Geschichte vom Soldaten

von Igor Strawinsky (1903-1971)
Oldenburgisches Staatstheater
Musikalische Leitung: Johannes Stert
Choreografie und Inszenierung: Roni Haver und Guy Weizman
Bühne: Club Guy & Roni
Kostüm: Slavna Martinovic
Licht: Wil Frikken
Dramaturgie: Verle van Overloop, Sebastian Hanusa

Kein Märchen, sondern ein Trauma

Kein märchenhaftes Sujet ist mehr zu bemerken, kein Jahrmarktsgetümmel verrät den volkstümlichen Charakter dieser Geschichte, auch sind gedachte mittelalterliche Motive von der dunklen leeren Bühne verbannt, die sich zunächst noch in ein von leichten Nebelschaden durchzogenes Dunkel hüllt – bis im Hintergrund eine schwarze Figur erkennbar wird, die sich schlangenartig um drei senkrechte Stäbe windet sowie ein junger Tänzer, der sich zur Musik des im Hintergrund placierten kleinen Orchesters vorstellt. Eine in schwarze Spitzen gehüllte, eher spanisch als russisch wirkende Dame wird sich expressiv und zunehmend ekstatisch dem verlorenen Heimkehrer nach einem kurzen Liebesakt widersetzen, sich dann aber kraftvoll dem Teufel entgegenstellen, der die Seele des Geliebten begehrt. Doch sie ist zu spät gekommen. Der Soldat hat sich in die Fänge des Teufels begeben und drei Jahre in seiner Lehre  verbracht. Er ist jedermann und auch sich selbst nun zum Fremdling geworden.

Die Geschichte, die Judith Herzberg am Oldenburgischen Staatstheater neu beschreibt, läuft hier etwas anders. Der Erzähler ist eine Frau, und die zitiert neue ungewohnte Wörter, fragmentierte Satzgebilde, kaum zu entwirrende bedeutungsschwere Wortfetzen. Sie erzählt nun kein Märchen mehr von einer Zaubergeige, einem gutmütigen Soldaten, der zunächst seiner Geldgier und später seinem Heimweh und damit den Tricks des Teufels erliegt. Sie verzichtet auch auf die Metapher der Wander- und Lehrjahre des Menschen, der sich dem schnellen Glück anvertraut und daran scheitern wird, sie erzählt nur von einem: vom Krieg, von der zerbrochenen Seele des Menschen, der sich nicht mehr im “Ich” zurechtfindet, der außerhalb seiner Identität steht, der aber auch zugleich (im Krieg) passiv ist (mich) und aktiv (ich) sein muss…

Wir kennen das Desaster seit Beckmann aus dem Krieg hilf- und heimatlos heimkehrte: Der Soldat ist nicht mehr derselbe wie einst. Der Teufel, die Inkarnation des Bösen, des Krieges, der, wenn nicht den Tod, doch immer unheilbare Wunden schlägt und die Schicksale der Menschen verändert. Entwurzelt, verwundet, als seelische und körperliche Krüppel kehren die Männer zurück und werden doch nicht mehr dort ankommen, wo sie einst zuhause gewesen sind.
Das Kriegstrauma, das Judith Herzberg der Choreographie anbietet und das sich hier nicht nur in der Musik Strawinskys, sondern auch in der von Franz Schubert widerspiegelt, verdichtet sich expressiv in den starken Figuren, Verrenkungen, Verzerrungen, Sprüngen und Stürzen in virtuoser Tanzqualität.

Geige, Kontrabass, Fagott, Klarinette, Trompete, Posaune, Schlagzeug und Klavier stellen die stark rhythmische und oft solistische Begleitung des tragischen Aufbegehrens der Tänzer: Aus einfachen einprägsamen Grundformen entwickeln sich vielstimmige, mal dem Jazz entnommene synkopische Tongebilde, denen sich die Ausdruckskunst  der Tänzer anpasst – und umgekehrt, Klar und streng, selbst wenn es um die bizarre Wirkung der Melodik, um Gefühle geht; der Marsch des Soldaten, die zärtlich-werbenden Tanzszenen, das wilde, mörderische  Ringen im Teufels-Couplet, der kämpferische Pas de Deux im Tango, Walzer und Ragtime, ja selbst der große Choral kennen keine erlösende Gnade.

Damit ergeht an die Künstler eine enorme Herausforderung, die sich vor einem atemlosen Publikum mit überwältigender Transparenz darbietet, wobei die akzentuiert gesetzten, brillanten tänzerischen Ausdrucksformen in beeindruckende artistische Spielleidenschaft übergehen. Langer Beifall an diesem Abend. A.C.

 

Nur wenige Schritte von einander entfernt ruhen zwei bedeutende russische Künstler auf der Friedhofsinsel San Michele in Venedig; der Eine, Igor Strawinsky, unter einem flachen rechteckigen blumengeschmückten Grabstein, neben seiner Frau; der andere unter einem stets auch mit Ballettutensilien dekorierten getürmten Grabmal: Sergei Djaghilew (1872-1929), Choreograph und Impressario des berühmten “Ballets russes”.   Männer, die Kunst und Künstler ihrer Zeit prägten und deren Erbe und Ruhm über die Zeiten hinaus bewahrten.  Über den Komponisten Rimsky-Korsakov hatten sich Strawinsky und Djaghilew 1909 kennengelernt und fortan in gemeinsamer Arbeit Erfolge u.a. mit dem Feuervogel,  Petruschka, Le sacre du printemps, später auch bei Pulcinella und Les Noces gefeiert. 

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


9 × sechs =