Phädra

Antikes Vollblutdrama um Liebe und Tod

Liebe in ihrer gefährlichsten, intensivsten, alles und jedes verschlingenden Form: Leidenschaft, die sich selbst und andere vernichtet, Völker zu Kriegen, Familien zu Rachefeldzügen, Angehörige in die Verzweiflung führt – und das alles seit Menschengedenken. Es gibt nur zwei wirkliche Themen im Leben und auf dem Theater: das sind die Liebe und der Tod, sagte in dem berühmten Literarischen Quartett des Deutschen Fernsehens einst der deutsche Literaturkritiker Marcel Reich Ranicky. Aber die Erkenntnis war nicht neu. Vor zweieinhalb tausend Jahren wussten die Dichter der Antike ebenso sehr um das große, damals noch unerklärbare Geheimnis der alles verschlingenden und vernichtenden großen Liebe und verewigten sie in Götterepen und Menschheitsdramen -und alle Dichter und Schriftsteller, die sich seither jener alten Tragödien bedienen, wissen nicht wesentlich mehr und Neues zu berichten. Nur für Schauspieler stellt diese in den Tod oder in die Isolation führende alles Maß sprengende Liebesglut der menschlichen Seele und des Körpers eine immer neue Herausforderung dar.

Jetzt im Renaissance Theater beispielsweise mit Jean Racines Drama “Phädra”, das der französische Dichter dem 480 v.Chr. in Salamis geborenen Euripides (gest.406 v. Chr. in Makedonien) entrissen und in pathetische Alexandriner gegossen hat, während sich zeitgleich Jean Baptiste Molière um neue, bürgerliche, psychologische und gesellschaftliche Themen mit geistreichem Witz kümmerte. Für Molière ging es um die Lösung von konventionellen Fesseln, die Entlarvung der Unaufrichtigkeit der Bourgeoisie, die sich hinter Fassaden von affektierter Hohlheit versteckte. Für den Bürger als Edelmann, den Geizigen, den ewigen Kranken und andere Charaktere mehr, die er formte, war Liebe stets ein charmantes Spiel. Racine war weit von ihm entfernt. Doch nicht weniger aktuell. Denn mehr als je und zu jeder anderen neuen Zeit, die kommen würde, bestimmten Liebeshändel, Liebesintrigen, Liebesleid das Leben der feineren Gesellschaft ebenso wie das der einfachen Leute; das Sujet wurde  vielleicht nicht so dramatisch dargeboten, doch bildete es den Kern zu späteren großen Gesellschaftsdramen, war ebenso intensiv, leidvoll oder lustgeprägt wie die götterabhängigen Schicksale der antiken Menschen.

Zu Phädra also, der kretischen Tochter des Minos, deren Schwester Adriadne dem “Helden” Theseus half, den gefürchteten Minotaurus zu besiegen und danach meinte, seiner Liebe sicher zu sein. Aber weit gefehlt. Er zählte ebenso viel Liebschaften wie kriegerische Unternehmungen, entführte dann nach der Ehe mit der Amazonenkönigin Antiope, die ihm den Sohn Hippolytos gebar,  Adriadnes Schwester Phädra, die er nach Athen und Troezene brachte, wo sie ihm zwei Kinder gebar und bis zu dem Zeitpunkt, da das Drama beginnt, in der dramatischen antiken Literatur noch nicht bemerkenswert in Erscheinung getreten war.

Erst als Theseus seinen erwachsenen Sohn Hippolytos präsentiert, verfällt sie in Liebe zu dem schönen jungen Mann  (ihr wahrscheinlich auch altersmäßig eher entsprechend als der alte, von Kriegs- und Liebesabenteuern verbrauchte Theseus). Doch die Staats- und Eheraison ist hart und unerbittlich gegen sei es auch nur gedachter Untreue, und Phädra, wissend darum, verzehrt sich in kaum zurückgehaltener Leidenschaft um den Jüngeren. Nur ihre Amme Önone (Susanne Barth als stolze, gleichsam tief besorgte und liebende Freundin) merkt die krankhafte Veränderung der geliebten Tochter und dringt, um das Hinsiechen Phädras aufzuhalten, nachhaltig in diese, bis sie das Geheimnis preisgibt.

Doch wie diese Königin leidet und in ihrer Qual der verdrängten Gefühle ihr Leben schon aufgegeben hat, das kann wohl nur so eine sprachgewaltige Schauspielerin wie die Kirchhoff darstellen: wie sich Körper und Seele winden, verkrampfen und hinter dem stockenden Geständnis ein schmerzvolles Aufschreien mühsam zurückgehalten wird! Und wie sie dann Leid und Leiden aus sich herauspresst, als plötzliche Kunde vom Tod des Gatten Theseus überbracht wird – er sei auf seiner Heimreise vom Meer verschlungen, und natürlich sind es die Götter, die Meeresungeheuer, die Mächte der für die Menschen jener Zeiten nicht erklärbaren Naturgewalten, die ihr Schicksal bestimmen – als diese Nachricht ihre mühsam aufgebaute seelische Blockade zusammenbrechen läßt, da weiß man, dass nun Verheerendes sich anbahnt.

Die Bühne ist mit einer quer verlaufenden weißen Wand in den Vordergrund gerückt. Sie ist nur mit einem schmalen Spalt versehen, der in das verdeckte Innere des Palastes führen soll. Davor, im äußeren ins Dunkle führenden Bereich, kommen, Botschaften verkündend, die Vertrauten, Freunde und Diener der Königsfamilie. Zunächst erscheint Theramenes, der Erzieher des Hippolytos, der die schlimme Nachricht vom Tode des Vaters dem aus seiner Verbannung zurückgerufenen Königssohn überbringt. Robert Gallinowski ist ein aufrecht besorgter Freund, der sich erstaunlich dezent, wenn das denn bei seiner mächtigen Statur und Stimme möglich ist, zurücknimmt. Bis auch er, am Ende, als nun das Schicksal über alle grausam gerichtet hat, das Gleichgewicht mühsam auf einer höheren Ebene des Geschehens haltend – nämlich hoch oben auf der Mauer –   seinen Körper in der dramatischen Schilderung von Hippolytos’ Heldentod mit dem Blut des Freundes bedeckt hat.

Der junge König, von Jakob Diehl recht artig und feinsinnig als hehre Gestalt, die niemandes Recht verletzen und des Königs Gebot nicht überschreiten will, dargestellt, wird letztlich das Opfer seiner Sprachlosigkeit angesichts des verstörenden Liebesgeständnisses seiner Stiefmutter. Liebt er doch ohnehin die Gefangene seines Vater, die Prinzessin aus der athenischen Königsdynastie, die letzte des Geschlechts, das einst Athen gut und gerecht beherrschte und dann von Theseus vernichtet wurde. Arikia, eine kluge Prinzessin, die den Prinzen liebt und darauf wartet, seine kühle Zurückhaltung durchbrechen zu können, wird von Meriam Abbas gespielt. Allerdings kann sie ihrer Rolle keinerlei dramatische Größe abgewinnen. die ist auch allein Phädra vorbehalten, und Corinna Kirchhoff, die große Tragödie Steinscher Tradition am alten Lehninger Platz, weiß ihre Register zu ziehen, ihr Temperament mühsam zu zügeln bis sie ihre Gefühle einer vulkanischen Eruption gleich auf den verunsicherten Stiefsohn schleudert. Hatte der doch seiner Verbannung wegen zu Recht bislang geglaubt, die neue Frau seines Vaters sei ihm spinnefeind, und nun das! Solche Gefühlsoffenbarungen, die an Selbstmord grenzen, durften einfach nicht wahr sein, und so flieht Hippolyt zunächst erst einmal zu seiner Arikia, der er endlich seine Liebe gesteht, und dann aufs Meer, um das Geschick seines Vaters zu erforschen.

Doch der ist nun wieder auferstanden von den Toten, das Meer hat ihn in der Sprache der Antike wieder freigegeben und zu seinen Lieben an Land zurück geschickt. Doch die empfangen ihn mit kühler Distanz. Eigentlich angesichts der langen Abwesenheit wohl verständlich, doch aus dramaturgischen Gründen eben doch nicht. Und so dringt der verwunderte Herrscher dank einer schützenden Lüge der Amme, die den Sohn eben jener Liebe bezichtigt, die von Phädra Besitz ergriffen hat, in das Gefühlschaos ein, dass sich an seinem Hofe ausgebreitet hat. Wolfgang Michael ist – sicherlich absichtlich – kein strahlender Held vieler Eroberungen, sondern gleicht eher einem zermürbten, abgerissenen Heimkehrer aus dem zweiten Weltkrieg, verbittert, erschöpft, enttäuscht nun auch noch vom Wirrwarr am Hofe. Er schlägt und verbannt den Sohn, der wie ein Gentlemen über den wahren Sachverhalt schweigt und in ein Heldenabenteuer flieht. Theseus ahnt die fürchterliche Wahrheit und wirkt nun noch verhärmter. Als er vom Tod der Amme, dem Hinscheiden seiner Frau und dem Unglück des Sohnes erfährt, nimmt er sich, des Sohnes letztem Wunsch entsprechend, der einstigen Feindin und Schwiegertochter Arikia an, die nun zur Erbin aller Besitztümer und Trösterin des Theseus in kommenden Zeiten wird.

 Antikes Vollblutdrama auf das Wesentliche reduziert: auf Liebe und Tod.  

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