oktober 2004)

Musikalische Leitung Donald Runnicles | Inszenierung, Bühne, Licht Marco Arturo Marelli | Kostüme Dagmar Niefind | Chöre Thomas Richter
Mit Stephen Bronk, Liane Keegan, Will Hartmann, Laurent Naouri, Jana Kurucová, Rinnat Moriah, Krzysztof Szumanski; Chor und Orchester der Deutschen Oper Berlin

 

 

 

Der Untergang des Hauses Allemonde

Erzählt wird der Untergang des Hauses Allemonde. Vier Generationen sind durch Krankheit, Tod und Stillstand eng verknüpft. Alle Hoffnung eines Fortbestehens der Familie knüpft sich an die junge schöne Melisande, die der Sohn des siechen Königs von Allemonde, Golaud, eines Tages im Wald findet und zu seiner Frau nimmt. Als er sie in die elterliche düstere Schloss-Burg bringt, verliebt sich sein sehr viel jüngerer Halbbruder Pelléas in die kindliche Melisande, und das Liebesdrama eskaliert im klassischen Dreieckskonflikt, verarbeitet in einem drame lyrique in fünf Akten und 12 Bildern; ein enigmatisches und offenes Werk voll überirdisch schwebender Musik. 

Dabei könnte man es schon bewenden lassen, wenn nicht mit dieser symphonischen Erzählung neue Pfade des modernen Musiktheaters eingeschlagen würden, die seinerzeit das Publikum mit einer völlig neuartigen Harmonie zwischen Handlung, Musik und Bühnenkomposition überraschten. Den Mitwirkenden an dieser Inszenierung ist es in der Tat wohl in höchst sensiblem Zusammenspiel gelungen, ein Märchenbuch aufzuschlagen, das Seite für Seite selbst durch das dunkelste Grüngrau der hohen Mauern des Burginneren noch Sonnenkegel durchfluten läßt. So bricht sich durch das Unheimliche einer Endzeitstimmung immer wieder eine neue Helligkeit wie aus einer ferner Galaxie und durchwärmt die unglücklichen Menschen, die in einer dahinsiechenden Dynastie und einem notleidenden Land leben, mit neuer Hoffnung. In ihrer menschlichen Begrenzung, einen Ausweg aus der Enge zu finden, verirren sie sich in ihren Leidenschaften und Utopien und bleiben letztlich in ihrer Unfähigkeit gefangen, die inneren Schranken zu überwinden und das geheimnisvolle Fremde zu akzeptieren, um die Unschuld – hier symbolisiert in Melisande und dem kleinen Sohn von Golaud – als ein Zeichen für einen neuen Weg anzunehmen.

Für das düster-poetische Märchen von Maurice Maeterlinck hat der Regisseur und Bühnenbildner Marco Arturo Marelli einen riesigen, unterirdischen See mit 60 000 Litern Wasser eingerichtet, auf dem Boote dahin gleiten und Lichtreflexe tanzen. Ein geschicktes Spiel mit Licht und Schatten. Die Menschen, alt und jung aus vier Generationen, werden wie in alter Genremalerei zuweilen nur von der Seite beleuchtet: eine dunkle, eine lichte Seite – des Menschen Güte und Angst, seine Unbedachtheit und sein kindlicher Leichtsinn, der Golaud letztlich in die tiefste Verzweiflung treibt, weil ihn seine Unsicherheit und seine Eifersucht mit blindem Wahn nähren. Laurent Naouri spielt diesen kraftvollen, vitalen und doch emotional so zerbrechlichen Mann in reiferen Jahren, der nach dem Tode seiner ersten Frau nun hofft, wieder Halt in der geliebten Melisande zu finden. Kraftvoll und einnehmend sind Statur und Stimmgewalt. Tragisch berührt am Ende seine Unfähigkeit, der Selbstzerstörung Einhalt zu gebieten und die Zartheit, mit der ein letztes Mal die Liebe seiner Frau erfleht. .

Im frühen Morgendunst hat Golaud sich auf der Jagd im Wald verirrt und trifft auf eine schöne Unbekannte. Über dem Waldsee schwebt wie ein Schleier ein leichter Morgendunst, und am Felsen verbirgt sich eine lichte Gestalt, die den Fragen nach ihrer Person und ihrer Vergangenheit mysteriös ausweicht, deren faszinierende Fremdheit und anmutige Weiblichkeit jedoch den Jäger in ihren Bann schlagen. Eine Krone schlug sie aus, sie liege auf dem Grund des Wassers – leicht hysterisch reagiert Melisande als Golaud sie herausfischen will. Die versunkene Krone symbolisiert die Königswürde, die sie verlor, und die sie wieder verlieren wird, denn das Glück der beiden dauert nur solange, bis die liebreizende Kind-Frau in der Burg ihres Mannes seinem jüngeren Bruder und “Spielgefährten” Pelléas begegnet, mit dem sie die heiteren, hellen Stunden des Tages am Meer verbringt, tändelnd, scherzend, flirtend verbringt.

Zwei alte Männer, die viel zu alt und klapprig als Vater und Großvater in gleicher Weise maskiert sind, stehen der Jugend gegenüber, der sie weise Wünsche und eine wunderbare Zukunft verheißen, doch ihr Optimismus bleibt blinde Weltferne. Die Visionen des Großvaters (Stephen Bronk) tönen mit tief dröhnender Eindringlichkeit durch die verliesartigen Mauern, verlieren sich in der beklemmenden Realität, denn das Wasser bleibt trotz der Heiterkeit der immerfort fließenden Sonnenschimmer in seinem riesigen Bühnenbassin dunkel, beinahe schwarz.

Und doch überwiegt nicht die Schwermut, das Leid, die Tragik, sondern die Vertonung  weicht von der geballten Dramatik eines Wagnerianischen Götterepos oder der von Verdi dramatisierten große Menschheitsgeschichte Shakespeares – für die damalige Zeit – geradezu revolutionär ab. Der dramatische Tonfall ist einer natürlichen “Unterhaltung” gewichen, der Debussy den Vorwurf der “Monotonen Deklamation” einbrachte. Denn leichthändig, irisierend, schimmernd, wie das Licht ergießen sich die Klangformen und Orchestervariationen,  die den Menschen  in seinen Gefühlseskapaden, seiner Liebe, seinem ungebändigten Zorn, unglücklichen Irrwegen begleiten. Als ein Teil der Menschheitsgeschichte beschreibt dieses “Buch” Eifersucht, Liebe, Mord, Bild für Bild, erklärt und beleuchtet die sich zuspitzende, dramatische Handlung. Die Töne schwingen sanft der wellenförmig sich fortragenden Stimmung, die dunklen Streicher grundieren die Düsternis des Daseins, die hellen Blasinstrumente verleihen der Erdenschwere jene traumwandlerische Seeligkeit der Liebenden
Dezent angedeutet sind die persönlichen Leidenschaften, gedämpft die Farben wie die Töne, rhythmisch ausgewogen und angleichend, nur in den wirklich schweren dramatischen Schlussbildern, als Golaud noch immer in fast wimmernden feinsten und zartesten Tönen um eine Gewissheit, die es nicht gab und gibt, ringt und fleht, um dann jähzornig wieder aufzuflammen und die beinahe schon nicht mehr unter den Leben weilende Melisande noch einmal mit aller Brutalität zu attackieren, da flammt auch die Musik zornig und glutvoll auf, läßt keinen Zweifel am Wahnsinn dieses Mannes. Jana Kurucová betört als lichter und leuchtender Gegenpart. Ihr wundervoll glockenreiner Sopran erklingt wie aus einer anderen Sphäre. Psalmierend klagend und lockend zugleich durchbricht er die Dunkelheit dieser aussterbenden Familie noch einmal wie die diffusen Sonnenstrahlen, die wie bei Lionel Feiningers Kathedralen staubfein leuchten. Ans Herz rührt die kindliche Anmut und Scham des jungen Yniold (Rinnat Moriah), der unter der unbeherrschten Eifersucht des Vaters die geliebte neue Freundin und Mutter und den Onkel bespitzeln muss. Für Pelléas, den jüngeren Halbbruder Golauds, ist es die gewohnte Partie des hoffnungslos liebenden, werbenden, in Leidenschaft schließlich todesbereiten jungen Helden, den Will Hartmann mit der  “spielerischen Poesie” und schwärmerischen Unbedachtheit der Jugend verkörpert. Er ist es, der zunächst in voller Unschuld ein bisschen Glück in das triste Dasein der unglücklichen Melisande bringt.

Da muss man dann am Ende auch wohl ein Kritikerauge zudrücken, wenn sich die Tote als Lichtgestalt amerikanischem Kinokitsch nähert, und sie wie eine Madonna auf dem kleinen Ruderboot von jungen Mädchen in Kleidchen der 60er Jahre ins gleißende Jenseits geschoben wird, während ihr früh geborenes Mädchen von seinem Halbbruder liebevoll auf den Armen fortgetragen wird. Das ist dann alles doch ein wenig zuviel des Guten. A.C.

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