Prinz Friedrich von Homburg

von Heinrich von Kleist (1777 -1811)
1821 uraufgeführt in Wien

Deutsches Theater

Regie und Bühne: Andreas Kriegenburg, Kostüme: Andrea Schraad, Dramaturgie: Juliane Koepp

mit: Ole Lagerpusch, Barbara Heynen, Judith Hofmann, Jörg Pose, Johannes Schäfer, Bernd Stempel

 

 

Alles verwässert

An mehreren Abenden fiel die Vorstellung des “Prinz von Homburg” aus – wegen Krankheit. Man konnte nebenan in eine Inszenierung an den Kammerspielen ausweichen oder sich einen neuen Termin geben lassen. Der Grund lag auf der Hand, beziehungsweise im Wasser: Denn die sechs Darsteller müssen anderthalb pausenlose Stunden lang nicht nur im Wasser herumpatschen, sondern sich auch noch darin wälzen und gegenseitig bespritzen, so dass die von Kopf bis Stiefel tropfenden Darsteller erbärmlichen Wasserratten ähneln. Das könnte auch als fahrlässige Körperverletzung bezeichnet werden. Leider sind diese Wasserspiele auf unseren Bühnen wohl zur Zeit die Regierenner!

Das Mitleid des Zuschauers ist den Schauspielern allerdings gewiss, ein schwacher Trost. Und auch die Ratlosigkeit: denn was sich da innerhalb eines feuerrot verkleideten geschlossenen Raum abspielt, ist zuweilen schon rein akustisch schwer verständlich. Erst, wenn die ebenfalls in roten Roben gekleideten und maskenweiß geschminkten Darsteller die Handlung nach vorne verlegen, wird alles zuweilen verständlicher, abgesehen von den Schreikaskaden des jungen Prinzen, sobald seine Gefühle ihn übermannen. Die hohe Halle soll nun wohl entweder sumpfiges Terrain bei Fehrbellin in der Mark darstellen, wo 1675 Brandenburg dem schwedischen Gegner eine blutige Schlacht lieferte, soll aber auch Gefängnis des Prinzen und Berliner Audienzsaal des Kurfürsten sein. An der Rückwand prangt das Symbol Brandenburgs, der rote Adler, nun als kontrastierende weiße Grafik. Alles andere rot, alles Blut, alles verstörend für Aug’ und Ohr.

Generationen grübeln seit Jahrhunderten über diesen vieldeutigen, poetisch aufbereiteten Konflikt nach, in dem Kleist zwischen unabdingbarer Treue zum Vaterland und damit den absoluten Gehorsam gegenüber dem Landesherrn die (verzichtbare) Liebe zum Leben, zum Menschen gegenüberstellt. Ist das Opfer akzeptabel, wenn es einem “höheren Ziel” dient, müssen dann  Ruhm, Menschlichkeit, Güte, Toleranz angesichts solch großer Wertmaßstäbe uneingeschränkt in den Hintergrund treten? Ist das Gesetz, das Kriegsgesetz, als allerhöchste Instanz zu begreifen, sind die preußisch strengen Tugenden wie Gehorsam, Pflichterfüllung und Selbstaufgabe der anzustrebende Gewinn, wird Gefolgsam mit dem Lorbeerkranz belohnt, aber jegliches eigenmächtige Handeln mit dem Tod bestraft?

Die Kenntnis der Handlung vorausgesetzt, kann man dem schnell wechselnden Spiel um Illusion, Kampfesgeist und eigener Verantwortung und deren unerbittlichen Konsequenzen folgen; wenn nicht, so empfiehlt sich eine ausgiebige Anschlusslektüre. In Kriegenburgs stark gestraffter Bühnenversion beginnt das seltsame Spiel um Gehorsam und Selbstbestimmung mit einem somnambulen Jüngling, den Ole Lagerpusch in guter Tradition aller jungen Bühnenhelden mimt: romantisch, versonnen, verliebt und fern aller Realität. Die steifen roten Figuren – der Kurfürst Friedrich Wilhelm, seine Gemahlin, seine Nichte Prinzessin Natalie von Oranien und Graf Hohenzollern treten mit Kandelabern auf den Nachwandelnden zu und ehren ihn mit einem Lorbeerkranz im Schein der Kerzen liebevoll-spöttisch als Helden der kommenden Schlacht. Als Homburg erwacht, sind die guten Geister, die Gesichter der Nacht, wieder verschwunden, ist er allein im Widerschein von Traum und Hoffnung. Ein Handschuh der Prinzessin ist ihm als Beweis für die Realität des Erlebten geblieben – für ihn ein Zeichen, das Natalie seine Liebe erwidert. Und während er, tief versonnen in sein Liebesglück, die Instruktionen des Kurfürsten nur mit halber Aufmerksamkeit vernimmt, hämmert ihm sein besorgter Freund Hohenzollern streng die ganze Order ein, und es treten erste Zweifel an der militärischen Disziplin dieses jugendlichen Romantikers auf. Wie passt das alles zusammen?

Und weil dieser Prinz eben fern aller Wirklichkeit nur dem Moment lebt, ist ihm die Anweisung des Kurfürsten, erst bei ausdrücklichem Befehl mit seinen Reitern in die Schlacht einzugreifen, so fern wie der morgendliche Nebel, der die Kämpfenden verhüllt; denn als er sieht, wie gefährlich die Schweden auf das brandenburgische Herr einstürmen, greift er voreilig in den Kampf ein und rettet den Sieg für Brandenburg. Doch das Kriegsgericht verurteilt Friedrich, der noch eben Heldenruhm erwartete, zum Tode, weil er den kurfürstlichen Befehl ignorierte. Homburg, der Idealist, der Sieger, ist fassungslos, ungläubig und stürzt jäh in den Abgrund aller Illusionen, als er seinen Degen abliefern muss. Er ist jedoch voller Hoffnung, dass der verehrte Kurfürst ihn begnadigen werde – bis er eine zweite Hiobsnachricht erfährt: Natalie soll mit einem Mitglied des schwedischen Königshauses verheiratet werden, und als er zur Fürstin eilt, um für sein Leben zu bitten, sieht er am Wegesrand ein offenes Grab, dass er schon als das Seine phantasiert. Und nun erst begreift er die Realität.
Da gibt es unglaubliche Szenen, unglaubliche Worte – aber nur bei Kleist. Denn wie sich jetzt das Thema entfaltet, so zeitunvergänglich, so voll schwerer, tief greifender ethischer und politischer Fragen, greifen die Gedankengänge den Ereignissen und moralischen Beurteilungen nachfolgenden Zeiten in genialer Hellsicht vor. Und die sind weitaus umfangreicher als nur der Aspekt der Missachtung eines Befehls, wenn der Erfolg (der Sieg eines einzigen Tages, denn die Kämpfe werden ja fortgesetzt) die Tat rechtfertigt. Es bietet sich ein Hinweis auf den international geführten Kampfeinsatz gegen die Taliban in Afghanistan an, wo ein Einsatz der Bundeswehr 2009 als ein Handeln ohne politische Absicherung mit aller Härte verurteilt wurde!

Ob die Inszenierung diese Tiefgründigkeit aller ethischen und politischen Aspekte widerspiegelt, ist fraglich; denn verstörend sind nicht nur der eingekochte Text, Schall und Farbe, sondern auch die unerklärliche Fallsucht, das ekstatische Wühlen in den “Fluten”, die epileptischen Sturzanfälle der Kurfürstin (Judith Hofmann) und ihrer Ziehtochter Natalie (Barbara Heynen). Wer sich nicht wälzt, bleibt allerdings auch nicht lange trocken. Der Kurfürst von Jörg Pose zeigt sich als zwischen Neigung und Pflicht zerrissener Herrscher über Leben und Tod, über die Verbindung zweier junger Menschen, die ihm ans Herz gewachsen sind. Dermaßen gequält, muss er jedoch gesetzestreu steif und streng bleiben. Obrist Kottwitz, der den Prinzen wohl warnte, aber dann dessen Befehl doch ausführte, ist mit Bernd Stempel ausgezeichnet besetzt: Er strahlt eine bislang vermisste Würde aus, beweist sich als treuer Untertan in seiner Pflicht gegenüber Landesherrn und Vaterland.Durch seine Worte gewinnt plötzlich das ganze feuchte Spektakel an Nachhaltigkeit, weil er als Kleists Alter Ego unserer Zeit am nächsten steht: Wer dient eigentlich wem? Für wen steht das Vaterland, wer ist wem in welcher Weise gegenüber verpflichtet, und ist es nicht gleichermaßen auch Aufgabe des Staates, den Bürger zu schützen, für sein Wohl zu sorgen. Erst durch die ernste, stolze Deklamation von Stempel beginnen die Worte des Dramas zu leuchten und die Inszenierung zu fesseln.

Dass Briefe in die Hand diktiert und geschrieben werden, dass so großartige Monologe wie das Flehen Natalies um das Leben des geliebten Prinzen zwar das Herz des Kurfürsten erweichen und er einen wahrhaft Salomischen Ausweg findet – der Prinz soll selbst entscheiden, ob das Todesurteil gerechtfertigt ist oder nicht -, sich aber im Angesicht der pitschnassen Akteure nicht so recht einprägen wollen, ist schon ein schweres Manko der Inszenierung.  Denn wenn die Dramatik eine solch starke Symbolik einerseits anstrebt, andrerseits aber unter zu großer Reduzierung leidet und somit der Sinn des Stückes durch äußere Ablenkungen verwässert wird, dann sollte man alles erst einmal ins Trockene bringen  – und ins Reine. A.C.

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